Stadtleben

Die andere Stadt: Oslo

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Es ist Donnerstagabend, der Himmel hängt schwer über dem Mittelalterpark in Oslo. Am Nachmittag haben sich Sprühregen und Nieselregen abgewechselt, doch das ist jetzt egal, denn Animal Alpha betreten die Bühne. Die Sängerin Agnete Kjшlsrud hat ihr Gesicht weiß geschminkt und ihre platinblonden Haare hochgebürstet. Zu einer Art Frack trägt sie schwarz-weiß-geringelte Strumpfhosen, und ihr Gesangsstil ist mindestens so eigenwillig wie ihr Erscheinungsbild: Mal klingt sie wie eine verzweifelte Opernsängerin, mal wie eine nordische Siouxsie Sioux, und mal wie eine Katze, der man Amphetamine unters Futter gemischt hat.

Animal Alpha gehören zu den erfolgreichsten Bands Norwegens, entsprechend bunt ist ihr Publikum: Vor der Absperrung drängen sich gestandene Headbanger in Denim und Leder, riesige Blondinen in bunten Röcken und geblümten Gummistiefeln und Wikinger-Hippies mit Vollbärten und Batikstirnbändern; weiter hinten sieht man andächtige Ehepaare in wasserfesten Jacken, und dazwischen immer wieder Kinder mit Gehörschutz, die Plastikbecher und Pizzakartons einsammeln, um mit dem Pfand ein paar Kronen zu verdienen.

Oslo_Espen_Stranger_Seland„Wir buchen nur Künstler, die wir selbst gut finden“, sagt Claes Olsen, der jedes Jahr im August das fünftägige Шya-Festival am Osloer Hafen organisiert. Dass Olsen und sein Team einen recht ungewöhnlichen Geschmack haben, zeigte sich schon beim Konzert der berüchtigten Knüppelkapelle Mayhem am Vorabend. Da war wirklich der Teufel los: Chefgrunzer Attila Csihar trug eine Fischmaske, an seinem Jute-Kostüm hatte er rohe Fleischlappen befestigt. Gegen Ende seiner infernalischen Performance schnitt er sich eine blutige Babypuppe aus dem Leib, die vermutlich den Antichrist darstellen sollte.


In Deutschland würde eine kompromisslose Brut wie Mayhem allenfalls ein Nischenpublikum erreichen, hier oben im Norden ist die Band ein Mainstream-Phänomen. „Norwegen ist ein kleines Land“, sagt Olsen. „Deshalb ist unser Festival eine große Sache.“ Zum ersten Шya-Festival vor elf Jahren kamen ein paar tausend Besucher, inzwischen werden über 40.000 Tickets verkauft. Olsen muss keinem erklären, warum finsterer Black Metal und theatralischer Horror-Pop genauso künstlerisch wertvoll sind wie eine Inszenierung an der Staatsoper. Seine Landsleute haben offensichtlich ein sehr fortschrittliches Verständnis von nationalem Kulturgut. Während vergleichbare Open-Air-Veranstaltungen in anderen Länden zumeist hinter den sieben Bergen ausgetragen werden, hat Olsen die Erlaubnis, ein Gelände zu bespielen, das gerade mal zehn Gehminuten vom Osloer Hauptbahnhof entfernt liegt. Es scheint niemanden zu stören, dass der Festivallärm auch auf dem Dach des neuen, gletscherförmigen Opernhauses zu hören ist, das als 500 Millionen Euro teures Wahrzeichen der Stadt ans Hafenbecken gestellt wurde.

Oslo_Julie_Loen„Wir müssen von klein auf mit extremen Bedingungen zurechtkommen“, sagt Ene Henriksen, „vielleicht kommt es daher, dass Musik, die anderswo als extrem empfunden wird, bei uns in Norwegen so beliebt ist.“ Ene lebt auf einer kleinen Insel jenseits des Polarkreises, wo es im Sommer nicht dunkel wird und im Winter nicht hell. Zusammen mit seiner Frau Anita hat er über 1000 Kilometer zurückgelegt, um sich den australischen Sänger Nick Cave und sein Projekt Grinderman anzusehen.
Höhepunkt des Donnerstags ist jedoch ein Jubiläumsauftritt von Turbonegro. Die charismatische Rockerbande spielt ihr legendäres Album „Apocalypse Dudes“ am Stück nach, Sänger Hank von Helvete wackelt mit seiner eindrucksvollen Wampe, und hinter ihm sprühen Feuerfontänen in den Nachthimmel. Aus ganz Skandinavien sind fanatische Anhänger der Gruppe angereist, um diese Show mitzuerleben. Man erkennt sie an den weißen Matrosenkäppis und den dunkelblauen Jeansjacken mit der Aufschrift „Turbojugend“. Viele von ihnen haben eine Art Kriegsbemalung aufgetragen, die an die Droogs aus Stanley Kubricks „Clockwork Orange“ erinnert. Das jüngste Mitglied der Turbojugend heißt übrigens Amalie Risvold. Amalie ist sieben Jahre alt.

Text: Heiko Zwirner

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