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Die Historikerin Jutta Braun im Gespräch

Goetz_Falcotip: Kürzlich haben sich beim Berliner Frauenfußball-Amateur-Turnier „Discover Football“ das komplette kamerunische Team und zwei togoische Spielerinnen abgesetzt. Ist diese Flucht vergleichbar mit den Fluchten von DDR-Spitzensportlern, die Sie und Ihr Kollege Renй Wiese für die Ausstellung „ZOV Sportverräter – Spitzenathleten auf der Flucht“ dokumentiert haben?
Jutta Braun: Ein weiteres Beispiel: In Sri Lanka sollte ein Trainer aus Potsdam 2004 eine Handballnationalmannschaft aufbauen. Die kamen dann für ein Spiel nach Deutschland. Einen Tag später hatten sich alle Spieler nach Italien abgesetzt. Sodass man im Nachhinein den Eindruck hatte, diese Mannschaft habe sich nur zu Fluchtzwecken zusammengefunden. Trotzdem sind diese Fluchten mit den Fluchten der DDR-Spitzensportler nicht primär vergleichbar. Die aktuell geflüchteten Sportler halten sich zumeist illegal in ihren Fluchtländern auf. Oder müssen um Asyl bitten. Die DDR-Athleten, von denen in unserer Ausstellung die Rede ist, konnten hingegen fest darauf bauen, dass die Bundesrepublik sie als Bundesbürger betrachtete. Sie wussten, dass sie hier integriert werden. Diese deutsch-deutsche Konstellation war schon sehr speziell.

tip: Sportler hatten in der DDR viele Privilegien: Sie erhielten Wohnungen oder Autos und genossen ein hohes Ansehen. Warum flohen trotzdem 615 Spitzen-Athleten?
Braun: Die Zahl 615 stammt von der Stasi. Man muss davon ausgehen, dass die Dunkelziffer höher ist. Denn vor dem Mauerbau war es einfacher, die DDR zu verlassen. Generell sind die Sportler aus den gleichen Gründen geflohen wie auch die anderen rund drei Millionen geflohenen DDR-Bürger: Sie waren unzufrieden mit dem undemokratischen System, mit den Versorgungsmängeln und mit der allgegenwärtigen Politisierung. Zum Teil existierte aber auch Unzufriedenheit mit dem Sport­system, das das gesamte Leben bestimmte. Darüber hinaus unterlagen Spitzensportler einer schärferen Beobachtung als der normale Bürger. Dadurch war es unendlich schwierig, sich Freiräume zu erkämpfen. Ein weiterer Grund, weswegen Spitzensportler flohen, war, dass sie bei ihren Wettkämpfen etwas von der Welt gesehen hatten – Rom, Mexiko, Los Angeles – und sie sich nicht vorstellen konnten, nach dem Ende ihrer aktiven Karriere wieder in der DDR eingemauert zu sein.

tip: Warum reagierte die DDR so allergisch darauf, wenn sich ihre Sportler absetzten?
Braun: Gerade im Sport wollte man sich gegenüber der Bundesrepublik überlegen zeigen. Und da war es eben besonders ärgerlich, wenn jemand die Republik unerlaubt verließ. Zum einen hatte man viel in die Ausbildung und Förderung der Sportler gesteckt. Zum anderen waren sie, gerade wenn es sich um prominente Sportler handelte, Aushängeschilder des Systems. Wenn sich diese Aushängeschilder für den Klassenfeind entschieden, war das ein riesiges Image-Desaster.

tip: Flohen Sportler aller Disziplinen? Oder eher aus Sportarten, mit denen man in der Bundesrepublik auch eine Existenz bestreiten konnte?
Braun: Eigentlich flohen Sportler aus allen Disziplinen, wobei sehr viele Leichtathleten, Schwimmer, Radsportler, Eisläufer und Fußballer darunter waren. Letztere reizte besonders die Bundesliga. Der West-Fußball war erfolgreicher und professioneller als der Ost-Fußball. Wobei alle geflohenen DDR-Sportler in der Bundesrepublik feststellen mussten, dass hier die Bedingungen, unter denen Sport getrieben wurde, ganz anders waren. Anders als in der DDR wurde nicht rund um die Uhr für die Sportler gesorgt, sie bekamen nicht die Sorge um ihre Existenz abgenommen und hatten längst nicht so viele Trainer und Betreuer, wie das DDR-Sport-System ihnen zur Verfügung gestellt hatte.

tip: Flohen die meisten dieser DDR-Spitzensportler bei Auslandsaufenthalten?
Braun: Im Grunde ja. Über den Daumen gepeilt waren es mindestens die Hälfte, wahrscheinlich aber zwei Drittel, die auf diese Weise flohen. Von den bei uns in der Ausstellung vorgestellten Sportlern floh etwa der Turner Wolfgang Thüne, die Rennrodlerin Ute Scheiffele oder der Fußballer Falko Götz (Foto) auf diese Art. Was es auch gegeben hat, vor allem zwischen 1956 bis 1964, in der Phase der gesamtdeutschen Mannschaften, war, dass die sogenannten Ausscheidungskämpfe, mit denen die deutsch-deutschen Mannschaften zusammengestellt wurden, dazu genutzt wurden, sich abzusetzen. Diese Ausscheidungswettkämpfe fanden zum Teil im Westen statt. Der Radfahrer Jürgen Kissner etwa ist bei einem Ausscheidungskampf in Köln abgehauen, indem er den Lastenaufzug des Hotels benutzt hat.

tip: Was waren die spektakulärsten Fluchten?
Braun: Spektakulär waren die Fluchten eigentlich alle. Wir haben häufig den Fall, dass sie sich, wie der Mittelstreckenläufer Jürgen May, im Auto versteckten. Der ließ sich 1967 in einem amerikanischen Straßenkreuzer von professionellen Schleusern über die Grenze bringen. Während er versteckt in dem Wagen lag, wurde das Auto von Polizisten abgeklopft. Der Turner Wolfgang Thüne sprach im Rahmen eines Wettkampfes 1975 in Bern in einem Waschraum den west-deutschen Turnerkollegen Eberhard Gienger an …

tip: … damals ein großer Turner-Star.
Braun: Ja, Gienger war Weltmeister. Thüne bat Gienger, ihn über die Grenze zu fahren. Das hat der dann auch gemacht. Auch für Eberhard Gienger war das nicht ohne. Wenn das aufgeflogen wäre, hätte er als Fluchthelfer gegolten und nie wieder im Ostblock starten können. Der Fußballer Falko Götz …

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Foto: Laura Soria/Zentrum deutsche Sportgeschichte

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