Stadtleben

Die andere Stadt: Odessa

stairsEs ist ein wahrhaft triumphaler Gang zum Amphitheater von Bucht und Hafen: Die 30 Meter hohe Potemkin-Treppe gilt als steinerne Ikone des 20. Jahrhunderts. Heute dämpfen eine am Ufer vorbeiführende Straße und der verlotterte Fähren-Terminal die grandiose raffinierte Wirkung, dennoch ist die Treppe immer noch der atemberaubende Bühnenaufgang zu einer Stadt, die einmal Welttheater war: Odessa.
Der Mythos Odessa, ein komplexes Symbol, eine Chiffre: für Emigration, für das Fremdsein in der Welt, für eine historische Station der Revolution und für den Mythos der Kleingangsterwelt. Es war das Marseille und das San Francisco des Ostens, Klein-Paris, die Weiße Perle am Schwarzen Meer. Der Legende nach verfügte Katharina die Große, die einen für den russischen Getreideexport dringend benötigten Handelshafen und ein Tor zum Mittelmeer brauchte, bei einem Ball, dass hier, am Schnittpunkt von Steppe und Meer, eine von aufklärerischen Ideen bestimmte Stadt aus dem Nichts geschaffen werde.
1795 gegründet, war sie, streng geometrisch mit im rechten Winkel zueinander stehenden Vierteln angelegt, ein Sieg kühler Planung und kühner Realisierung. Bereits zwei Jahre nach der Gründungsfeier gab es eine Oper, eine Börse, eine Kathedrale und ein Zensuramt. 100 Jahre nach dem Reskript der Zarin war der Freihafen die viertgrößte Stadt des russischen Imperiums, eine Vielvölkerstadt mit außergewöhnlichen Privilegien und Vergünstigungen. Hier gab es keine Leibeigenschaft, und die Juden unterlagen keiner Aufenthaltsbeschränkung.


Odessas große Liebe ist das Meer – und der Hafen war von Anfang an Odessas Schicksal. Vom milden Klima unterstützt (circa 285 Sonnentage jährlich) schuf er eine weltoffene, lebenslustige Atmosphäre und einen frei?zügigen, internationalen Lebensstil, gekennzeichnet durch Toleranz, Spontaneität und Improvisationsfähigkeit. Hier wurde der legendäre Odessa-Jazz geboren und ein spezieller, jüdisch gefärbter Sprachwitz, der knapp, saftig, ironisch, melancholisch ist.
sailors_family_monumentDieses Odessa, dem der Schriftsteller Isaak Babel mit seinen Geschichten aus dem jüdischen Viertel Moldowanka ein unvergleichliches Denkmal geschaffen hat, war schon immer von Brüchen, Aufschwüngen und Pausen bestimmt. Der Niedergang aber begann während der Stalin-Ära, als Odessa für den Außenhandel fast völlig geschlossen wurde und die quirlige Metropole zu einem öden Provinzzentrum verkam.


Heute untermalen Technobeats das Leben der Stadt. Das Nachtleben ist explosiv und am schönsten am Strand von Arkadija, der ukrainischen Antwort auf Las Vegas. Vielleicht sind es die Wohnverhältnisse, jedenfalls findet Odessas Leben in der Öffentlichkeit statt. Nichts lieben die Leute mehr, als auf den schattigen Prachtboulevards zu flanieren, wo man die Freiluftpartys genießt. Hier zeigt Odessa seine unwiderstehliche Mischung aus Ost-Charme und mediterranem Flair.
Odessa paradox – eine russische Millionenstadt in der seit 1991 „neuen“ Ukraine, in der jeder jeden zu kennen scheint. Der wundervolle historische Kern ist behutsam ausgebessert worden, und die Lebensfreude der Odessiten ist ungebrochen. Aber der Hafen und die großen Betriebe bedürfen der Modernisierung und der Investitionen, Probleme mit der Wasser- und Elektrizitätsversorgung gibt es weiterhin.
Dennoch: Die Stadt ist im Aufbruch. Als See- und Agrarregion, als Spenderregion für den ukrainischen Haushalt hat sie gute Chancen, sich wirtschaftlich zu entwickeln und sich dabei ein neues Antlitz zu geben. Dies geschieht auch in der Suche nach dem Anschluss an die alte Identität: Korridor der Geschichte, Stadt von Handel, Verkehr, Kultur und Amüsement. Gleichzeitig verändert sich die Stadtgemeinschaft gewaltig: Die Zuwanderung aus dem Hinterland und dem Kaukasus ist hoch, ebenso die Emigration, vor allem von jungen Juden.
Odessa ist eine bittersüße Passion im Blut, die ihre eigene Macht hat. Das wirkliche Odessa trägt jeder mit sich selbst herum. Viele, wenn sie konnten, gingen weg, um dann, in alle Winde zerstreut, von Odessa zu träumen.

Text: Egbert Hörmann

Mehr über Cookies erfahren