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Stadtleben

Die Grünen wappnen sich für das Rote Rathaus

ALIn der Werbeagentur Zum goldenen Hirschen an der Schlesischen Straße wird der Videobeamer angeworfen. „Den etwas anderen Wahlkampf“ hätten sie die Kampagne intern genannt, erklärt Geschäftsführer Hans Langguth. Was das konkret bedeuten soll, wird sein Geheimnis bleiben. Der Präsentationsraum ist zum Bersten mit Politjournalisten gefüllt, die routiniert in ihre Mini-Notebooks stenografieren, vorgestellt werden an diesem schwülen Julitag die neuen Werbeplakate der Berliner Grünen für die Wahl zum Abgeordnetenhaus am 18. September, Auflage: 40.000 Stück.

Langguth klickt sich durch die Motive. Es ist eine Bildergalerie der Berliner Missstände. Eine S-Bahn, die auf dem Rücken liegt. Ein drängelnder Menschenpulk bei der Wohnungsbesichtung. Eine Schultafel mit der Kreideaufschrift „Fällt aus“. Über all diesen Mängeln klebt ein Pin, wie man ihn beispielsweise von Google  Maps kennt und der den Slogan der Kampagne trägt, den „Claim“, wie die Kreativen sagen. „Da müssen wir ran!“ Mit ähnlicher Hemdsärmel-Attitüde hat zuvor schon Renate Künast vor der Presse ihre Partei gegen die Tunichtgute im Roten Rathaus abgegrenzt: „Wir packen’s an – das ist der Unterschied.“ Die Berliner Grünen anno 2011: ein Kompetenzteam. Eine Macherpartei, die mit einem Etat von 1,1 Millionen Euro, einer Bürgermeisterkandidatin im schnieken Hosenanzug und einem Programm in den Kampf zieht, das in der Überschrift „Eine Stadt für alle“ verspricht.

Es ist 30 Jahre her, dass die Plakate der Grünen – ­damals noch die Westberliner „Alternative Liste“ – Aufschriften wie „Lieber instandbesetzen als kaputt-besitzen“ trugen. Und statt eines Claims einen widerborstigen Igel als Signatur. Vor gut 20 Jahren, an­lässlich der ersten Rot-Grünen-Koalition in Berlin, schrieb Der Spiegel über die Frau, die Klaus Wowereit im Amt beerben will: „Die Juristin Renate Künast, 33, die noch unlängst die ‚Abschaffung der Gefängnisse‘ postulierte“, sei konservativen Volksvertretern der etablierten Parteien ebenso „unheimlich“ wie andere Neulinge. Künast und Co. als Bürgerschreck? Verdammt lang her. Das Fürchten jedenfalls lehrt die Ökofraktion heute keinen mehr. Tritt da eine Partei an, die sich von ihrer Vergangenheit vollständig ­gehäutet hat? Die Berliner Grünen – abgeschnitten von den eigenen Graswurzeln?      

Am 5. Oktober 1978 wurde im Versammlungslokal „Neue Welt“ in der Hasenheide die „Alternative Liste für Demokratie und Umweltschutz“ mehr oder weniger feierlich von 3500 Teilnehmern aus der Taufe gehoben. Der Journalist Wilfried Rott hat in seiner Westberlin-Chronik „Die Insel“ nicht ohne Süffisanz darauf hingewiesen, dass ebendort auch die Karriere der Titelfigur des 20er-Jahre-Romans „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ ihren Anfang nahm. Die Alternative Liste, kurz AL, war zu Beginn allerdings weniger eine Partei, als vielmehr ein Sammelbecken für linke Protestbewegungen und Bürgerinitiativen aller Couleur: Atomkraftgegner, Pazifisten, Frauenrechtlerinnen, Gewerkschafter und K-Gruppen – unter ihnen die Hardcore-Maoisten von der KPD/AO, die chinesische Meiler von der weltweiten Abschaltung aller Atomkraftwerke ausnehmen wollten. Von den etablierten Parteien sprach man damals nur als SPDCDUFDP-Gemenge, erinnern sich grüne Veteranen – die Westberliner Politlandschaft der Endsiebziger: eine haarsträubende Filzokratie unter Erbherrschaft der Sozialdemokraten, in der man sich die Posten zuschob und die Bauskandale sich häuften. Vorerst gipfelnd in der Pleite des Unternehmers Dietrich Garski auf Senatskosten, die der Stadt einen krachenden Finanzskandal bescherte.

Ans Mitregieren dachte in der Anfangszeit keiner in der AL. Man habe vor allem den Etablierten klarmachen wollen: „So wie ihr Politik betreibt, geht es nicht weiter“, sagt Hans-Christian Ströbele, Mitbegründer der Berliner Alternativen. „Vom Impetus her“, sagt Gero Neugebauer, Politikwissenschaftler an der Freien Universität, „war die AL ganz klar Antipartei“. Offiziell eingetreten ist Ströbele, ebenso wie sein Rechtsanwaltskollege Otto Schily, allerdings erst Jahre später, als die gefürchteten K-Gruppen an Einfluss verloren hatten. Da war die AL bereits im Rathaus Schöneberg vertreten, dem Westberliner Parlamentssitz. Eingezogen 1981, nach dem Scheitern des rot-gelben Senats unter Dietrich Stobbe, mit 7,2 Prozent der Stimmen und neun Fraktionsmitgliedern. Angetreten, den parlamentarischen Betrieb zu erneuern. Mit Rotationsprinzip – im Fachjargon „rotierender Antikarrierismus“ –, mit Trennung von Amt und Mandat, Basisdemokratie, Frauenquote und gezielten Regelverstößen. Muntere Jahre müssen das gewesen sein. Schnappschüsse aus der Zeit zeigen die ALer mit Schlafmützen auf dem Kopf, demonstrativ dämmernd während einer Rede von Bürgermeister Eberhard Diepgen. Oder den irrlichternden Kommunarden Dieter Kunzelmann, der in einer Polizeiuniform von 1848 für die Kennzeichnungspflicht von Polizisten streitet. Und Kordula Schulz-Asche, AL-Mitglied Nummer vier und heute hessische Landesvorsitzende der Grünen, erzählt, sie habe auch mal einen Baum mit ins Rathaus gebracht – um die Folgen des sauren Regens zu demonstrieren. „Wir hatten unser Standbein auf der Straße und unser Spielbein im Parlament“, fasst Hans-Christian Ströbele den APO-Geist der Alternativen im Rathaus zusammen.

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