Stadtleben

Die Occupy-Bewegung in Berlin

occupy_c_Berliner-ZeitungDer Mann, der an diesem späten Freitagnachmittag seit einer halben Stunde auf der Reichstagswiese steht, Mitte 40, heller Mantel, sieht etwas irritiert aus. Oder verloren. Wahrscheinlich beides. Christian Achilles, Leiter Kommunikation und Medien beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband, ist gekommen, um zu reden. Kontakte zu knüpfen. Positionen auszuloten. Das ist sein Job. Jetzt lernt er aber erst mal ein paar Lektionen darüber, wie die Occupy-Bewegung überhaupt funktioniert. Achilles weiß nur noch nicht genau, was er hier nun damit anfangen soll. Vor ihm sitzen und stehen einige Dutzend meist jüngerer Leute im Gras, in losen Grüppchen. Sie halten Plakate hoch, „Wir sind die 99 Prozent“. Oder malen noch daran. Ein junger Mann zum Beispiel. „Anklageschrift“ steht ganz oben. Im Text darunter kommen Worte wie „Gemeinwesen“, „Sparpakete“ und „Ratingagenturen“ vor.

Eine gute Woche ist die Großdemonstration vom 15. Oktober jetzt her, der weltweite Aktionstag, in Berlin zogen 10?000 vom Neptunbrunnen vor dem Roten Rathaus vor das Kanzleramt und den Reichstag. Gegen die Gier der Finanzmärkte. Vielleicht auch für eine Transaktionssteuer auf Börsengeschäfte. Die Entmachtung der Banken. Seitdem treffen sich 50, manchmal auch 100 Aktivisten täglich um 15 Uhr zum Plenum vor dem Reichstag. Zur „Asamblea“. Achilles hatte am Tag zuvor eine E-Mail an Occupy geschickt. Ein Gesprächs­angebot. Darüber, dass die Sparkassen zwar zur Finanzwirtschaft gehörten, aber sich teilweise in ihren Strukturen und ihrer Geschäftspolitik von den Banken unterschieden. Die Mail landete umgehend auf der Internetseite occupyreichstag.blogsport.de. „Das hat mich dann doch überrascht“, sagt Achilles. So machen die Macher der Seite, die sie nicht als offiziellen ­Occupy-Berlin-Blog verstanden wissen wollen, das immer. Im Blog findet sich zum Beispiel auch die Anfrage einer Praktikantin vom „Spiegel“. Mit ihrer Handynummer. Für alle lesbar. Achilles hatte geschrieben: „Da wir keine Verantwortlichen identifizieren können, wären wir Ihnen dankbar, wenn verantwortliche Personen Ihrer Bewegung mit uns Kontakt aufnehmen können.“ Kommentar von „hans“: „bitte nicht mitmachen. bitte identifiziert euch nicht!“ Die beiden Sätze schreibt er achtmal hintereinander.

Achilles sagt, er habe trotzdem rund 20 Anrufe bekommen. Und eine Einladung, er solle zur Asamblea kommen. Da steht er nun. Manchmal heben die Leute beide Hände über dem Kopf, lassen sie kreisen, in entgegengesetzte Richtung. Das bedeutet Zustimmung. „Mike Check.“ Ein junger Mann meldet sich: „Ich möchte vorschlagen …“, nach jedem halben Satz stoppt er, die Menge wiederholt ihn, “ …, dass wir unsere Seite mit einer Plattform ergänzen, die sich mit gesunder Ernährung beschäftigt.“ Spärliches Händewedeln. Das Prinzip heißt „Human Microphone“. Beim Vorbild „Occupy Wall Street“ drüben in New York machen sie das ja auch so. „Mike Check!“ Eine Frau im gelben Regenmantel. „Ich bin von der Info-AG. Bisher wusste noch keiner, dass es eine Info-AG gibt. Wir treffen uns seit zwei Tagen.“ Händewedeln, vielfach. Christian Achilles zuckt die Schultern. Ein Kommunikationsprofi, der nicht weiß, wie er jetzt kommunizieren soll. Und mit wem. – „Herr Achilles, Sie werden sich wohl auch melden müssen.“ – „Das entspricht nicht ganz unseren Diskussionsgewohnheiten.“ Dann geht er. Er wird telefonieren. Auf die gute alte Tour. 

Es ist ja nicht so, dass sich nur der Sparkassenverband fragt, wo diese Bewegung hinwill, die binnen weniger Wochen über die Open-Space-Arbeitsweise – Facebook, Blogs, Twitter –  viele Leute mobilisierte. „Wir sind die 99 Prozent“ ist ein griffiger Slogan. 99 Prozent ist zum einen ein sehr euphemistischer Wert. Eine Behauptung. Das heißt dann aber auch, dass da fast alles reinpasst. Alle möglichen Interessen. Von Idealisten, Aktivisten. Oder auch von Knalltüten. Man konnte das zum Beispiel auf der Berliner Großdemo vom 15. Oktober gut beobachten. Da marschierten junge Mittelschichtlerinnen mit kurzen Röcken und hohen Stiefeln neben Kritikern des Afghanistan-Krieges, Gegnern des „CO2-Endlagers“ und Leuten von der Bürgerrechtsbewegung Solidarität, die die D-Mark wiederhaben will. Eine Woche später, am vergangenen Sonnabend, wurde die Demonstration vom Neptunbrunnen zum Reichstag von der Antifa angeführt, inklusive rotem Banner mit Hammer-und-Sichel-Emblem. Dabei ist einigen Aktivisten schon die Nähe zu den Piraten suspekt. Die Frage ist nur: Wie lange kann man das Level der Empörung aufrecht erhalten, ohne konkrete Ziele zu formulieren? Wie diffus darf das bleiben, ohne beliebig zu werden? Und wer möchte eigentlich auch bei Schnee und Eis vor dem Reichstag „Mike Check“ rufen?

Immer wieder gründen sich nun AGs. Darunter auch skurrile. Eine AG „9/11“ taucht plötzlich auf. Für Verschwörungstheorien? Irritierte Nachfragen im Blog. Die beiden Gründer melden sich. Es gehe darum, dass der 11. September zwei Kriege bewirkt habe. Irak, Afghanistan. Und der Name? „Aus Bequemlichkeitsgründen.“ Ein anderes Posting in den Blogs, von einer Frau. Sie könne wegen ihrer Kinder nicht zum Reichstag kommen. „Deshalb habe ich einfach eine AG mit mir selbst in meiner Wohnung abgehalten.“ Die AG „Wo zelten?“. Das „abschließende Meinungsbild in meiner Ein-Personen-AG ergab einstimmig“: Zelten auf der Schlosswiese. Zelte. Das ist eines der wenigen wirklich konkreten Ziele bisher. Zeltlager wie in New York, auch in Frankfurt/Main oder Hamburg. Protestcamps. In Berlin hatte die Polizei am 15. Oktober einen ersten Versuch vor dem Reichstag unterbunden.

An dem Freitag vergangener Woche, als der Sparkassenverbandsmann Achilles seinen Gesprächsversuch vor dem Reichstag mangels Gesprächspartnern schon abgebrochen hat, meldet sich eine junge Frau zu Wort. Saskia Koch, 26. Jetzt laufe ein Antrag der „AG Camp“ für eine „Dauermahnwache“, ruft sie, einen Monat lang, auf dem Alex. 75 Zelte. „Lasst uns das anmelden, die Behörden sind sehr kooperativ.“ Man solle nicht noch mal versuchen, in der Bannmeile am Reichstag zu zelten. „Ich möchte euer Vertrauen haben.“ Die Selbstverbrennung eines tunesischen Gemüsehändlers im vergangenen Dezember, die den Arabischen Frühling auslöste. Stйphane Hessels kapitalismuskritische Streitschrift „Empört Euch!“. Das waren Faktoren, sagt Koch später, die sie zur Aktivistin gemacht hätten. Im August hatte sie bereits ein Zeltcamp auf dem Alexan­derplatz mitorganisiert, das nach einer Woche von der Polizei geräumt wurde. Jetzt redet sie ständig mit den Behörden. „Berlin, die Hauptstadt der Politik, sollte uns dieses Forum gewähren.“ Und konkrete Forderungen? Was will die Occupy-Bewegung denn nun erreichen? Saskia Koch sagt: „Ich kann nur für mich als Individuum sprechen: Es darf jetzt noch keinen Forderungskatalog geben. Wir brauchen erst mal eine lange Zeit der Empörung.“ Dann muss sie los. Mit der Versammlungsbehörde telefonieren. Saskia Koch weiß, was sie will. Sie hat schon ihr Ziel.

Text: Erik Heier

Foto: Kaveh Rostamkhani

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