Stadtleben

Die neue Handelsklasse Berlins

Peter-von-BechenWenn in Vimmerby Markt ist, rollt die ganze Familie aus Lönneberga an. Zu Astrid Lindgrens Zeiten war der Markt die Meetand-Greet-Zentrale der Region – und das nicht nur in Schweden. Man traf sich, besoff sich, feilschte, kaufte, ließ die Kinder spielen und erlebte den Höhepunkt des Monats, wenn nicht des Halbjahres. Solche Märkte gibt es immer noch, und immer noch sind sie nicht alltäglich. Dass es im letzten Jahrhundert in Berlin aber auch 14 täglich geöffnete und wetterunabhängige Markthallen in der Stadt gab, ist kaum zu glauben: Nur wenige sind übrig geblieben. Doch neuerdings hat man die maue Markthallensituation mit einem neuen Ort verstärkt: In den historischen Hallen am Gleisdreieck, die der Premium Modemesse gehören und in den letzten Jahren auch von ihr bespielt wurden, haben Anfang Oktober die „Markthallen am Gleisdreieck“ (MaG) eröffnet.

Neben den klassischen Lebensmittelständen finden sich Klamotten, Antiquitäten, Kunst, Flohmarktstände und Auktionen. Verschiedene Spitzenköche sind regelmäßig beim Showkochen unterwegs, und falls die Kinder sich trotz Livemusik, Karaoke und Gourmethöhepunkten langweilen, kann man sie professionell betreuen lassen – oder zum Verdauen in die Hüpfburg schicken. Das Ganze nennt sich Lifestylemarkt, und vielleicht sollte man über diesen unsympathischen Begriff hinwegsehen und sich an den mannigfaltigen Möglichkeiten zum überdachten und gemütlichen Prassen und Fressen erfreuen. „Berlin hat das gewollt“, behauptet denn auch Stephan Dau, der seit Jahren in Berlin als Eventveranstalter arbeitet und die Idee für den Ausflug in die Mehrzweckhalle aus Kapstadt mitgebracht hat. Am Eröffnungswochenende schoben sich 20.000 Besucher durch die Hallen. Dau hofft, dass bei bleibendem Andrang die „MaG“ ab Ende November wöchentlich geöffnet haben könnte. „Auch der Tourismus freut sich, wenn Berlin endlich eine Markthalle hat, wie man sie aus südländischen Hauptstädten kennt.“ Und immerhin ist die Gleisdreieck-Schlemmerei ein Zeichen, dass die Stadt tatsächlich an ihre Hallen glaubt.

Das war nicht immer so. Die letzten drei klassischen Markthallen, die es in Berlin noch gibt, befinden sich in unterschiedlichen Phasen der Entwicklung und jede basiert auf einem anderen Konzept. Gegen das alte Vorurteil, Interesse an biologisch angebauten Lebensmitteln mit Yuppietum gleichzusetzen, wehrt sich eine Initiative, die ein Konzept für die Nutzung der alten Kreuzberger Markthalle an der Eisenbahnstraße entwickelt hat. Die Gruppe Markthalle IX verfolgt das Ziel, die historische Halle als Kiezmittelpunkt wiederzubeleben und hat gute Chancen, denn die Stadt möchte die Halle lieber als Kleinhändlerverbund betrieben wissen als im Discounterstil. Die letzten verbliebenen Billiganbieter in der ansonsten ziemlich leeren Eisenbahnhalle (Kik, Drospa und Aldi) müssten demzufolge weichen, falls die von Markthalle IX geplanten regionalen, ausgesuchten Stände die Halle füllen.

„Wir wollen vor allem kleine Händler aus der Umgebung abbilden“, sagt Florian Niedermeier, einer der Aktivisten von Markthalle IX. Sein Mitstreiter Nikolaus Driessen fügt hinzu: „Die Halle soll soziale und kulturelle Begegnungsstätte werden, mit einem umfangreichen Sortiment an frischen Lebensmitteln“, die man nach einem „nicht kopierbaren Einkaufserlebnis“ nach Hause tragen soll. Vielleicht können sogar irgendwann im Keller Pilze angebaut werden, die dann mit den Biosiegeln um die Wette wuchern. Kurzfristig wird nun erst mal auf Initiative der Markthalle IX der Kreuzberger Prinzessinnengarten (die Stadtgärtner vom Moritzplatz) einziehen und die alte Markthalle als Winterquartier nutzen.

Mit dem Umbau schon begonnen hat man Anfang August in der Arminiusmarkthalle an der Moabiter Turmstraße. Die 1891 fertiggestellte, denkmalgeschützte Halle hinter dem Stadtteilrathaus war bis Anfang der 90er ein Hotspot der Alt-Berliner Hochkultur: „Drei Damen vom Grill“, mit Brigitte Mira und Brigitte Grothum, Günther Pfitzmann und Harald Juhnke brutzelten im hallenansässigen Schnellimbiss ihre Vorabendprogramm-Würstchen, und bis heute wird man dort von heller als hellblonden Imbissdamen bedient. Die große Neueröffnung ist für den 20. November geplant. Dadurch soll die Halle „als ein zentraler Punkt an der Turmstraße und Nahversorgungsbereich“ etabliert werden, sagt Martin Rossi von der Betreibergesellschaft Die Zunft. Das Konzept sieht regionale Anbieter, aber auch spanische und portugiesische Stände vor sowie eine Schauküche, in der ein Sternekoch wirbeln soll.

Eine weitere Martkhalle befindet sich im Kreuzberger Bergmannkiez. Die Betreiber der Marheineke Markthalle, die Berliner Großmarkt GmbH, siedelte die Händler vor drei Jahren für eine elfmonatige Umbauphase in ein kleines Containerdorf auf dem Rasenplatz vor der Halle um. Durch den Umbau verwandelte sich der alte Bau aus dem 19. Jahrhundert in ein modernes Einkaufszentrum mit Glaswänden und weißen Fußböden. Seither ist man sich in der Nachbarschaft uneinig, ob die neue Halle ein Erfolg ist oder nicht: Die einen freuen sich über die große Auswahl an Bio-Lebensmitteln, den anderen ist die Verköstigung in der Halle zu viel und der Preisanstieg für das Bio-Obst und -Gemüse ebenfalls. Immerhin: Die Idee mit dem Einkaufserlebnis für die ganze Familie geht dank des Spielzeugladens, vor dem sich die Kleinen drängen, und den Probierständen für die Großen prima auf. Es fehlt eigentlich nur noch ein passender Platz für die wöchentliche Marktkeilerei. 

Text: Jenny Zylka

Foto: Peter von Bechen (Pixelio.de)

Getestet: Wochenmärkte in Berlin

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