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Die Faszination Berlin-Marathon – Teil 2

Den Berlin-Marathon gibt es seit 1974. Damals lief man noch im Grunewald, seit 1983 wird er als Straßenrennen ausgetragen. Die Strecke und das Ereignis haben sich mit der Geschichte der Stadt verändert; seit 2003 ist mit Start und Ziel am Brandenburger Tor die Wiedervereinigung auch hier endgültig vollzogen worden, auch wenn bis heute ein größerer Teil der Strecke durch das ehemalige Westberlin verläuft. Ausgerichtet wird die Veranstaltung vom Sport-Club Charlottenburg (SCC), seit 2006 gehört der „real,-Berlin-Marathon“, wie er offiziell heißt, zum erlauchten Kreis der World Marathon Majors, gemeinsam mit Boston, Chicago, London und New York. Dazu hat auch beigetragen, dass die Berliner Strecke als besonders schnell gilt – aus naheliegenden Gründen: Sie ist flach, und durchweg gut asphaltiert. 2008 lief der weltberühmte Kenianer Haile Gebrselassie, eine Legende seines Sports, in Berlin mit 2 Stunden und 3,59 Minuten den aktuellen Weltrekord. Heute gelten Patrick Makau Musyoki und Geoffrey Mutai als Favoriten, sie haben sich in dieser Saison bisher als besonders stark erwiesen und konnten bei den Verhandlungen um das Antrittsgeld darauf verweisen, dass nur drei Männer überhaupt bisher auf dieser Distanz schneller waren als Patrick Makau Musyoki, und Mutai liegt als sechster in der „ewigen“ Schnellstenliste nur knapp dahinter. Aber auch diesen Stars gegenüber hat Berlin der Strecke wegen einen gewissen Bonus, erklärt Christian Jost von der Firma SCC-Runnings Events: „Wir merken immer wieder einmal: Da will jemand einen Weltrekord schaffen und läuft deswegen lieber in Berlin als vier Wochen später für mehr Geld in einer anderen Stadt.“

In einer anderen Stadt wollen auch viele Amateure einmal laufen. In New York anzutreten gilt manchen so viel wie eine Besteigung des Mount Everests, und die ganz Leidenschaftlichen zählen die Starts bei internationalen Konkurrenzen herunter wie Extrembergsteiger ihre Himalayagipfel. Während diese allerdings teure Expeditionsgebühren entrichten müssen, darf man beim Marathon schon für unter hundert Euro an den Start. Die Teilnehmer bekommen dafür eine Nummer und einen Chip, der genau misst, wann sie die Startlinie überqueren (manchmal erst eine halbe bis dreiviertel Stunde nach dem Startschuss, so groß ist das Gedränge am Start), und der dann alle fünf Kilometer eine Zwischenzeit nimmt. Wenn diese Zeiten sich nicht zu stark voneinander unterscheiden, dann ist eine gute Endzeit möglich. Denn Gleichmäßigkeit, das betonen alle, ist das Geheimnis eines starken Dauerlaufs.


Guenther_ZabelLeider ist der Mensch von Natur aus nicht auf dieses Gleichmaß ausgerichtet, deswegen legen viele zu schnell los. Günther Zabels Erinnerungen an seinen ersten Start sind von komischer Anschaulichkeit: „Ich war damals völlig unbedarft, die ersten paar Kilometer bin ich im Viererschnitt gelaufen, ich habe jede Hand, die mir gereicht wurde, abgeklatscht, und mich gefreut wie ein kleines Kind. Ab Kilometer 25 bin ich dann eine Stunde lang gestorben. Das Einzige, was einem dann noch durch den Kopf geht, ist die Frage: Du Vollidiot, was machst du hier überhaupt?“

Das ist die Grundsatzfrage, das existenzielle Mantra, an das nur bestimmte Sportarten heranführen. Unübertroffen hat dies der ehemalige Außenminister Joschka Fischer zum Ausdruck gebracht, der über seine Phase des Bewegungsdrangs ein Buch mit dem Titel „Der lange Lauf zu mir selbst“ veröffentlicht hat. Die meisten Läufer hängen ihre Ziele deutlich niedriger. Sie wollen nicht bei sich selbst ankommen, sondern im Ziel, und zwar gesund.
Das ist schwierig genug, wie Wissenschaftler von der Charitй herausgefunden haben. Sie stellten fest, dass ein Marathon auch bei Menschen ohne Vorerkrankungen zumindest vorübergehend das Herz beeinträchtigen kann (siehe auch Interview mit Sportarzt Dr. Fernando Dimeo). Positive gesundheitliche Effekte erreicht man eher beim Laufen im Plänterwald, wo Günther Zabel bevorzugt unterwegs ist, oder im Grunewald, dessen Distanzen Florian Körner zum GGL (Großer Grunewald-Lauf) adelt. Birte Sarstedt kennt noch eine weitere gute Strecke, sie läuft gern den Teltowkanal entlang, oft aber auch einfach im Tiergarten.

BirteSarstedtSie alle kennen das Spannungsverhältnis zwischen Erholung und Verausgabung – ein schöner Dauerlauf macht zwar den Kopf frei, aber manchmal möchte man eben auch an seine Grenzen gehen. „Bei Wettkämpfen merke ich, dass ich extrem ehrgeizig bin“, sagt Birte Sarstedt. „Wenn eine Freundin sagt: Komm, wir gehen das mal locker an, dann sehe ich: Das geht nicht.“ Florian Körner hat aus seiner beruflichen Praxis ein schönes Beispiel für die Magie des Marathonlaufens parat. „Ich vergleiche das immer mit dem Filmemachen. Wenn du die Dreharbeiten abgeschlossen hast, sagst du: Nie wieder, so schlimm war es noch nie. Zwei Tage später sagst du: Immerhin, ich habe es überstanden. Und nach drei Wochen hast du die Schmerzen vergessen und möchtest am liebsten gleich wieder loslegen.“

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Text: Bert Rebhandl
Fotos: SCC-RUNNING-Sailer, Benjamin Pritzkuleit 

Berlin-Marathon 2010 – Programm:
Samstag, 25. September 2010

11:00 Uhr: 500 m und 1.000 m Bambinilauf (2000 und jünger) Anmeldung vor Ort auf der BERLIN VITAL
15:50 Uhr: Mini-Marathon
16:00 Uhr: Inline-Skating Marathon

Sonntag, dem 26. September 2010

8:35: Rollstuhlfahrer
8:45: Handbiker
9:00: Läufer/innen und Power-Walker

Der Marathon ist bereits ausgebucht. Es sind keine Anmeldungen mehr möglich

 

Die schönsten Spots für Marathon-Zuschauer:

km 6: Reichstag
Hier trifft Bewegung auf Stagnation, Schweiß auf Rhetorik. Für diejenigen, die es immer noch nicht geschafft haben, sich den Reichstag wenigstens von Außen anzuschauen: Heute prägt das Volk das Bild.

km 14: Kottbusser Tor
Die Türkische Rockband heizt den Zuschauern ordentlich ein und treibt die Läufer Richtung Hasenheide. Wer vom Hunger
geplagt wird, kann sich hier an ortsüblichen Köstlichkeiten laben: Es gibt Döner satt.

km 28 bis 30: Wilder Eber
Der Wilde Eber, wie dieser Abschnitt nach einer hiesigen, tierischen Statue heißt, ist als neuralgischer Punkt des Marathons
bekannt. Denn hier trennt sich bei den Läufern der Spreu vom Weizen. Wer eine gute Zeit laufen will, kommt hier nicht ohne Qualen durch. Bands, Unmengen klatschfreudiger Passanten und auch Tänzer geben hier
alles, um die Läufer anzufeuern.

km 30 bis 32:
Hohenzollerndamm
Nun gehts ordentlich bergauf! Wer beim Wilden Eber noch nicht an seine Grenzen gestoßen ist, erreicht sie spätestens jetzt.
Gegen diesen Zustand trommeln und jammen die Percussionband Slapsticks und die Jam Combo.

km 41: Unter den Linden

An diesem Streckenkilometer werden noch mal alle verbliebenen Kräfte mobilisiert. Der Endspurt auf der Geraden beginnt einen Kilometer vor dem Ziel. Auch für die Zuschauer, die schon einige Stunden ausgeharrt haben, heißt es jetzt anfeuerungstechnisch noch einmal Gas zu geben. Das tut auch Nattys Cheerleader-Gruppe.

LAUFSTRECKEN UND LAUFGRUPPEN IN BERLIN

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