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Die neue Gründerszene in Berlin – Teil 3

Felix Petersen findet, dass die Diskussion um die deutschen Copycats in die falsche Richtung läuft. Denn die eigentliche Revolution, die gerade in Berlin stattfinde, sagt er, sei die Revolution der Nerds. „Vor zehn Jahren wurden Start-Ups in Deutschland von BWLern gegründet, die Lust darauf hatten, mal Firma zu spielen“, sagt Petersen und rückt seine Brille zurecht. „Die Programmierer und Designer waren in diesen Firmen die Ärsche. Das hat sich geändert.“ Die neuen Gründer sind Tüftler, die zuerst ans Produkt denken. Und dann an das große Geld. Das ist das Modell, das Google erfolgreich machte, Facebook und Apple. Felix Petersen lehnt sich auf dem Küchenstuhl zurück. „Wenn du nicht brennst für das, was du machst, wirst du auf Dauer keinen Erfolg haben.“

An einem sonnigen Herbsttag steht einer, der für das brennt, was er macht, in einem abgedunkelten Raum im Betahaus am Moritzplatz. Regelmäßig finden hier Start-Up-Festivals statt, Tage mit Workshops und Diskussionsrunden und Vorträgen. Es ist voll in dem dunklen Raum, denn vorne steht einer der Stars der Szene: Alexander Ljung, ein zierlicher Kerl mit Käppi und Hornbrille, der mal Sounddesigner war und jetzt mit schwerem schwedischen Akzent Unlesbares auf ein Flipchart kritzelt. „Denkt groß!“, sagt Ljung, „ihr könnt einen zentralen Einfluss darauf haben, wie sich die Leute in Zukunft verhalten. Alles, was ihr braucht, ist Technologie und schlaues Denken.“ Die Zuhörer tippen das, was Ljung sagt, eifrig in die MacBooks und iPads, die sie auf dem Schoß halten.

Ljung hat zusammen mit seinem Kumpel Eric Wahlforss 2007 Soundcloud gegründet. Monatelang saßen sie im St. Oberholz am Rosenthaler Platz, programmierten und tranken Latte Macchiato, dann überzeugten sie ein Venture Capital aus London von ihrer Idee und bekamen zweieinhalb Millionen Euro. Heute haben sie nach eigenen Angaben sieben Millionen Nutzer und 70 Angestellte. Was Ljung und Wahlforss damals bewegte, nach Berlin zu gehen, war vor allem die Medien- und Kreativwirtschaft der Stadt, die heute mit rund 29.000 Unternehmen und 212.000 Beschäftigten einen Umsatz von über 22 Milliarden Euro im Jahr macht. Sie wollten dort loslegen, wo ihre Zielgruppe lebt und arbeitet.

Jetzt steht Ljung also in Kreuzberg, sieht in Jeans und Turnschuhen genauso aus wie die, die vor ihm sitzen. „Denkt, wenn ihr gründet, nicht als Erstes daran, wie ihr es später verkaufen könnt“, sagt er. Als das Licht angeht und er mit dem Fahrstuhl nach unten ins Cafй des Betahauses fährt, wird er umringt von denen, die gerade zugehört haben. Er wird noch eine Stunde lang erklären müssen, was er vielleicht nie ganz erklären kann: wie er es geschafft hat.

travis toddAm Abend des Festivals stehen zehn, die es auch schaffen wollen, aber noch ganz am Anfang sind und nicht viel mehr haben als eine Idee, in einer der oberen Fabriketagen des Betahauses. Vor ihnen sitzt eine Jury aus gestandenen Gründern, Managern und IT-Beratern, hinter ihnen projiziert ein Beamer eine Stoppuhr, auf der fünf Minuten ablaufen. So lange haben sie Zeit, ihre Idee zu verkaufen. Ein New Yorker mit Vollbart will ein soziales Netzwerk bauen, das einen wissen lässt, wer von seinen Freunden gerade Zeit hat, sich zu treffen. Eine Modedesignerin will einen T-Shirt-Versand gründen, ein Italiener ein Shoppingportal, eine Joggerin ein Lauftreff 2.0, deren Mitglieder Figuren auf den Straßen der Stadt laufen. Am Ende gewinnt eine Idee, die Musicplayr heißt, noch ein soziales Netzwerk, man kann dort gemeinsam Musik hören. Das Team dahinter bekommt ein paar Monate mietfreie Räume zum Arbeiten im Betahaus, Gratiskaffee inklusive. Die anderen haben zumindest ein paar mehr Leuten von ihrer Idee erzählt, jungen Leuten, die schließlich auch ihre zukünftigen Nutzer sein könnten.
Fragt man die neuen Entrepreneure, ist der Austausch, das Networking fast genauso wichtig wie das Kapital, das gerade in die Stadt zieht. „Man lernt von den Fehlern der anderen“, sagt Jessica Erickson von 6Wunderkinder.

Ein anderer Unterzeichner ihres Anti-Copycat-Aufrufes ist das Start-Up Buddybeers. Einer der Gründer, Travis Todd, lädt seine Mitstreiter einmal im Monat zum gemeinsamen Frühstück ins St. Oberholz ein. Er nennt das Treffen „Silicon Allee“. Und im Grunde ist das St. Oberholz so etwas wie das Epizentrum der Berliner Start-Up-Szene. Nicht nur die Soundcloud-Jungs programmierten hier ihre Testversion. Wenn Mike Butcher von Techrunch in der Stadt ist, dem wichtigsten Technologie-Blog weltweit, kommt er morgens um acht Uhr hierher und kündigt das vorher per Twitter an, und dann pilgern Dutzende hoffnungsvoller Entre­preneure in das Cafй, um ihn zu treffen. Und jetzt, wo der Kapitalgeber Earlybird fast vis-а-vis vom Oberholz in die Räume einer Tanzschule am Rosenthaler gezogen ist, könnte man sagen: Die Torstraße wird Berlins Sand Hill Road, jene Straße im Zentrum der nordkalifornischen Kleinstadt Menlo Park, die am Stanford Shopping Center endet.
Dort sitzt Chris Olsen in seinem Büro und denkt an Berlin. Es ist ein warmer Tag im Silicon Valley, 25 Grad, Indian Summer. Auf der anderen Seite des Erdballs ist es schon lange dunkel. „Globale Ideen“, sagt Chris Olsen, „kennen keine Grenzen.“

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Foto: Travis Todd (Daniel Pritzkuleit)

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