Stadtleben

Die andere Stadt: Washington, D.C.

washington_1Es ist nicht ohne tiefgründige Ironie, dass Washington am besten von einem Friedhof aus betrachtet werden kann. Hoch oben über dem Potomac River von einem Hügel auf dem Arlington National Cemetery (über 260.000 Militärangehörige ruhen sich hier für immer aus, pro Woche finden 20 Beerdigungen statt) eröffnet sich ein eindruckvolles urbanes Panorama, das paradoxerweise ganz unamerikanisch ist. Für eine Nation, die ökonomisch, künstlerisch und symbolisch in der Vertikalen denkt, zeigt sich ihre Hauptstadt ganz und gar horizontal. Alles ist hier flach, ohne Tiefe und Perspektiven. Visuelle Fixpunkte sind nur der Obelisk des Washington Monument und die Kuppel des Kapitols. Als Hommage an den Sitz des Kongresses hat per Gesetz kein Gebäude der Stadt mehr als elf Etagen.

Für Spaziergänger ist die Stadt fast intim und ein Vergnügen mit ihren breiten Prachtstraßen und den von kreisförmigen Plätzen ausgehenden Blickachsen. Das Herz Washingtons ist die monumentale, neoklassizistische National Mall, eine ab 1902 nach den ursprünglichen Plänen von 1791 angelegte Vorzeigepromenade vom Kapitol bis zum Lincoln Memorial. Es ist mit seinen zahlreichen Grünanlagen ein höchst imposantes Mekka für Rituale, Statuen, Memorials und Symbole, aber auch für Jogger, Sportler, Flugdrachen- und Freiluftfestivals. Die Pracht steht im Kontrast zu den Lebensverhältnissen vieler, etwa 20 Prozent der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze.

Washington ist eine künstliche, am Reißbrett erdachte Stadt. Nach dem Unabhängigkeitskrieg musste eine Hauptstadt her. Nord- und Südstaaten einigten sich schließlich auf einen Ort, der zwischen dem Norden und dem Süden lag. Das eigentliche Machtwort sprach dann George Washington, da das auf Wald- und Landwirtschaftsgebiet gelegene, vom Kongress auf 100 Quadratmeilen begrenzte Hauptstadtprojekt keine 20 Meilen von seiner Plantage in Virginia entfernt lag. Als obersten Architekten und urbanen Chefdesigner ernannte er Pierre Charles L’Enfant, der Washington so prägen sollte wie Haussmann das Paris des 19. Jahrhunderts.

washington_3_aerialGeorgetown-credit_Jason_Hawkes_hWashington ist vielen vieles, aber vor allem ist es schwarz. Schwarzer Stil und schwarzes Bewusstsein bestimmen einen großen Teil des städtischen Gewebes. Von Anfang an hatte die Stadt einen beträchtlichen afro-amerikanischen Bevölkerungsanteil. 1850 wurde Washington für Schwarze aus dem Süden noch attraktiver, als der Kongress den Sklavenhandel verbot (allerdings nicht die Sklaverei selbst). 1866 erhielten schwarze Männer im Distrikt das Stimmrecht, und 1867 wurde für Schwarze die Howard-Universität gegründet. Die Rassenbeziehungen blieben allerdings immer angespannt: 1919 kam es zu schweren Aufständen, ebenso zuletzt 1968 nach der Ermordung von Martin Luther King. Der schwarze Bevölkerungsanteil liegt heute bei etwa 60 Prozent.

Amerikanische Kultur ist ohne den schwarzen Input wie etwa Jazz und Rock’n’Roll nicht vorstellbar. Hatte New York sein Harlem, so hatte Washington in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seine U-Street im Shaw-Viertel, das Zentrum des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens der Farbigen. Es war der „Black Broad­way“ Washingtons, und im barocken Howard Theatre und dem prächtigen Lincoln Theatre traten alle großen Stars wie Duke Ellington, Ella Fitzgerald und Sarah Vaughan auf. Um dieses reiche Erbe kümmert sich heute auch der Shaw Heritage Trust. Ein Programmpunkt bei einem Besuch der US-Metropole sollte deshalb auch der U-Street Heritage Trail sein, ein 90-minütiger Spaziergang durch dieses einst so blühende Viertel.

Washington_2Washingtons hochpatriotische Ästhetik ist ohne Zweifel beeindruckend, wenn auch eine Frage des Geschmacks. Aber es ist nie langweilig. Der fantastischste Aspekt dieser Stadt, ihr Feuer sozusagen, ist der Mix aus Wahrem und Falschen, aus dem Realen und dem Halluzinatorischen, zwischen dem, was an der „amerikanischen Idee“ großartig und an der amerikanischen Praxis oft genug verachtenswert ist. Es ist das beständige Jonglieren mit Antithesen, das der Stadt ihren Drive gibt.

Text: Egbert Hörmann

Wichtig zu wissen

Anreise
Nicht von Berlin, doch von den großen deutschen Flughäfen aus fliegt die Lufthansa direkt Wa­shing­ton an (Dulles International Airport). Juli und August sollte man als Reisemonate meiden, es ist oft sehr schwül.

Unterkunft

Wer es sich leisten möchte, sollte im Willard Hotel auf der Pennsylvania Avenue 1401 logieren, ein Wahrzeichen Washingtons aus den 1850er Jahren (www.willard­washington.com). Bester Beaux-Arts-Stil und Celebrity-Watching!

Ausgehen

Die Topadresse in Sachen Party ist immer noch das hübsche Georgetown mit vielen Bars und Kneipen. Hier schlagen die jungen Eliten aus Politik und Business über die Stränge.

Bildung

Das National Museum of Women in the Arts konzentriert sich ausschließlich auf die Werke von Künstlerinnen. Die Ford’s National Historic Site: Hier wurde Präsident Lincoln 1865 erschossen. Das westliche Ende der Mall bietet die bedeutendsten Denkmäler. Ein fünf Kilometer langer Rundweg beginnt beim Washington Monument. Danach sind die Stops: Constitution Gardens – Vietnam Veterans Memorial – Lincoln Memorial – Korean War Veterans Memorial – Franklin D. Roosevelt Memorial – Jefferson Memorial – U.S. Holocaust Memorial Museum.

Tipps
Die originellsten Souvenirs gibt es in den zahlreichen Museumsshops. Der Peacock Room in der Freer Gallery of Art, ein von James Whistler gestaltetes Speisezimmer von 1876. Ebenfalls eine üppige Augenweide: der Salon Dorй in der Corcoran Gallery of Arts, der dem berühmten Maler Gustave Dorй in Paris ursprünglich als Schlafzimmer diente. Alle Blueslegenden haben in diesem kleinen Club gespielt: Das Blues Alley auf der Wisconsin Avenue 1073.

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