Stadtleben

Die andere Stadt: Lyon

Montee de la Grand Cote in Lyon„Wie viele Flüsse gibt es in Lyon?“ Bruno – ein Taxifahrer im Stile Jacques Tatis – lächelt erwartungsfroh, um sogleich die Antwort selbst zu liefern: „Drei! – Die Rhфne, die Saфne und den Beau­jolais!“ Dieser Witz ist wahr­schein­lich so alt wie Lyon selbst, und dennoch bringt Bruno ihn mit solch verschmitztem Charme, dass sofort all die Klischees französischer Lebensart hervorgekitzelt werden. Zu Recht! Denn die Heimat des Jahrhundertkochs Paul Bocuse gilt nicht nur kulinarisch als exquisit. Lyon ist ein Kleinod an Kultur mit über 2000-jähriger Geschichte. Die ver­win­kelte Altstadt, vernetzt durch unzählige Häuserpassagen – die berühmten Traboules – entzückt sofort. Kaum vorstellbar, dass das heute zum UNESCO- Weltkultur­erbe zählende „Vieux Lyon“ (Altes Lyon) noch vor drei Jahrzehnten abgerissen werden sollte.

Die Altstadt liegt zu Füßen zwei­er Hügel, des Colline de la Fourviиre mit der darauf thronenden Basilika Notre Dame und dem 2000 Jahre alten römischen Amphitheater sowie des Croix Rousse. Der Berg und Stadtteil ist die Wiege der französischen Seidenweberkunst. Unzählige Treppen über die Montйe de la Grande Cфte führen hinein in ein Stück Lyonaiser Industriegeschichte. Von hier oben scheint es, als könne man die Alpen greifen, das Meer schme­cken und Paris hören. Denn keines dieser Ziele ist weiter als zwei Stunden Fahrt von hier entfernt.

Traboule in Lyon
Heute ist das Croix Rousse nach Jahren des Leerstands Schmelztiegel für Zugewanderte, Künstler und Studenten. Sinnbild dessen ist das Village des Crйateurs in der Pas­sage Thiaffait. Das „kreative Dorf“ avancierte durch geschickte Projektplanung von einer fast vergessenen Traboule zur Spielwiese junger Modeschaffender irgendwo zwischen Street-Art und Haute Couture. Ähnlichen Erfolg intelligenter Stadtentwick­lung findet man am Ufer der Rhфne wieder. Vor gerade einem Jahr mit Spielflächen, Sportplätzen und Grünanlagen aufwendig saniert, hat sich das Ufer von einer Betonwüste hin zum Treffpunkt der Stadt gewandelt.Das Rhфne-Ufer ist so nicht länger Puffer, sondern soziales Bindeglied zwischen den Milieus.

Das wurde besonders zu den Nuits Sonores deutlich. Das Festival macht Lyon immer im Mai zur Hochburg elektronischer Musik und annektiert dabei unter anderem das Pis­cine – ein Freibad direkt an der Rhфne mit UFO-artigen Flutlichtungetümen. Darin spiegelt sich auch die Grundidee der Nuits Sonores, teilweise vergessene Architektur neu zu entdecken und direkt per Bassdrum in den Fokus zu kicken – 2008 etwa die Dachterrasse eines Güterbahnhofs und die alte Industriebrache SLI. Dort entstand in diesem Jahr ein Klein-Berlin mit Alexanderplatz, Maria Bar und Babylon Kino, denn die urbane Erforschung der Stadt fand mit Berlin als Partnerstadt das ideale Pendant. Maria Bar beim Nuits Sonores 2008 in Lyon

Was die Nuits Sonores im Frühling, ist die Fкte des Lumiиres im Winter. Nach den Lyoner Filmpionieren, den Brüdern Lumiиre benannt, zieht das Lichtspektakel jeden Dezember rund eine Million Besucher an – und verdreifacht so kurzfristig die Einwohnerzahl von knapp 500.000. Offiziell allerdings jonglieren die Lyoner lieber mit der Zahl von 1,2 Millionen Einwohnern, wobei sie fleißig den Ballungsraum mit einbeziehen. Grund für die akribische Rechnerei der sonst eher unprätentiösen Einheimischen ist wohl das Selbst­­verständnis der Franzosen. Denn alles abseits Paris wird grundsätzlich zur Provinz degradiert. Und das nagt doch gehörig am Metropolen-Bewusstsein der Lyoner, deren Stadt lange vor Paris einmal Hauptstadt Frankreichs gewesen ist. Außerdem wetteifert Lyon mit der Hafenstadt Mar­seille um den Titel der zweitgrößten Stadt Frankreichs. Marseille hat zwar im Kern mehr Einwohner, dafür ist Lyons Umland dichter besiedelt. Die Konkurrenz gipfelte in diesem Jahr in der Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas 2013. Im Kopf-an-Kopf-Rennen siegte schließlich Marseille. Eine bittere Niederlage für Lyon und auch für Bruno, der es sich in seinem Taxi aber trotzdem nicht nehmen lässt, seine Gäste mit ein paar Witzen zu unterhalten.

Text: Dana Sohrmann und Rico Vogt

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Anreise
Air France fliegt einmal täglich on Tegel nach Lyon.
Unterkunft
Zwei-Sterne-Hotels kriegt man für ca. 50 Ђ/DZ. Sehr charmant, aber teurer ist das Collиge Hotel am Place Saint-Paul. Die Originaleinrichtung der ehemaligen Schule mit Bibliothek und Essensraum ist im Souterrain beibehalten worden. Preise: 110 Ђ/EZ, 130 Ђ/DZ, www.college-hotel.com
Essen und Trinken
Den besten Ausblick hat man vom noblen Dachgartenrestaurant der Lyoner Oper. Preislich okay und sehr lecker sind die minze­gespick­ten Speisen im La Menthe. Das puppenhausartige, kleine Res­taurant liegt am ruhigen Ende der Cafйmeile Rue Merciиre.
Einkaufen
Im Village des Crйateurs in der Passage Thiaffait, 19 rue Renй Leynaud (Croix Rousse), findet man alles vom Super-Öko-T-Shirt mit Aufdrucken bis hin zum ausgefallenen Gewand. Viele kleine Boutiquen gibt es außerdem rund um den zentralen Place de Terraux.
Termine
Fкte de Lumiиres: 5. bis 8. Dezember 2008;?im März lockt das Festival zeitgenössischer Musik, Musiques en Scиne. Das nächste Nuits-Sonores-Festival findet vom 20. bis 24. Mai 2009 statt. Mehr Infos: http://www.lyon-france.com/ oder www.rhonealpes-tourisme.com

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