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Die Historikerin Jutta Braun im Gespräch – Teil 2

Mitbauer_Axeltip: … in Berlin sehr bekannt, weil er bei der Hertha BSC sowohl Spieler als auch Trainer war.
Braun: Er war vor seiner Flucht Kicker bei BFC Dynamo. BFC Dynamo war sehr erfolgreich und spielte häufiger im Ausland. Falko Götz setzte sich 1983 bei einem Kaufhausbesuch in Belgrad mit seinem Mannschaftskameraden Dirk Schlegel ab. Sie mussten einen unbewachten Moment finden, sind dann schnell zum Taxi gelaufen und wollten sich zur deutschen Botschaft fahren lassen. Der erste Taxifahrer hat das abgelehnt. Der zweite wollte dafür die Festsumme von 20 D-Mark. Als sie in ihren Fußball-Klamotten bei der Botschaft ankamen, hieß es gleich: Oh, DDR-Fußballer. Ihr wollt bestimmt in den Westen. Die spektakulärste Geschichte aber hat der Schwimmer Axel Mitbauer (Foto) zu erzählen.

tip: Sie meinen den Schwimmer, der 1969 nachts 25 Kilometer durch die Ostsee schwamm, sich dabei an den Sternen orientierte und morgens unterkühlt auf einer Boje wartend von einem Schiff aufgelesen wurde?
Braun: Genau. Das Schöne bei der Flucht von Mitbauer ist ja, dass er für seine Flucht seine eigene Sportart genutzt hat. Dass ein Schwimmer schwimmend das Weite sucht.

tip: Wie hat die DDR ihrer Bevölkerung erklärt, dass bestimmte Sport-Stars plötzlich nicht mehr da waren?
Braun: Günter Simon, er war Redakteur der „Neuen Fußballwoche“ gewesen, einer der auflagenstärksten Sportzeitungen der DDR, hat das in einem Interview mal sehr schön erzählt. Dass jemand geflohen sei, hätte die Redaktion als erstes immer daran gemerkt, dass jemand ins Fotoarchiv der „Neuen Fußballwoche“ gekommen sei und sagte: Sofort alle Bilder von dem aus dem Verkehr ziehen! Da hätte die Redaktion gewusst, dass der Sportler nicht mehr im Land sei. Außerdem verschwanden die Sportler aus den Rekordlisten, sie wurden teils aus Mannschaftsfotos herausretuschiert und ihnen sind Titel ab­erkannt worden. Der Mittelstreckenläufer Jürgen May etwa war 1965 in der DDR zum Sportler des Jahres gewählt worden. Da er 1967 aber geflohen war, wurde er 1972 sang- und klanglos gestrichen und durch den damals Zweitplatzierten Peter Ducke ersetzt. Das war ein Fußballer.

tip: Wie willkommen waren die DDR-Sportler in der Bundesrepublik?
Braun: Zum Teil waren sie sehr willkommen. Der inzwischen verstorbene Ralph Pöhland, ein nordischer Kombinierer, floh 1968 mithilfe des bundesdeutschen Ski-Kollegen Georg Thoma, ein Weltmeister. Anders als Eberhard Gienger hat Georg Thoma Ralph Pöhland nicht spontan geholfen, sondern wurde dazu regelrecht vom bundesdeutschen Ski-Verband ermuntert. Das war aber ein Einzelfall und Pöhland wollte sowieso fliehen. Trotzdem behauptete der Osten immer, die Sportler seien alle entweder gezielt abgeworben worden oder nicht freiwillig gegangen. Sie seien Opfer von Menschenhändlern, die sie entführt hätten. Bei dem Radsportler Jürgen Kissner etwa hieß es, man hätte ihn unter Drogen gesetzt, was aber natürlich nicht  stimmte. Oder aber, sie seien eben einfach Verräter. Das war die endgültige Beschimpfung und so heißt ja auch unsere Ausstellung.

tip: Der 1979 geflohene Fußballer Lutz Eigendorf ist 1983 unter mysteriösen Umständen in Braunschweig bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Gerüchte besagen, dieser Unfall sei durch die Stasi verursacht worden.
Braun: Bis heute ist zwar nicht bewiesen, dass er von der Staatssicherheit umgebracht wurde, der Fall ist aber trotzdem bezeichnend. So habe ich in Dokumenten Zitate von Sportfunktionären gefunden, wo – bezogen auf einen anderen Fußballer – gesagt wurde, dass man jemanden, der einen solchen Verrat begeht, auch aus dem Weg schaffen könne. Es gibt auch eine Stasi-Akte, wo von „Verblitzen“ die Rede ist, was heißt, dass jemand stark geblendet wird. Da war also durchaus eine gewisse Gewaltbereitschaft vorhanden. Es ist außerdem bei anderen Fußballern, die später ihre Stasi-Akte eingesehen haben, unter anderem bei Falko Götz, deutlich geworden, dass die geflohenen Sportler auch im Westen weiterhin ausspioniert wurden.

Durch das Schicksal Lutz Eigendorfs, aber auch durch den im gleichen Jahr wie Eigendorf ebenfalls geflohenen Fußballtrainer Jörg Berger gewarnt, hatte sich Falko Götz deshalb hinsichtlich seiner Flucht immer sehr zurückhaltend gezeigt. Er wollte so vermeiden, Opfer von Racheaktionen zu werden. Er wollte aber auch vermeiden, dass seine Eltern, die ja noch in der DDR waren, Opfer von Racheaktionen wurden. Umso erschütternder war für ihn, als er zu Beginn der 1990er- Jahre dann Einsicht in seine Stasi-Akte nahm und feststellen musste, wie sein und das gesamte Umfeld seiner Eltern von Stasi-Mitarbeitern durchsetzt war. Auch sein neues Haus war ausspioniert worden, wobei auch mögliche Entführungswege von seinem Haus in den Osten aufgezeichnet waren.

tip: Gab es tatsächlich Sportler, die wieder zurück in die DDR entführt wurden?
Braun: Im Sportbereich weiß ich von einer Entführung nichts, das hat es bei anderen politischen Flüchtlingen gegeben. Bei der 1958 geflohenen Hürdenläuferin Karin Balzer war es keine Entführung, sondern man hatte ihr ihren Vater, begleitet von ein paar Stasileuten, hinterher­geschickt. Man hat ihr gegenüber auch Drohungen ausgesprochen. So hat man sie „überzeugt“, wieder in die DDR zurückzukommen.

tip: Einige der von Ihnen in der Ausstellung präsentierten 15 Sportler erzielten zu ihren DDR-Zeiten ihre Leistungen auch mithilfe von Doping. Wie ging es denn nach der Flucht mit denen weiter, konnten die noch an ihre Leistungen anknüpfen?
Braun: Sehr wichtig ist die Dopinggeschichte bei Renate Bauer, die 1979 geflohen ist. Sie hat sehr intensiv die Phase nach den Olympischen Spielen 1972 in München mitbekommen, wo die DDR ja sehr erfolgreich war und diesen Erfolg nun gerne fortführen wollte. Aufgrund von Aktenfunden ist auch historisch belegt, dass sich das Dopingsystem der DDR nach 1972 sehr intensiviert hatte. Vor allem natürlich bei jungen Schwimmerinnen, wo Anabolika sehr stark anschlägt. Zwar wurde den minderjährigen Sportlerinnen nicht gesagt, was sie da bekommen haben – es wurde als Vitaminvergabe getarnt. Die Schwimmerinnen merkten aber natürlich die massiven körperlichen Veränderungen, die Virilisierungserscheinungen, das Ausbleiben der Menstruation, Behaarungen, das Vertiefen der Stimme, was ja auch bei internationalen Wettkämpfen auffiel. Renate Bauer hat sehr eindrücklich geschildert, wie schlimm diese Zeit war, wo weder sie noch ihre Eltern wussten, was genau mit ihr passierte.

tip: Haben denn einige der geflohenen Sportler ihre Dopingkenntnisse in die Bundesrepublik transferiert?
Braun: Es gab einzelne Sportler, die blaue Pillen als Beweis für das Ost-Doping bei ihrer Flucht im Gepäck hatten. Die fachlichen Spezialkenntnisse besaßen aber die Sportärzte, es sind ja auch Sportärzte aus der DDR geflohen. Die waren im Westen sehr begehrt. Ihre Doping-Kenntnisse waren beim bundesdeutschen Sport natürlich sehr von Interesse. Das ist aber ein anderes Feld, das wir in unserer Ausstellung nicht wirklich thematisiert haben, weil es sehr viel schwieriger ist da Leute zu finden, die bereit sind zu erzählen. Zu diesem Thema könnte man eine separate Ausstellung machen. Wie DDR-Sportärzte ihr  Doping-Wissen in die Bundesrepublik transferierten.                  

Interview: Eva Apraku

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Foto: Laura Soria/Zentrum deutsche Sportgeschichte 

ZOV Sportverräter – Spitzenathleten auf der Flucht Die in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Laura Soria erstellte Ausstellung wurde gefördert von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Stiftung Deutsche Klassenlotterie. Ort: Willy-Brandt-Haus, Wilhelmstraße 140, Kreuzberg, Eröffnung: 21.7., 19.30 Uhr, Di–So 12–18 Uhr (bis 28.8.), Eintritt frei, Ausweis erforderlich, www.zentrum-deutsche-sportgeschichte.de

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