Stadtleben

Die Neonazi-Szene in Berlin – Teil 3

Als es in Richtung Zum Henker weitergeht, lacht Kati Becker kurz und sagt: „Wir nähern uns dem Feind von hinten.“ Dann wird sie wieder ernst und zeigt auf ein Hakenkreuz, das erst frisch auf die Wand geschmiert worden sein muss. „Eigentlich ist diese Gegend hier verloren“, sagt sie. „Man bräuchte eine ganze Batterie an langfristigen Projekten, um hier eine demokratische Kultur wieder dauerhaft zu etablieren.“ Der Berliner Verfassungsschutz bescheinigt dem Henker einen hohen Symbolwert für die rechte Szene.

HexogenAm anderen Ende der Brückenstraße gibt es seit diesem Sommer das Hexogen. Unauffällig präsentiert sich der Laden als „Security und Outdoor“-Geschäft und führt Campingartikel, Wanderschuhe, Militärklamotten und Schlagwerkzeuge. Er wird von Sebastian Schmidtke betrieben. Der Mann agiert als Bindeglied zwischen der Berliner NPD, für die er als Vize-Landesvorsitzender aufgestellt ist, und dem Netzwerk der freien Kräfte. So trat Schmidtke beispielsweise als Veranstalter der konspirativ geplanten und in Absprache mit der Polizei geheim gehaltenen rechtsextremen Demonstration am 14. Mai in Berlin-Kreuzberg auf, bei der dann Passanten und Gegendemonstranten aus dem rechten Aufzug heraus geschlagen und getreten wurden.

Im Verfassungsschutzbericht 2010 steht zu dem Netzwerk der freien Kräfte: „Auf Eigennamen wird meist verzichtet, stattdessen werden unterschiedlichste ‚Labels‘ wie ‚Freie Kräfte Berlin‘ oder ‚Nationaler Widerstand Berlin‘ verwendet.“ In der Vergangenheit trat Schmidtke im Namen des „Nationalen Widerstands Berlin“ an die Öffentlichkeit. So liegen dem Berliner Antifaschistischen Pressearchiv (Apabiz) Aufkleber, Flyer und Flugblätter des „Nationalen Widerstands Berlin“ vor, auf denen Schmidtke als Presse­verantwortlicher verantwortlich zeichnet. Zudem findet sich auf der Webseite des „Nationalen Widerstands Berlin“ ein Interview mit Schmidtke, in dem er diese als „unsere Weltnetzpräsenz“ bezeichnet. Es ist jene Internetseite, auf der sich die Listen von Objekten angeblicher politischer Gegner befinden. Bis vor Kurzem gab es auch Personenlisten mit Fotos, die jetzt aber auf eine andere Seite ausgelagert worden sind. Offiziell hat die Seite keinen Verantwortlichen. Die Server, auf denen die Seite gehostet wird, gehören einer Firma in den USA, wie eine Internetserver-Abfrage ergibt.

Auch die gemütliche St.-Pauli-Fankneipe Astra-Stube in Berlin-Neukölln steht auf der Liste des „Nationalen Widerstands Berlin“. Was das bedeutet, hat der Besitzer der Kneipe mehrfach zu spüren bekommen. Zuerst zeigt er auf die Fensterscheibe, durch die die Steine geflogen kamen, dann holt er einen wuchtigen handgroßen Straßenpflasterstein hinter einem der Strandkörbe hervor, die in seiner Kneipe stehen. „Den habe ich aufgehoben“, sagt er. Der Wirt sagt: „Klar habe ich auch Plakate gegen Rechts hier hängen. Das ist doch selbstverständlich.“ Er zählt auf: „Wenn meine Scheiben eingeworfen, meine Autoreifen zerstochen oder es Farbattacken gibt, ist es das eine. Wenn aber in Kauf genommen wird, dass Menschen zu Schaden kommen, wie bei den Brandanschlägen im Sommer, hat das eine ganz andere Wertigkeit.“ Dann erzählt er von dem Brandsatz unter seinem Auto und die Messerattacke auf ihn, möchte aber nicht, dass die Fälle, wie er es nennt, zu sehr „aufgebauscht“ werden. „Im Endeffekt stehe ich ja hier hinter der Theke, da hilft mir dann im Ernstfall auch kein Artikel in der Zeitung.“

Auf die Polizei verlässt sich der Wirt ohnehin nicht mehr. „Ich habe jetzt Schutz an den Fenstern und mich mit den anderen Kneipen hier im Kiez vernetzt.“ Nach den Ereignissen sei zwar ein Mann vom Staatsschutz zu ihm gekommen, erzählt der Astra-Stuben-Besitzer. „Der hat mir aber nur geraten, meine Aufkleber gegen Rechts abzumachen und mich gefragt, ob ich jemanden in Springerstiefeln gesehen hätte. Seitdem ist nichts passiert.“ 

Text: Karl Grünberg

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