Stadtleben

Die andere Stadt: Ushuaia

UshuaiaEs ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen, und es ist ganz schön voll hier. Auf Calle San Martнn drängeln sich Touristen durch die Andenkenläden und die Spei-se­lokale. Franzosen und Spanier, Italiener und Deutsche. Jedes Jahr werden es mehr. Trotz der milden Temperaturen tragen viele hochgebirgstaugliche Kleidung, und meist haben sie nur einen Nachmittag, um sich umzusehen und mit zollfreien Spirituosen und Pinguin-bestickten Fleece-Pullis ein-zu­decken. Sie sind auf Landgang.

Unten im Hafen legen die Kreuzfahrtschiffe an, bevor sie in den Süden aufbrechen, Richtung Kap Hoorn und weiter in die Antarktis. Ushuaia ist die südlichs­te Stadt der Erde, und wer das noch nicht mitbekommen hat, kann es hier in jedem Schaufens­ter, auf jeder Kaffeetasse und auf jeder Zuckertüte nachlesen. Buenos Aires ist 3000 Kilometer weit weg, nur ein chilenischer Militärstützpunkt auf der anderen Seite des Beagle-Kanals liegt noch zwischen Ushuaia und dem ewigen Eis. Die Stadt, die sich vor schneebedeck-ten Bergen in einer windgeschützten Bucht ausbreitet, vermarktet ihre geografische Lage, so gut es geht: Hier gibt es den südlichsten Marathonlauf der Welt, das südlichste Klassikfestival und neuerdings auch noch die südlichste Kunstbiennale.

Noch vor 150 Jahren lebten nur ein paar Indianer an der zerzaus­ten Küste Feuerlands. Sie paddelten in Baumrinden über den Kanal und schmierten ihre nackten Körper mit Walrossfett ein, um sich vor Wind und Regen zu schützen. Gegen die Krankheiten, die christliche Missionare mitbrachten, half das Fett nicht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schickte die argentinische Regierung Schwerverbrecher und politische Gefangene nach Feuerland, später trieb sie die Besiedelung des rauen Landstrichs mit Steuervergünstigungen voran, um ihre Vorherrschaft im Südatlantik zu festigen. Mit Erfolg: Erst kam die Elektro-Indus­trie, dann der Tourismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten hier kaum 2000 Menschen, inzwischen hat Ushuaia über 65.000 Einwohner.

UshuaiaLeute wie Viktor, ein seltsam in sich gekehrter Typ mit grauen Haaren und langen, dünnen Beinen, der mit seinem klapprigen Bus Besucher durch den Nationalpark Tierra del Fuego kutschiert, zur Isla Redonda, wo sie sich im südlichs­ten Postamt der Welt gegen eine Gebühr von drei Pesos den Pass abstempeln lassen können. Viktor ist in Mar de Plata aufgewachsen, einem Badeort, vier Autostunden von Buenos Aires entfernt. Vor zehn Jahren ist er in den Süden übergesiedelt. „Hier gibt es Arbeit“, sagt Viktor. „Und ich liebe die Berge.“

Das rasante Wachstum ist der Stadt anzumerken, viele der Häuser wirken provisorisch, ja hingepfuscht. Die Mülleimer vor den Wellblechbauten sind auf hüfthohen Metallständern angebracht, damit die Hunde nicht drankönnen. Die illegale Inbesitznahme und Bebauung von Grund­stücken ist eines der größten Probleme der Provinz. Die Leute kommen und stellen ihre Hütte hin, wo die Statik es erlaubt, die Straßen und der Anschluss an die Kanalisation folgen dann irgendwann schon. So kriecht die Besiedlung weitgehend unkontrolliert in die imposante alpine Kulisse hinein.

Unten im Hafen erinnert ein Mahnmal an die Opfer eines sinnlosen Konflikts. Im Frühjahr 1982 kamen Argentiniens strauchelnde Militärherrscher auf die Idee, ihre Hegemonialansprüche mit kriegerischen Mitteln geltend zu machen und die Falkland-Inseln zu besetzen. Die Briten schlugen zurück, 650 argentinische Soldaten starben, über 1000 wurden verwundet.

An einem heiteren Tag wie heute treffen sich Teenager auf dem Parkplatz vor dem Mahnmal. Sie reden, schauen hinaus aufs Meer und warten darauf, dass etwas passiert. Wenn man jung ist, gibt es aufregendere Orte als das Ende der Welt.

Infos:

 

Anreise

Aerolineas Argentinas fliegt mehrmals täglich von Buenos Aires nach Ushuaia (Hin- und Rück­flug ab 300 Euro). In den Reise­büros der argentinischen Hauptstadt kann man unkompliziert günstige Pakete aus Flug, einfacher Unterkunft und Tagesausflügen in den Nationalpark Tierra del Fuego buchen. Wer es nicht eilig hat, kann auch mit dem Bus von Buenos Aires durch die patagonischen Weiten nach Feuerland fahren. Dabei empfiehlt es sich allerdings, die Sitzplätze für die Rückreise im Voraus zu reservieren.

Essen

In Feuerland gedeiht wenig Essbares. Die meisten Lebensmittel haben einen langen Weg hinter sich, bevor sie auf den Tisch kommen. Was die Gastronomie betrifft, ist Ushuaia daher eine der teuersten Städte in Südamerika. Die preiswerten All-you-can-eat-Lokale auf der Hauptstraße sollte man trotzdem meiden. Empfehlenswerte Alternativen sind das Fisch- und Steak-Restaurant Tнa Elvira (Maipъ 349) und die Pizzeria El Turco (San Martнn 1460).

Erleben

In der Stadt selbst gibt es nur wenig zu sehen. Örtliche Reedereien wie Tres Marнas Excursiones bieten jedoch spektakuläre Bootstouren durch den Beagle-Kanal an, die unter anderem zu den Seelöwenherden auf der Isla de los Lobos und den Kormorankolonien auf der Isla de Pбrajos führen. Auch Ushuaia wirkt vom Wasser aus betrachtet eindrucksvoller als aus der Nähe. Der 19 Kilometer entfernte Nationalpark Tierra del Fuego ist ein Paradies für Wanderer und andere Outdoor-Individualisten. Einsamer geht es kaum.

 

Text: Heiko Zwirner

 

Zurück zur Übersicht

Mehr über Cookies erfahren