Stadtleben

Die andere Stadt: Ljubljana

LubljanaImmerhin – die Japaner sind schon da. Ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Audioguide
gerichtet, wuseln sie durch den Hof der Burg, die majestätisch über der Innenstadt von Ljubljana thront. Von dort hat man eine wunderschöne Sicht auf die Stadt bis hin zu den Alpen. Dass die Japaner diesen Ausblick, diese Stadt und dieses Land überhaupt gefunden haben, kann einen erstaunen. In Deutschland erntet man bei der Erwähnung von Slowenien entweder ratlose Blicke – oder das Land wird gleich mit der Slowakei verwechselt. Dabei hatte Slowenien nicht nur im ersten Halbjahr 2008 die EU-Ratspräsidentschaft inne. Es bietet auch von den Hochalpen bis zum Mittelmeer beeindrucken­de Landschaften.

Und eben seine Hauptstadt, wo mit gut 270.000 Einwohnern kaum mehr Menschen wohnen als in Fried­richs­hain-Kreuzberg und die eine der entspanntesten Hauptstädte Europas sein dürfte. Bei einem Bummel durch die Altstadt fallen als Erstes die vielen Festivalankündigungen ins Auge – Tangofestival, Ballett-Tage, Orto-Festival. „Obwohl die Stadt relativ klein ist, passiert hier kulturell ziemlich viel“, sagt Alma, eine junge Frau, die in Ljubljana geboren wurde und in einem alternativen Kulturzentrum arbeitet. Beim Orto-Festival im April zum Beispiel spielt vier Wochen lang jeden Abend eine Band in der Orto-Bar. Der kleine, ver­rauch­te Club mit den rot bemalten Wänden ist eine echte Institution. Mit internationalen Gästen wie der Hardcore-Punk-Combo Agnostic Front aus den USA oder der italienischen Metal-Parodie-Band Nanowar (Foto)werden eher lautere Töne angeschlagen. Und wenn die Lokalband Melodrom mit ihrer Mischung aus Alternative-Rock, Kam­mermusik und TripHop auftritt, sind die Karten sehr rar.

Beinahe jedes Jahr bereichert ein neues Festival die Kulturszene von Ljubljana, 2008
waren es die Ballett-Tage. Und zum internationalen Tango-Festival, das dieses Jahr im April zum fünften Mal stattfindet, wird Josko, ein Freund von Alma, wieder extra für ein Wochenende aus Kroatien anreisen – dem Nachbarland, das einst wie Slowenien zum Vielvölkerstaat Jugoslawien gehörte.
Erst 1991 wurde Slowenien zum ersten Mal in seiner wechselhaften Geschichte ein
unabhängiger Staat. Auf dem zentralen Preseren-Platz, nach dem Nationaldichter France Preseren (1800–1849) benannt, spürt man die österreichischen und italienischen Einflüsse, die die Stadt geprägt haben. Zwischen reich verzierten Jugendstilfassaden auf der einen Flussseite und mittelalterlich-barocken Häuschen am anderen Ufer schlägt dort das Herz von Ljubljana – flankiert durch die romantischen, von Joze Plecnik entworfenen drei Brü­cken. Der Stadtname bedeutet nicht um­sonst „die Geliebte“.

Den Tag beginnt man in Ljub­ljana am besten in einem der zahlreichen Cafйs am Ufer der Ljubljanica. Doch auch hier würde der Espresso immer teurer, klagt Ksenija, eine junge Englischlehrerin, die zum Studium aus einer Kleinstadt nach Ljubljana gezogen und geblieben ist. „Seit der Euro-Einführung 2007 sind die Preise stark gestiegen. Eine eigene Wohnung in der Innenstadt kann man sich heute als Normalbürger kaum noch leis­ten.“ Ksenija wohnt mit zwei anderen jungen Englischlehrerinnen in einer WG. Mitbewohnerin Tatjana möchte bald ein paar Monate durch Europa reisen. „Ich unterrichte seit zehn Jahren Englisch und brauche eine Pause“, sagt sie. „Ich arbeite an einer allgemeinbildenden Schule, an zwei Sprachschulen und gebe auch noch Privatunterricht – bis zu zehn Stunden am Tag.“ Es wird ihr erster längerer Auslandsaufenthalt sein.

Lubljana
Die WG-Gemeinschaft hat aber nicht nur finanzielle Gründe. „Wir genießen unsere
Unabhängigkeit, gehen gern feiern und haben oft viele Freunde zu Besuch“, sagt Ksenija. „Hier in Ljubljana kann man das noch am ehesten machen. Ansonsten wird man schon schief angeguckt, wenn man mit 30 noch nicht verheiratet ist und in einer eigenen Wohnung lebt. Die eigene Wohnung ist für die Slowenen so was wie das Lebens­ziel.“ Für die jungen sowieso. Mehr als ein Siebtel der Bevölkerung seien Studenten. „Deshalb sieht man hier viele junge Leute“, sagt Ksenija. „Sie prägen die Stadt und machen sie so lebendig.“ Und so entspannt.

Text und Fotos: Imke Plesch

Anreise

Es gibt von Berlin aus keinen Direktflug. Easyjet fliegt von Schönefeld über London, Lufthansa von Tegel z.B. über München. Direkte Zugverbindungen (sechs Stunden Fahrzeit) starten von München aus.

Unterkunft und Ausgehen

Ungewöhnlich: die Jugendherberge in einem ehemaligen Gefängnis, dessen Zellen von 20 Künstlern individuell gestaltet wurden (www.souhostel.com). Sie liegt auf einem einstigen Militärgelände, Metelkova, dem wichtigsten alternativen Ausgehort in Ljubljana.

Essen und Trinken

Traditionelle Küche bietet das Sokol (Ciril-Metodov trg 18) in der Altstadt oder im
Krakovo-Viertel das Trnovski Zvon und das Pri Skofu. Ein Geheimtipp: die Knafljev prehod, eine versteckte Passage neben dem Preserenplatz mit Pub, mexikanischem Restaurant und einer Lounge.

Besonderes Souvenir

Salzprodukte im Feinschmeckerladen Piranske Soline (Mestni trg 19), unter anderem Schokolade mit Salz von der slowenischen Adriaküste.

Mehr über Cookies erfahren