Stadtleben

Die Neonazi-Szene in Berlin – Teil 2

Rechte_GewaltDoch Farbeimer halten keine Brandstifter auf. „Wir arbeiten an einem neuen Sicherheitskonzept“, sagt Mirjam Blumenthal. „Dazu gehören dann leider auch Kameras. Wenn ich mir vorstelle, dass eine Nacht vor dem ersten Anschlag noch eine Kindergruppe im Haus übernachtet hat, wird mir jetzt noch ganz übel. Wir geben aber nicht auf.“

Im Jahr 2010 zählte der Verfassungsschutz Berlin insgesamt 1.127 Straftaten von Rechts, 29 davon gelten als Gewalttaten. Die Berliner Opferberatung ReachOut, die ihren Sitz in der Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg hat, geht davon aus, dass die Dunkelziffer um einiges höher liegt. Im Jahr 2010 listete der Verein 109 dieser Taten auf, für 2011 bereits 100. ReachOut hat es sich zur Aufgabe gemacht, die verschiedenen von ihnen als rechtsextrem, rassistisch oder homophob eingeschätzten Angriffe und Bedrohungen zu registrieren und öffentlich zu machen. Die Beratung betreut pro Jahr zwischen 60 und 70 Opfer derartiger Fälle, wobei sich manche davon über Jahre hinziehen. Doch Statistiken und Zahlen sind das eine. Wie solche Angriffe und Bedrohungen dann in der Realität aussehen, zeigen zahlreiche Vorfälle aus diesem Jahr.

Zum Beispiel der eines Vaters, der in seinem Briefkasten einen anonymen Brief mit einem Foto von sich und seinem Kind fand. Darin stand eine Todesdrohung mit rechtsextremistischem Inhalt, dessen Wortlaut hier nicht genau wiedergegeben werden soll. Oder der einer Frau aus der Türkei, die erst angerempelt, rassistisch beschimpft und dann geschlagen wurde. Im letzten Moment konnte sie sich hinter ihre Haustür retten. Oder das Beispiel eines Mannes, der auf einem S-Bahnhof auf seine dunkle Hautfarbe angesprochen, dann geschlagen und mit einem Messer bedroht wurde. Menschen, die jetzt mit der Angst leben lernen müssen und ihren Namen deshalb auf gar keinen Fall in der Presse lesen wollen.

„Ein typischer Tatort für rassistische Angriffe sind die Haltestellen von öffentlichen Verkehrsmitteln. Erst werden die Menschen angesprochen, dann beschimpft und dann plötzlich zu Boden geschlagen“, sagt Sabine Seyb von ReachOut. „In dem Moment entlädt sich ein Hass auf die andere Hautfarbe, die anderen Haare, der nicht erklärbar ist. Das passiert auch, wenn die Opfer ihre Kinder dabei haben. Das finde ich besonders erschütternd“. Diese Opfer wären danach oft verängstigt, könnten nicht mehr aus dem Haus gehen, nicht mehr den Weg zur Arbeit bewältigen, wollten umziehen und vor allem ihre Kinder schützen, erklärt die 55-Jährige.

Eine zweite Opfergruppe seien Menschen, die gegen Rechts aktiv sind. „Die werden auch gezielt angegriffen. Entweder wird ihnen aufgelauert oder sie werden durch im Internet veröffentlichte Fotos erkannt und dann angegriffen“, sagt Sabine Seyb.  
Politisch engagierte Menschen wie der 16-jährige Tim aus Britz und der Friedrichsfelder SPD-Abgeordnete Ole Kreins.

Anfang September entfernte Tim, dessen Nachname ebenfalls geheim bleiben muss, gerade in einer Straße in Britz NPD-Aufkleber, als er von zwei Rechtsextremen attackiert wurde: „Ich war total überrascht und fühlte mich hilflos, als einer von den beiden eine Sturmmaske überzog und auf mich zugerannt kam.“ Der Mann habe begonnen, ihn herumzuschubsen und zu bedrohen. „Er sagte, dass ich schuld daran sei, dass Deutschland von Ausländern regiert würde. Doch ich versuchte keine Angst zu zeigen und begann mit ihm zu diskutieren.“ Das wiederum habe die Angreifer überrascht. Die beiden seien ihm dann noch gefolgt, weil sie, so vermutet Tim, herausfinden wollten, wo er wohnt. „Vor allem abends passe ich jetzt besser auf und umrunde die Orte, von denen ich weiß, dass sich dort Rechte treffen“, sagt Tim.

„Wir lassen uns nicht einschüchtern“, sagt der SPD-Abgeordnete Ole Kreins, dessen Kiezspaziergang der SPD-Lichtenberg Ende Mai 2011 aus einer von der rechten Szene besuchten Kneipe von drei Männern angegangen wurde. „Die drei kamen herausgestürmt. Sie waren sehr aggressiv und begannen uns anzupöbeln. Der eine hatte einen Stuhl in der erhobenen Hand und brüllte: Ich schlage euch den Schädel ein“, erzählt Kreins. „Dann begannen sie zu treten und zu schlagen. Das kam so unvermittelt und spontan. Damit hatten wir auf unserem Kiezspaziergang, auf dem wir uns Kitas und die AWO angeschaut haben, überhaupt nicht gerechnet.“

zum henkerEin besonderer Brennpunkt der rechten Szene in Berlin befindet sich in der Nähe des S-Bahnhofes Schöneweide. Vom tristen und heruntergekommenen Bahnhof führt eine Treppe zu einer dunklen Unterführung. Von einem Jugendprojekt wurden die Kachelwände des Tunnels mit Bildern bemalt, die die kulturelle Vielfalt Berlins darstellen sollen. Auf einige der im Comic-Style gemalten Menschen hat jemand dann die von der rechten Szene verwendeten Zahlenkombinationen 88, 18 oder neu, die 22 geschmiert. Geradeaus geht es weiter in die Brückenstraße, in der sich die rechte Szenekneipe Zum Henker und das neu eröffnete Hexogen befindet, ein Bedarfsladen für den rechts­extremen Szenegänger. Wer hingegen nach rechts abbiegt, kommt zum Zentrum für Demokratie, das sich mit Ausstellungen, Seminaren und Projekttagen gegen Rechtsextremismus einsetzt. Von außen sieht das Zentrum unauffällig aus und das Bildungsangebot klingt nach demokratischer Aufbauarbeit. Nachdenklich machen dann aber die diversen Schutzmaßnahmen, die das Zentrum nach eingeschmissenen Fensterscheiben, Schmierereien und Versuchen von Mitgliedern der rechtsextremen Szene, in das Zentrum zu gelangen, ergreifen musste: Panzerglas, schwere Eisengitter und Sichtschutz vor den Fenstern und eine  Alarmanlage. Aus dem Zentrum wurde eine Burg.

Nachdenklich machen auch die Erklärungen von Kati Becker, die im Zentrum arbeitet und bei einem Rundgang durch das Viertel auf die Sprühereien an den Wänden zeigt: „NS Jetzt“, „88“, „Anti-Antifa“ und vieles mehr. Dazwischen immer wieder die Reste von Hakenkreuzen, die von der Polizei nach eingegangener Meldung übersprüht werden. Kati Becker berichtet, dass Rechte gezielt in das Gebiet zögen. Es würden nationale Wohngemeinschaften gegründet. Auch rechte Eltern suchten sich mit ihren Kindern ihren Platz im Kiez. „Hier entsteht ein kleines braunes Dorf. Die Rechten wollen sich ein soziales Umfeld schaffen, in dem sie auf der einen Seite ungestört sein können und in dem sie aber andererseits den öffentlichen Raum dominieren wollen“, sagt Kati Becker. „Sie können sich dann in der Kita engagieren oder sich in den Elternbeirat der Schule wählen lassen.“

Die Strategie dieser Nachbarschaftsdominanz scheint sich auszuzahlen. Bei den Berlin-Wahlen kam die NPD im Stimmbezirk 118, zu dem auch die Brückenstraße gehört, bei den Stimmen für die Bezirksverordnetenversammlung auf 11,6 Prozent und damit an die dritte
Stelle.

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