Stadtleben

Die andere Stadt: Sewastopol

SewastopolIm zentralen Park von Sewastopol gibt es eine Anhöhe, die einen grandiosen Blick auf die schneeweiße Stadtkulisse und viele Buchten bietet. Die Krim. Es ist wie in einem Amphitheater. Dort steht Elena, eine Rentnerin und ehemalige Kunsthistorikerin, und breitet pathetisch ihre Arme aus: „Jeder Stein hier ist blutgetränkt! Ja, es ist eine Heldenstadt – aber um welchen Preis!“ Die Krim, die „russische Riviera“ – immerhin von der Größe Belgiens –, ist immer noch ein Mythos. Magisch klingen schon die Städtenamen: Jalta, Odessa, Koktebel, Kertsch. Sie regen russische Seelen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, als hier an der Küste des Schwarzen Meeres eine kunstvolle Park- und Villenlandschaft entstand, zum Träumen von Süden und Freiheit an.

Von geheimnisumwitterter Fas­­zination war dabei stets Se­was­topol, Heimathafen der Schwarzmeerflotte, bis 1991 eine hermetisch geschlossene Stadt, die nur mit einer Sondergenehmigung betreten werden durfte. Nach der russischen Eroberung der Krim im Jahre 1783 durch Katharina II. baute man am alten Handelshafen den Flotten-Stützpunkt auf. Bis heute dominiert er die Stadt. Die Flotte ist im Besitz von zahlreichen Gebäuden und Einrichtungen, von viel Grund und Boden. Zweimal wurde Sewastopol in Kriegen völlig zerstört und wieder aufgebaut – im Krimkrieg von 1854 bis 1855 und im Zweiten Weltkrieg, bei dem die Stadt sich 250 Tage lang gegen die 200.000 Mann starke Wehrmacht verteidigte. Dies sind kollektive Erfahrungen, die den Geist und die Identität Sewastopols als Heldenstadt und Stätte des sowjetischen Ruhms nachhaltig manifestierten.

Die Jahre der Isolation hatten aber auch ihr Gutes. Im Gegensatz zu anderen ehemals sowjetischen Städten ist Sewas­to­pol mit seinen fast 400.000 Einwohnern gepflegt und sauber – zumindest das Zentrum. Es gibt rund 2000 Denkmäler und Monumente. Gebäude im sowjetisch-neoklassizistischen Stil versprühen ein vornehmes, mediterranes Flair. Und als Urlaubsort ist die Stadt besonders für osteuropäische Besucher sehr „trendy“. Das subtropische Klima trägt zu einer entspannten, leichtlebigen Atmosphäre bei. An der Oberfläche. Es ist eine vertrackte Laune der Geschichte, dass das erzrussische Sewastopol nun zu der seit 1991 unabhängigen Ukraine gehört. Chruschtow „schenkte“ die Halbinsel Krim 1954 der damaligen Sowjetrepublik zur 300-Jahrfeier der russisch-ukrainischen Vereinigung. Bis zum Zerfall des Sowjetimperiums war es ein bedeutungsloser Verwaltungsakt. Fortan aber gehörte die Krim mit einem Bevölkerungsanteil von 70 Prozent ethnischen Russen aus russischer Sicht zum Ausland. Noch heute besitzt Russland 81 Prozent der Schwarzmeerflotte. Nach jahrelangem Hin und Her hatte es mit der Ukraine 1997 ein kompliziertes Stationierungsabkommen abgeschlossen. Das läuft 2017 aus. Was wird dann werden?
Tourismus und der Ausbau des Hafens für zivile Zwecke scheinen keine wirkliche Alternative zu sein. Die russische Marine ist der wichtigste Arbeitgeber der Regi­on, für die Hafenpacht zahlt Mos­kau jährlich 100 Millionen US-Dollar an die Ukraine. 23.000 zivile Arbeitsplätze hängen von der Flotte ab, und 20 Prozent der Steuereinnahmen. Obgleich sie ihre militärische Bedeutung bereits um 1996 verlor, ist ihr Mythos ungebrochen: als Symbol russischer Seemacht und maritimer Tradition – und als Instrument russischer Politik. Und der neue Kampf um Se­was­topol ist – zumindest verbal und symbolisch – bereits im vollen Gange.
Die Kiewer Zentralregierung tut alles, um die Stadt zu „ukrainisieren“. Moskau dagegen glaubt, auf eine militärische Präsenz auf der Krim nicht verzichten zu können. Und dann ist da noch der heftige Flirt Kiews mit der NATO. Sollte die ukrainische Regierung das Land in naher Zukunft in das NATO-Beitrittsprogramm „Member-ship Action Plan“ führen, dürfte der Konflikt weiter eskalieren.
Deshalb gilt weiterhin, was der Schriftsteller Vladimir Nabolow schon im April 1919 schrieb, als er mit dem Schiff von hier aus in sein Auslandsexil aufbrach: „Und so blieb ihm Sewastopol im Gedächtnis: frühlingshaft, staubig und unter dem Druck einer leblosen, traumhaften Unruhe.“

Text: Egbert Hörmann
Foto: McPhoto/vario images

Anreise Hin- und Rückflug von Berlin zur Krim-Hauptstadt Simferopol mit Air Baltic oder Ukraine International Airlines (Preise saisonbedingt).
 
Unterkunft In der Gegend um den Bahnhof werden von Privatpersonen Einzelzimmer und ganze Wohnungen angeboten. Attraktiv, aber teurer: das im Boutique-Hotel-Stil renovierte Hotel Olymp aus dem 19. Jahrhundert (ab etwa 90 Euro).
 
Essen & trinken Fisch: Rybatski Stan in der Artilleriebucht. Bestes Restaurant: Traktir 1854, Bolschaja Morskaia 8.
 
Sehenswert
Museum der Schwarzmeerflotte; Wladimir-Kloster (Ruhestätte berühmter Admiräle); Basare im Zentrum; das Panorama-Museum mit einem einzigen, gigantischen 360-Grad-Gemälde, auf dem die Schlacht um Sewastopol von 1855 dargestellt wird.

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