Stadtleben

Du bist Berlin: Borries & Böttger

BorriesBöttger Foto_Harry_SchnitgerGeneralkommissare stellt man sich anders vor. Und ihr Büro auch. Friedrich von Borries und Matthias Böttger, beide Jahrgang 1974, tragen Jeans und Turnschuhe. Ihr großes Einraumbüro im Gebäudekomplex der ehemaligen Kreuzberger Sanitär-Armaturenfabrik Aqua Butzke, wo immer mehr junge Designer, Fotografen, Künstler und Architekten einziehen, gleicht einer Sammelstelle. 30 wabenartige Metallteile, wie sie früher Kaufhausfassaden schmückten, liegen dort übereinandergestapelt. Ein Karton mit magentafarbenen Stoffbahnen, Holzpaletten, zwei dutzend Kleidersäcke, hüfthohe Häusermodelle mit Hüllen, die aus sogenannten Polentaschen genäht sind. Den Titel Generalkommissare tragen sie, weil sie unter 40 Bewerbern ausgewählt wurden, den deutschen Beitrag für die weltweit wichtigste Ausstellung für Architektur und Städtebau zu gestalten. Inhaltlich wie formal Updating Germany. Projekte für eine bessere Zukunft ist ihr Konzept überschrieben. „Es gibt in Deutschland eine lange Tradition für nachhaltiges Bauen mit den zwei Traditionslinien Öko und Hightech“, erklärt Friedrich von Borries. „Wir haben uns gefragt, was werden eigentlich die nächsten Schritte sein. Deshalb stellen wir keine schon gebauten Häuser vor, sondern Ideen für die Zukunft.“ 20 Projekte aus ganz Deutschland werden sie in Venedig präsentieren, im Buch zur Ausstellung sind es sogar 100. Einige nennen, nein, das können sie nicht, sagt von Borries, bevor die 11. Architekturbiennale am 14. September eröffnet wird.


BorriesBöttger Foto_Harry_SchnitgerMan kann nur vermuten, dass dort dann einige der Teile, die sich momentan im Büro stapeln, zu sehen sein werden. Aber über andere Projekte wollen sie sprechen, wie über die Ausstellung Fanshop der Globalisierung, entstanden zur Fußball-WM 2006 in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für Politische Bildung. „Das war ein guter Moment, um am Beispiel Fußball zu diskutieren, was Globalisierung ist“, erklärt von Borries, selbst Fußballfan. Die Exponate, veränderte Trikots, hängen in den Kleidersäcken. Der Dress der französischen Nationalmannschaft, ein Team mit Migrationshintergrund, ist um eine Jakobinermütze und einen Mundschutz für Tränengas ergänzt – das eine Symbol der Französischen Revolution und Integration, das andere Hinweis auf die Unruhen in den Pariser Banlieues.
Die Trikots hat die Designerin Brigitte Speich umgearbeitet. „Wir erkennen unsere Grenzen“, sagt Friedrich von Borries. Sind sie an so einer, holen sie sich Hilfe von Spezialisten. So hat er das Buch Sozialistische Cowboys – der Wilde Westen Ostdeutschlands gemeinsam mit dem Historiker Jens-Uwe Fischer geschrieben. Matthias Böttger hat lange im Projekt Post Theater mit Regisseuren und Tänzern zusammengearbeitet, daraus entstand die jährliche Strandvölkerball-WM am Oststrand, er ist Präsident des Weltstrandvölkerballverbandes. Und in ihrem Kreuzberger Architekturbüro raumtaktik sind neben Architekten und Stadtplanern auch ein Kultur- und ein Geschichtswissenschaftler beschäftigt.


BorriesBöttger Foto_Harry_SchnitgerKann man bei raumtaktik auch ein preiswertes Ökohaus bekommen? „Jein“, antwortet Böttger, „wir würden erst mal überlegen, was für Konzepte hinter der Vorstellung von preiswert und ökologisch stehen. Ein Haus könnte das Ergebnis unserer Tätigkeit sein.“ Er und Friedrich von Borries haben Architektur studiert und sind Mitglieder in der Architektenkammer. Raumtaktik, 2003 gegründet, ist jedoch kein klassisches Architekturbüro. „Wir haben einen erweiterten Raumbegriff. Uns interessiert, was Raum ausmacht, was die Bedingungen von Raumproduktion sind“, sagt Böttger. Aufklärung und Intervention nennen sie ihre Tätigkeit. Vor allem Ausstellungen und Bücher sind die Ergebnisse ihrer Arbeit, sie lehren aber auch an Universitäten. Ein gebautes Њuvre haben sie nicht und bedauern das auch keineswegs. Ihr Weg ist nicht die zweite Wahl aufgrund des Abschwungs in der Baubranche, sondern bewusst eingeschlagen.
„Seit etwa fünf Jahren gibt es an den Hochschulen eine Bewegung hin zur Beschäftigung mit einem erweiterten Raumbegriff“, sagt Böttger. Raumtaktik ist keine Nische, sondern genießt bei wichtigen Institutionen große Anerkennung. Ihre Projekte setzen sie mit seriösen Partnern um, Auftraggeber für die Architekturbiennale ist das Bundesbauministerium. Ein gutes Zeichen dafür, dass die avantgardistischen Ideen, die in vielen Berliner Einraumbüros entstehen, langsam Beachtung finden.

Text: Stefanie Dörre

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