Stadtleben

Jule Böwe – Die Lebenskünstlerin

jule_boewe_c_dvbWas sie aus ihrem alten in den neuen Beruf mitnehmen konnte? “Alles!“, entgegnet Jule Böwe, ohne zu zögern. Nicht, dass sie Theater mit Therapie verwechseln würde. Aber die drei Jahre, in denen sie als Ergotherapeutin im Heim für Geschädigte in Lichtenberg und dann im Charlottenburger Sonderkrankenhaus Erlengrund gearbeitet hat, wirken nach. Weil Böwe – die erst zurückgebliebene Jugendliche, dann schwere psychiatrische Fälle betreute – schon in jungen Jahren das gesamte Spektrum menschlicher Höhen und Tiefen kennengelernt hat. “Mein Lebenshintergrund war sehr reich“, sagt sie.

Übrigens keine schlechte Voraussetzung für die spätere Schauspielkarriere. Dabei war der erste Beruf keine Verlegenheitslösung. Die Tochter eines Psychiater- und Neurologen-Paars kannte die Klinikwelt von klein auf, es gab dort mit der Beschäftigungstherapeutin Frau Schmidt eine liebgewonnene Bezugsperson. “Ich wollte so was werden wie sie“, lächelt Böwe.

Geplant, getan. Sie hatte nie eine Sinnkrise als Therapeutin. Es gab keinen Bruch. Dafür ein Erweckungserlebnis: den Sketch-Abend während einer Jugendfreizeit, wo Jule mit Lehrerparodien glänzte. “In meiner Erinnerung hat der ganze Saal flachgelegen“, erzählt sie. Und setzt hinzu: “Ich weiß bis heute manchmal nicht, warum im Publikum gelacht wird.“

Jedenfalls war da ein Bühnentalent. Auch wenn der Vater auf die Ankündigung der Tochter, Schauspielerin werden zu wollen, legendärerweise entgegnete: “Du kannst dir doch nicht mal ein Gedicht merken.“ An der Ernst-Busch-Schauspielschule wurde Böwe abgelehnt. Vom Spielen hat sie das nicht abgehalten. Dann eben der eigene Weg in der Freien Szene. Aber tagsüber therapieren, abends Bühne, das passte irgendwann nicht mehr zusammen. Also gab sie die Klinik auf und begann nebenher zu kellnern, “da muss man auch eine Rolle spielen“.

In Matthias Merkles Inszenierung “Magic Afternoon“ im Schokoladen sah Thomas Ostermeier die Begabung. Und gewann Böwe für “Shoppen und Ficken“. Der Rest, in Zeitraffer: Erfolgsgeschichte an der Schaubühne, auch im Film, diverse Auszeichnungen. Gab es je Existenzängste, damals, heute? “Nein“, sagt Jule Böwe fast verwundert, “es war ja immer was zu tun.“

Text: Patrick Wilderman

Foto: David von Becker

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