Stadtleben

Die andere Stadt: Tartu

TartuZwei junge Männer und ein Mädchen sausen an einem Drahtseil über den Fluss. Am anderen Ufer angekommen, springen die Männer in ein Holzboot und beginnen wild zu paddeln. Das Mädchen erklimmt das Geländer der Brücke, klammert sich an einen Flaschenzug und fliegt damit zurück über den Fluss. Das Wasser spritzt hoch auf, als sie poüber darin landet. Hunderte Zuschauer am Ufer klatschen und pfeifen. Die Sonne strahlt.

So wie an der Bogenbrücke bricht sich in diesen Tagen an vielen Plätzen Tartus der Übermut Bahn. Von Bierkästenklettern über Seifenkistenrennen bis zu Treppenhüpfwettkämpfen reicht die Palette der Verrücktheiten, ausgeheckt von den Studenten der Tartuer Universität, die alljährlich im Frühling sich selbst und ihre Stadt feiern. Die Einwohner freuen sich über die Ulkwoche und kommen in Scharen herbei, keiner rümpft die Nase und sagt: Die sollen mal lieber lernen.

Tartu und seine Universität – wie keine andere Institution beförderte die Lehranstalt, gegründet 1632 vom schwedischen König Gustav Adolf II., das nationale Erwachen der Esten. Fast alle Politiker, Wirtschaftsleute und Künstler der Baltenrepublik gingen durch ihre Tür. Tartu nennt sich deswegen auch stolz „heade mхtete linn“ – die Stadt der guten Gedanken.

Dabei sah es lange nicht gut aus für Tartu und seine Gedanken. Die strategisch bedeutsame Lage der Stadt an der Grenze zwischen Russland und Europa schadete ihr eher, als ihr zu nützen. Jahrhundertelang schlugen sich hier fremde Machthaber die Köpfe ein: Russen, Dänen, Schweden, Polen und Deutsche. Auszubaden hatten es immer die Bewohner, deren Zahl im Jahre 1721 auf kümmerliche 21 gesunken war.

Heute ist Tartu mit rund 100.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes – und die jugendlichste: Fast die Hälfte der Tartuer ist jünger als 30, circa 20.000 Studenten leben hier. Nach der Vorlesung jobben sie in den umliegenden Geschäften, kellnern in den Cafйs oder klappen im Park ihre Laptops auf. Abends strömen sie in die Clubs und Kneipen, die sich alle in Citynähe befinden, so dass einer Clubtour zu Fuß nichts im Wege steht.

Ein guter Beginn ist der Püssirohukelder (Schießpulverkeller, Lossi 28), den Katharina II. im 18. Jahrhundert in den Domberg hauen ließ. Das zweistöckige Gewölbe – mit 10,2 Metern Deckenhöhe die höchste Kneipe der Welt – bietet rotes Hausbier an, das man gewöhnlich literweise bestellt. Das macht die Karaoke- und Tanzabende noch lustiger. Samstags spielen Bands aus Estland und bringen die alten Ziegel zum Vibrieren.

Nicht nur für die Ohren, sondern für den ganzen Kopf ist der Genialistide klubi (Lutsu 2). Das wohl älteste Holzhaus Tartus wendet sich an kulturbegeisterte Menschen. Am frühen Abend gibt es Theater, Literatur oder Filme, die der Besucher auf dicken weichen Kissen genießt. Danach erklingt Musik fernab herkömmlicher Tanzklischees. Beliebt ist die Studentendisko, bei der jeweils eine Fachrichtung den Sound bestimmt.

Am Rand der Innenstadt liegt der Club Tallinn (Narva mnt 27a). 2007 erhielt er eine zusätzliche HipHop-Area und ein verglastes Raucherabteil. Mittwoch bis Sams?tag legen hier die besten estnischen DJs Musik von Retro bis Trash auf. Doch Vorsicht! Im Sommer verzieht sich das ganze Haus mit allem beweglichen Gut in Estlands Sommerhauptstadt Pärnu. Eine verlässlichere Adresse ist das wenige hundert Meter entfernte Illusion (Raatuse 97). In dem 1954 erbauten Kino fanden schon zu Sowjetzeiten legendäre Underground-Partys statt.

Die kitschig-glamouröse Einrichtung mit Plüschbalkon, Kronleuchtern und Spiegelbällen hat Innenarchitekt Jaanis Ilves besorgt, er selbst bezeichnet seine Deko-Arbeit als „schrecklichschön“. Auch Licht und Sound sind hier „schrecklichschöner“ als in anderen Clubs. Wohl deswegen gibt es Türsteher, was nicht üblich ist in Estland. Durchs Haus toben Blondinen, Edelpunks und biedere Banker mit Krawatte. Wenn die vom Tanzen erschöpft sind, wird das „Nachhausgehlied“ gespielt, und dann gehen tatsächlich alle brav nach Hause – oder aber ins Zavood (Lai 30).

In dem laut-chaotischen Kellerschuppen endet jede Party gut. Zavood, auf Russisch „Fabrik“, ist gleichzeitig Bar, Kneipe, Kickerraum. Obwohl die Räume alles andere als einladend wirken, fühlt man sich hier sorglos und frei. Besucher können am Tresen außer Getränken auch Lieder bestellen. Dröhnen die dann aus den Boxen, kommt es auf dem knappen Platz zwischen Autositzen und Wasserrohren schnell zu Tanzattacken. Doch irgendwann ist auch im Zavood Schluss mit lustig. Die Barfrau holt den Besen vor und schickt die Frühschwärmer in die Sommernacht, die hier in Tartu weder schwarz ist noch weiß, sondern ultramarin.

Text: Ivo Mailand

Wichtig zu wissen:

Anreise
Mit EasyJet von Berlin in 90 Minuten nach Tallinn oder Riga. Von Tallinn zweieinhalb, von Riga vier Stunden mit dem Bus bis Tartu.

Unterkunft
Die Stadt hat Hotels, Pensionen und Studentenwohnheime (www.tartu.ee).
Freundlich, zentral und skandinavisch-hell
das Uppsala-Haus (Jaani 7, Tel. 00372-736 15 35).

Weitere Infos unter www.visittartu.com.

Feste und Festivals

29.6. Tartu Stadtfest

17.-24.7. Musikfestival „Glasperlenspiel“

18.-20.7. Tartuer Hansetage

19.-19.7. Musikfestival „Plink-Plonk“

5.-10.8. 5. Baltisches Chorfestival

7.-10.8. 15. Akkordeonfestival

15.-17.8. 3. Emajхgi-Festival

20.-23.8. 4. Internationales Blechblasfestival

21.-24.8. Extremsport-Festival

25.-30.8. Open-Air-Filmfestival „tARTuFF“

 

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