Stadtleben

Die andere Stadt: Tiflis

Tiflis_Foto_Harry_Schnitger

Vor ein paar Wochen habe ich Tiflis verlassen; schon da war die Situation gespannt. Täglich gab es Demonstrationen vor dem Parlamentsgebäude, Sprechchöre beschuldigten den Präsidenten der Wahlfälschung und Korruption. Autos brannten, abends brodelten die Cafйs und Restaurants von Gerüchten: Neuwahlen, Militärputsch, Ausnahmezustand wie im Nachbarland Armenien. Alles schien möglich, jede denkbare Katastrophe wurde in düstersten Farben an die Wand gemalt – nur diesen Krieg um Südossetien hatte niemand, wirklich niemand auf der Rechnung.

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„Jetzt ist wieder alles ruhig“, versichert der Freund. „Das Wetter ist herrlich, nicht wie bei euch. Abends ist der Rustaveli-Boulevard voller fröhlicher Menschen, als ob nichts gewesen wäre. Aber wie lange hält das?“
Tiflis ist ein Juwel, die schönste Stadt im Kaukasus – berühmt für die Gassen ihrer Altstadt, ihre Kirchen, ihre Burg hoch über der Stadt. Der Besucher fühlt sich an Budapest vor zwanzig Jahren erinnert, spätestens wenn er sich nach einem Stadtbummel in einem der Thermalbäder erholt. Doch noch Mitte der neunziger Jahre drohte Tiflis im Bürgerkrieg zu versinken. Wer heute nach Tiflis kommt, sieht davon keine Spuren mehr. Im Gegenteil: Kirchen, Paläste, Theater funkeln in neuem Glanz, der botanische Garten wird neu bepflanzt. Sogar die Tiere des Zoos sollen – geringfügig – größere Käfige spendiert bekommen. Was allerdings ein Gerücht ist, und von Gerüchten brodelt die Stadt zu jeder Tages- und Nachtzeit. Der Oppositionsführer Patarkatsischwili stirbt im Londoner Exil. Kein Herzversagen, niemals! Ein Attentat, Gift, die Regierung, der Präsident selbst steckt dahinter! Da können noch so viele – britische – Obduktionen die natürliche Todesursache bestätigen, in Georgien glaubt man seit Generationen lieber seinem Nachbarn als der Zeitung. Jahrhunderte der Besetzung, Zerstörung und Fremdbestimmung haben sich tief ins kollektive Bewusstsein gefressen. Mongolen, Perser, Türken, Russen sind über die Stadt hergefallen, haben gebaut, geplündert und wieder gebaut – Herr ihres Schick-sals waren die Georgier fast nie. Und so hat dieser letzte Krieg dem kleinen Land – vier Millionen Einwohner, nicht einmal die Fläche von Bayern – einige neue Wunden geschlagen; vor allem aber hat er alte Wunden weit aufgerissen. Der Russe, der Iwan, der Bär – diesmal hat er nur seine Tatze gehoben. Beim nächsten Mal schlägt er zu!

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„Eines hat unser Präsident erreicht“, sagt der Freund am Telefon. „Die Nato kann uns nicht länger vertrösten.“ Egal ob sie vor kurzem noch wütend gegen ihn demonstriert haben – jetzt stehen praktisch alle Georgier vereint hinter ihrem Präsidenten. Kurz nach dem russischen Einmarsch konnte man den Eindruck gewinnen, jeder Georgier mit Internet-Anschluss habe seine eigene Presseagentur eröffnet: Please, everybody, make anything you can to contribute to the end of this horrible situation … Fast stündlich kamen neue Mails an, dazu Hinweise auf ständig neu entstehende Blogs: stopbombingblogspot… occupation.tspteam … Die Georgier haben an der PR-Front wesentlich geschickter agiert als die schwerfälligen Russen. Und auch diese Graswurzel-arbeit vor allem von Studenten aus Tiflis dürfte dazu beigetragen haben, dass sich die westlichen Medien – und mit ihnen die politischen Führungen – in diesem Konflikt so schnell und entschieden auf die Seite Georgiens gestellt haben. Was wiederum einiges über die jungen Georgier erzählt: Seit langem schauen sie sehnsüchtig gen Westen. Die Zukunft eines freien Georgien können sie sich nur im Schoß von Nato und EU vorstellen. Es ist die große Vision, die ziemlich alle Georgier eint: Tiflis soll östlichste Hauptstadt der EU werden!

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„Die Touristensaison ist natürlich versaut“, sagt der Freund. „Die Flugzeuge landen wieder, aber die Hotels stehen leer.“
Traurig – denn Tiflis ist ein wundervolles Reiseziel, für Tage, selbst für Wochen. Viele junge Georgier sprechen ein verblüffend gutes Englisch – manchmal auch Deutsch. „Sage deinen Freunden, sie sollen alle herkommen. Wir brauchen euch – gerade jetzt!“
Also auf nach Tiflis – solange der Frieden hält.

Text: Kai Hensel

Gut zu wissen

Anreise
Besucher aus der EU brauchen kein Visum. Die günstigsten Flüge bietet airbaltic an: den Einfachflug von Berlin nach Tiflis gibt es ab ca. 130Ђ.

Unterkunft
Normalerweise verblüffend teuer. Unter 50Ђ fürs Doppelzimmer wird man selten, in der Hauptsaison nie etwas finden. Günstige Alternativen sind Hostels.

Restaurants und Nachtleben
Wer behauptet, er habe in Tiflis sein Gewicht gehalten, war höchstwahrscheinlich nicht dort. Nationalgericht ist Chatschapuri, ein mit Käse gefüllter Teigfladen. Nationalgetränk ist Wodka, auch in Restaurants bestellt man meist gleich eine Flasche. Georgier sind stolz auf ihre Weine, die sie oft schon zum Frühstück trinken. Vegetarier haben es in Georgien deutlich leichter als Abstinenzler.

Ausflüge
Trotz der Kriegszerstörungen: Ein Erlebnis besonderer Art ist Gori, die Geburtsstadt Stalins. Hier gibt es eine Stalin-Avenue, einen Stalinplatz mit siebzehn Meter hohem Stalindenkmal und das größte Stalin-Museum der Welt.

Reiseführer
Für Individualreisende erste Wahl: „Georgia“ von Tim Burford, erschienen im Bradt-Verlag (auf Englisch).

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