Stadtleben

Die Faszination Berlin-Marathon

Eine Geschichte über den Berlin-Marathon beginnt man am besten mit einer Streckenbesichtigung. Das ist gar nicht so schwer, denn die Straßen sind schließlich schon da. Man macht sich einfach auf der Straße des 17. Juni auf den Weg nach Westen, biegt beim Ernst-Reuter-Platz nach rechts ab, dann rein nach Alt-Moabit, durch das Regierungsviertel rüber nach Mitte. Über die Torstraße geht es hart ran an den Alex, von dort durch die Karl-Marx-Allee nach Osten. Nun sind wir schon eine ganze Weile unterwegs. Am Strausberger Platz ist aber erst Kilometer 11, und jetzt geht es runter nach Kreuzberg, am Kreisverkehr beim Moritzplatz darf man am Wettkampftag gegen die Kreisrichtung durch, auf jeden Fall muss man aber runter auf die Reichenberger, dann über’s Kotti drüber, Kottbusser Damm, Hermannplatz. Kilometer sechzehneinhalb.

Ein Karneval der Kulturen wäre jetzt nett, denn da zuckeln die Gruppen im Schneckentempo dahin. Aber heute ist Marathon-Generalprobe, also lang an der Hasenheide, rüber nach Schöneberg. An der Potsdamer Straße wäre der Halb-Marathon zu Ende, aber wer etwas auf sich hält, macht beim Berlin-Marathon die ganze Distanz. 42 Kilometer und ein paar zerquetschte Meter, so wie damals, als die Griechen die Perser schlugen und dann einen Boten losschickten. Mit diesem historischen Gefühl nun also runter nach Steglitz, rüber zum Roseneck, wo der Bus Nummer 29 hinfährt: Es ist erst Kilometer 30. Nun kommen die Dämme (Hohenzollern, Kurfürsten), am Wittenbergplatz eine Wurst, das wäre jetzt was – aber nein, der Magen sendet ganz andere Signale.
Gerade weiter auf die Potsdamer Straße (da waren wir doch schon?), rein in die Leipziger Straße, rauf auf die Linden, nun nur noch geradeaus auf das Brandenburger Tor zu. Schluss, aus, das war’s, unsere Weltrekordzeit von 2 Stunden 3 Minuten und 58 Sekunden verdanken wir dem Taxilenker Emre S. aus Moabit und den Berliner Verkehrsbetrieben. Es gibt auch Leute, die diese malerische Strecke auf zwei Beinen zurücklegen. 40?000 werden es am 28. September wieder sein, darunter kenianische Anwärter auf einen Weltrekord, aber auch viele, viele Normal­sterbliche, und in Spezialdisziplinen am Tag davor noch Inlineskater. Rollstuhlfahrer und Handbiker, die ihrer Behinderungen wegen nicht laufen können, starten kurz vor dem Hauptfeld zu eigenen Wettbewerben.

Wo bei diesem Ereignis die eine Million Zuschauer herkommen, die jährlich die Straßen säumen und für tolle Atmosphäre sorgen, ist eigentlich ein Rätsel, denn die müssten doch längst bein Training sein, um nächstes Jahr selbst dabei zu sein. Das sagt zumindest der Trend, denn Laufen ist der Mainstream unter den Ertüchtigungen. Der Berlin-Marathon ist das größte Ereignis unter den Großereignissen der Stadt, er ist die Love Parade für die Generation, die über Ecstasy schon wieder hinaus ist oder es nie genommen hat.
Das Laufen ist die Droge der Gesunden, so oder so ähnlich hört man das immer wieder durch, wenn man mit Menschen spricht, die diesen Sport betreiben. Birte Sarstedt, Angestellte in der Unternehmenskommunikation eines Energieversorgers, kann noch genau das Datum benennen, an dem sie damit begonnen hat. Am 21. April 2002 hat sie mit dem Rauchen aufgehört „und sofort mit dem Laufen angefangen“. In diesem Jahr wird sie ihren ersten Marathon laufen, natürlich den Berliner, mit einer Freundin, die schon sieben von diesen sehr langen Läufen absolviert hat, darunter einen in Göteborg und einen in Sidney. Viele Menschen, die viel und gern laufen, wollen sich irgendwann auch an etwas messen, und der Marathon ist das Maß der Dinge in diesem Bereich.

Florian_koerner_von_gustorfDer Filmproduzent Florian Koerner von Gustorf hat erst in den letzten Wochen wieder so richtig Lust bekommen. Er ist den Berlin-Marathon schon viele Male gelaufen, in diesem Jahr aber hat er sich nicht angemeldet. Nun hat er aber neulich einen Halb-Marathon hinter sich gebracht, und an dessen Ende so viele Reserven verspürt, dass er jetzt stark überlegt, sich doch noch eine Startnummer zu besorgen – er müsste dann unter fremdem Namen laufen, aber die Zeit könnte er sich trotzdem persönlich gutschreiben. Florian Koerner, der nebenbei auch als Schlagzeuger der Band „Mutter“ bekannt ist, läuft seit 18 Jahren. In seinen ersten Marathon hat er sich 1999 eher unvorbereitet gestürzt, und auch hier klingt, wenn er davon spricht, diese besondere Wirkung des Laufens durch: „Ich war null vorbereitet, aber als ich diese blauen Streifen auf der Straße sah, war ich wie angefixt.“

Für viele Leute gehört das inzwischen zu den Daten der eigenen Biografie: das erste Zeugnis, der erste Kuss, der erste Sex, der erste Job, die erste große Reise – der erste Marathon. Der Steuerberater Günther Zabel blickt heute noch belustigt darauf zurück, wie er sich dieses Ereignis vor vielen Jahren selbst prophezeit hat. „Als ich jünger war, habe ich mir gesagt: Ach, so was Langweiliges wie Marathon, das machste, wenn du vierzig bist. Und so ist es dann tatsächlich passiert. Ich habe bei einer großen Kanzlei gearbeitet und nebenher meine eigene aufgebaut, das wurde irgendwann viel Arbeit, und irgendwann geht das an die Gesundheit. Ich hatte den Treptower Park direkt nebenan, und bin dann immer zur Mittagszeit gelaufen. Und dann bin ich sehr bald einen Marathon mitgelaufen und war gleich gut.“ Günther Zabel ist ein Lauftalent, seine Marathon-Bestzeit liegt deutlich unter drei Stunden, sein Kilometerschnitt ist nahe an den berühmten vier Minuten pro Kilometer, vor denen die meisten Amateure, die gegen die Uhr laufen, Respekt haben.

In diesem Jahr aber hat er Pech. Er laboriert immer noch an einem Bandscheibenvorfall, den ihm eine Ärztin vor zwei Jahren gerade einmal zwei Wochen vor dem Marathon diag­nostiziert hat – er ist trotzdem mitgelaufen, musste dann aber unweigerlich dem in seinem Fall schleichenden Gebrechen Tribut zollen. Im Moment geht es für ihn vor
allem darum, wieder in Tritt zu kommen: „Ich bin froh, wenn ich meinen Rücken in den Griff bekomme und wieder normal laufen kann.“

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