Stadtleben

Die Neonazi-Szene in Berlin

rechte gewalt„Wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich sein aggressives Gesicht, seinen Hass in den Augen, dann rieche ich die Alkoholfahne, die aus seinem Mund kommt. Und dann sehe ich seine Faust direkt vor meinem Gesicht.“ Es ist Ende Oktober, als der 24-jährige Alex Dietz zusammen mit einem Besucher aus Frankreich in der Nähe vom Nordbahnhof von einem Mann bedroht und beschimpft wird. Dietz erzählt: „Bitte lass mich los, wir machen nichts“, habe er selbst gesagt. „Aber der stand nur vor mir. Er zerrte an meiner Jacke und drohte mir mit erhobener Faust. Dabei brüllte er die ganze Zeit: ‚Franzosenfresse, ihr seid doch alle schwul, beim Führer hätte es das nicht gegeben, ich bin der Führer.'“ Und dann setzt Dietz hinzu: „Ich bin immer noch entsetzt über seinen Hass.“

Am 22. November hat Ehrhart Körting (SPD) auf seiner letzten Pressekonferenz als Innensenator von Berlin gesagt, dass die rechte Szene von Berlin kleiner, aber radikaler werde und dass die Brutalität der Übergriffe zunehme. Das Aktionspotenzial der Rechtsextremen verlagere sich von der NPD hin zu dem Netzwerk der freien Kräfte, wobei die sogenannten „Autonomen Nationalisten“ als besonders aktionsorientiert und gewaltbereit gelten, so Körting. Insgesamt geht der Berliner Verfassungsschutz für das Jahr 2010 von 1.600 Menschen aus, die der rechtsextremen Szene in Berlin zugehören, davon werden 700 als gewaltbereit eingeschätzt.

Doch wie sieht die Realität aus? Wie geht es den Menschen, die Opfer von rechten Übergriffen und Anschlägen geworden sind?
Schon zwei Mal wurde das Haus der Kinder- und Jugendorganisation Falken in Neukölln in diesem Jahr Ziel von Brandanschlägen. „Im Moment sind wir ziemlich frustriert und haben Angst davor, dass es wieder einen Anschlag auf unser Haus geben könnte“, sagt Mirjam Blumenthal von den Falken. Auf der Webseite des „Nationalen Widerstands Berlin“ wird das Falken-Haus mit Foto und Adresse gezeigt. In der Kommentarspalte droht ein sogenannter „Antifa-Schlächter“, mit zehnfacher Energie zuzuschlagen und den „nationalen Selbstschutz“ zu organisieren.

Mirjam Blumenthal, die die Pressesprecherin der Falken in Neukölln ist, geht nicht nur deshalb bei beiden Brandanschlägen von Tätern aus der rechtsextremen Szene von Berlin aus. Der erste Anschlag war Teil einer Brandstiftungsserie, bei der in der Nacht zum 27. Juni dieses Jahres fünf verschiedene linke Projekte und Wohnhäuser in Berlin angezündet wurden. Der zweite Anschlag fand in der Nacht zum 9. November 2011 statt, dem Tag, an dem in Deutschland den Opfern der Pogromnacht von 1938 gedacht wird.  

Das Falken-Haus liegt in einem kleinen Waldstück in der Nähe der U-Bahnstation Britz-Süd. Mit hohen Holzzäunen umgeben, erinnert das Gelände an eine kleine Festung. Auf dem Areal stehen selbst gebaute Baumhäuser, es gibt einen Volleyballplatz und einen kleinen Spielplatz. Eine Seite des Hauses ist mit Baugerüsten zugestellt, dahinter sind die Brandspuren und Zerstörungen des zweiten Anschlages zu sehen.

Im Haus selber riecht es auch drei Wochen danach noch stark verbrannt. Kisten und Materialien stehen durcheinander. Für die Kinder- und Jugendarbeit ist das Haus mindestens das nächste halbe Jahr nicht nutzbar. „Wir hatten uns auf eine Wiedereröffnung des Hauses am 4. Dezember gefreut“, sagt Sebastian Muy. „Und jetzt ist wieder alles zunichtegemacht worden.“ Der 29-Jährige arbeitet als Sozialarbeiter bei den Falken und klingt ziemlich frustriert. „Die Kinder waren sehr traurig und wütend über den zweiten Anschlag. Viele haben einfach nicht verstanden, warum jemand ihr Haus anzünden möchte“, sagt der junge Mann mit den zotteligen schwarzen Haaren. „Dann haben die Kinder Pläne geschmiedet, wie sie einen weiteren Anschlag verhindern können. Ein Mädchen wollte Farbeimer aufstellen, damit sie dann die Spur bis zum Haus der Täter verfolgen können“, sagt Muy.

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