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Stadtleben

Die neuen Alten: Jeder zehnte Neuberliner ist älter als 50.

Träume leben: Susanne Weber-Lehrfeld wagte in Berlin einen Neustart als Künstlerin.

Eine Behauptung, die Susanne Weber-Lehrfeld, 62 und einstige Detmolderin, sofort unterschreiben würde. Die einstige Apothekerin war Mitte fünfzig, ihre Kinder hatten das Abi hinter sich und waren flügge geworden, als ein alter Wunsch bei ihr drängender wurde: Tänzerin zu werden. „Ich wollte das Tanzen nicht mehr nur Nebensache sein lassen. Dafür trainierte ich zu hart.“ Bereits seit ihrem dreißigsten Lebensjahr widmete sie jede freie Minute dem Tanz.

Mit Mitte fünfzig fasst sie endlich den Entschluss. „Mir war klar, ich wollte nach Berlin. Und ich wollte nicht bloß umziehen. Ich wollte mein ganzes Leben ändern. Aussteigen.“ Sie setzt sich mit ihrem Mann zusammen und erzählt ihm von ihren Plänen. „Ich hatte mir vorher ganz genau ausgerechnet, was wir für diesen Schritt brauchen würden. Und was es bedeuten würde, wenn ich meine Selbstständigkeit aufgäbe. Mein Mann hatte anfänglich große Ängste.“ Doch sie kann ihn von ihren Ideen überzeugen. Auch wenn es in ihrem Umfeld viele gab, die anders dachten: „Auf einmal war ich die Böse, die nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte und ihrem Mann das Leben kaputtmachte.“

Susanne Weber-Lehrfeld entscheidet sich, die neue Stadt langsam zu entdecken. Sie belegt in Berlin einen Schauspielkurs und pendelt zunächst. Doch weil ihr einerseits die Hotelaufenthalte das Gefühl gaben, nur Touristin zu sein, zum anderen „das Geld für die ständigen Übernachtungen den Kosten für eine Wohnung entsprachen“, mietete sie sich „eine kleine Bude in Mitte“. Was offensichtlich auch ihre Ehe aufpeppte: „Es war unheimlich spannend, als mein Mann das erste Mal zu Besuch kam. Ich wusste ja nicht, ob es ihm gefallen würde.“ Es gefiel ihm. Ein Vierteljahr, nachdem Weber-Lehrfeld ihre Apotheke verkauft hatte, verkauft auch ihr Mann sein Geschäft und zieht zu ihr in die kleine Wohnung in der Almstadtstraße.

„Am Anfang hatten wir nur ein japanisches Futon und kaum Möbel. Wir haben wie Studenten gelebt. Mit nichts. Ich fand diesen Zustand äußerst heilsam.“ Nach drei Jahren auf engstem Raum entscheiden die beiden, dass es an der Zeit für eine größere Wohnung sei. Nach längerer Suche werden sie in der Friedrichstraße fündig. Sie sind sich gleich einig, dass sie hier alt werden wollen.

Auch tänzerisch findet die ehemalige Apothekerin, was sie immer gesucht hat. Sie beginnt eine „Dance Intensive“-Ausbildung in der Tanzfabrik in Kreuzberg. Eigentlich ein Kurs für junge Leute, der der tänzerischen Orientierung dient. „Ich war total glücklich, als ich hörte, dass ich mitmachen könne. Mit 60 Jahren war ich damals die älteste Teilnehmerin, die diesen Kurs je absolviert hat.“ Dem Besuch der Tanzakademie folgen die Mitbegründung eines Tanzkollektivs, Malerei- und Bildhauereiarbeiten und die Aufnahme einer Laban-Bartenieff-Ausbildung.

 

Von Kiel nach Berlin-Mitte. Dagmar und Ernst Buth.

Gebildet und unabhängig

Es sind vor allem „agile, meist westdeutsche Menschen, die finanziell unabhängig, hoch intellektuell, politisch gebildet und meist linksliberal eingestellt sind“, die sich auch im gereiften Alter noch vorstellen können, in eine Stadt wie Berlin zu ziehen, hat auch Andreas Knie beobachtet. Ihre Entscheidung, das Alter in einer pulsierenden Großstadt zu verbringen, träfen die älteren Umzügler bewusst und nicht aus einer Notwendigkeit heraus.

Das war auch bei Dagmar und Ernst Buth, zwei Endsechzigern, nicht anders. Nach einem Leben in Kiel mit Kind und Eigenheim war es die Pensionierung Ernst Buths – er arbeitete zuvor als Kaufmann im Außendienst –, die zu weiteren Veränderungswünschen führte. „Als Ernst aufhörte zu arbeiten“, sagt Dagmar Buth, „begann auch ich zu überlegen, wie lange ich meinen Kosmetiksalon noch betreiben wollte. Und was danach mit uns passieren sollte.“ Das Ehepaar überlegte erst, seinen Ruhestand in Hamburg zu verbringen. „In Kiel wurden die Bordsteine immer so früh hochgeklappt. Daher wollten wir es mal mit einer Großstadt probieren. Wir kannten Hamburg ja gut, da lag es nahe, dort nach Eigentumswohnungen zu schauen.“ Der Plan scheitert jedoch an den „horrenden Summen“, die der Hamburger Immobilienmarkt aufruft.

Bei einem ihrer vielen Besuche in Berlin, wo enge Freunde und Bekannte der Buths leben, kommen sie ihrer Suche nach der perfekten Stadt endlich näher. „Wir waren mit unseren Freunden im Tipi am Kanzleramt und danach in einem netten Restaurant am Schiffbauerdamm. Der Abend war unglaublich schön. Und auf einmal haben wir gedacht: Warum eigentlich nicht Berlin?“ Als ein gemeinsamer Freund ihnen mitteilt, er habe ein Haus in Berlin-Mitte gekauft, und sie fragt, ob sie Interesse an einer Wohnung darin hätten, greifen sie zu.

„Bis wir jedoch wirklich einziehen konnten, hat es aber noch eine Weile gedauert, da die Wohnung vermietet war. Wir hatten also genügend Zeit, unser altes Leben bewusst abzuschließen.“ Im Juni 2006 ist es dann so weit: Buths können die neue Wohnung, auf die sie drei Jahre lang gewartet haben, beziehen. „Wir waren sofort angekommen und sind noch immer ganz begeistert von den Möglichkeiten, die die Stadt uns bietet. Wir hätten keine bessere Entscheidung treffen können.“ Auch Ellen R. hat ihre Entscheidung, nach Berlin zu ziehen, nie bereut. Das Einzige, was ihr fehlt: „Ich würde gerne einen tollen Mann kennenlernen, um die Stadt mit ihm gemeinsam entdecken zu können.“

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Text: Dina Herrler  

Mobilität im Alter

Die Bereitschaft, im Alter noch einmal umzuziehen, ist weniger ungewöhnlich, als es den Anschein hat. So sind die Rentner, die unter der Sonne Mallorcas ihren Lebensabend verbringen wollen, geradezu sprichwörtlich. Außerdem hat sich laut Hildegard Macha und Peter Guggemos von der Universität Augsburg in den letzten Jahren auch ein weiterer Trend entwickelt: Alte Menschen ziehen in Länder, wo ihre Rente deutlich mehr wert ist, sie einen höheren Lebensstandard und mehr Betreuung genießen können. Geht es im Alter ins Ausland, droht wegen sprachlicher und kultureller Unterschiede mitunter aber auch Einsamkeit.

Die neuen Alten?

Laut Hildegard Macha und Peter Guggemos von der Universität Augsburg besteht bei älteren Menschen nach wie vor der Wunsch, in den eigenen vier Wänden alt zu werden. Allerdings befände sich der Begriff „Alter“ derzeit in einem starken Wandel. War mit „Alter“ früher die Zeit nach dem Berufsleben gemeint, so attestiert man vielen jüngeren Rentnern zwischen 55 und 70 inzwischen, in einer Phase zu leben, die durch neue Aktivitäten geprägt ist. Das Sprichwort „Einen alten Baum verpflanzt man nicht“ gelte inzwischen oft erst für Menschen ab 70.

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