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Die Palau-Inseln, Südseeboote & der Klimawandel

Kurz vor dem Ende des Kopenhagener Klimagipfels hatte der Präsident des pazifischen Inselstaates PALAU Johnson Toribiong mit einem dramatischen Hilfsappell an die Führer der Welt gewandt (ebenso wie der Premierminister von Tuvalu Apisai Ielemia und der Präsident von Vanuatu Edward Natapei Nipake): Sie forderten von der Weltgemeinschaft den globalen Anstieg der Temperatur auf +1,5° zu begrenzen.

map of Palau

Der durch die Erderwärmung steigende Meeresspiegel bedrohe das 20.000-Einwohner-Volk in seiner Existenz. Über Jahrhunderte habe man gelernt, mit dem Ozean zu leben, doch jetzt trete er als „Aggressor“ auf. „Das Salzwasser dringt immer weiter vor, die landwirtschaftlichen Flächen sind ebenso gefährdet wie die Urlauber-Ressorts und damit unsere Lebensgrundlagen. Auch die Trinkwasserreserven (der flunderflachen Inseln, Anm.) könnten kippen“, so der Staatschef. Und dann wörtlich: „Es ist wie ein Tsunami in Zeitlupe.“

palau, foto: bsd

Doch wie wir wissen, hat selbst das Ziel den Anstieg auf 2 Grad zu begrenzen, weltweit nur eine vage Übereinstimmung, aber wenigstens ist ein gemeinsames Ziel formuliert. Doch auch dieses Ziel bedeutet den Untergang von Insel-Gruppen und ganzen Insel-Staaten. Einige Inseln würden „für immer ausgelöscht. Egal was es kostet, das kann niemand umkehren“ (Johnson Toribiong). Zu sehen ist hier der Hafen von Melekeok, bevor es Hauptstadt wurde (1992).

palau, foto: bsd

Die wunderschönen, einmaligen „Rock-Islands“ von Palau ragen zwar einige Meter über den Meeresspiegel, sind aber unbewohnbar und nur wenige sind über eine Strand zugänglich. Von den über 300 Inseln von Palau sind nur etwa 9 bewohnt, darunter die größte Insel Babeldaob mit der neuen Hauptstadt Melekeok und die sehr flache Hauptinsel Koror, auf der größte Teil der 20.750 Einwohner lebt.

Die Palau-Inseln gehören geografisch zu Mikronesien und liegen nördlich von Neuguinea und östlich der Philippinen.

ALLE FOTOS: Bernd Sauer-Diete (bsd) – außer anderst angegeben 

ethnologisches museum, foto:bsd

Berlin hat eine lange Beziehung zu pazifischen Inselstaaten wie Palau, das von 1899-1914 eine deutsche Südsee-Kolonie war (wie die Karolinen, Marianen und Nauru in Mikronesien, und Westsamoa in Polynesien). Berliner Ethnologen wie Augustin Krämer und Johann Stanislaw Kubary brachten dem früheren Museum für Völkerkunde (heute: Ethnologischen Museum) ihre ethnografischen Objekte mit, die sie getauscht oder gekauft hatten (Geld und Tausch haben in Palau lange Tradition).

palau-bai, foto: bsd

Dieses Männerhaus (bai) aus Palau im Maßstab 1:2 steht in der Südsee-Abteilung des Ethnologischen Museums und wurde vor rund 100 Jahren (1908) in Palau gebaut, wieder auseinander genommen und zu einer Ausstellung nach Berlin verschifft (A. Krämer). Das Dach und die Bodendielen mussten rekonstruiert werden. Dieses Haus darf übrigens ohne Schuhe auch betreten werden!

palau-bai, foto: bsd

Bei der Konstruktion gab es keine Vernagelung oder Verleimung, ein bai hielt nur durch die gegenseitige Verzapfung aller Teile zusammen. Die Balken und Planken innen und außen sowie die quergelegten Planken des Giebels zeigen geschnitzte Motive aus Gesellschaft, Religion und Politik, sowie Mythen und Legenden.

Ein „bai“ diente den „Altersklassengesellschaften“ der unverheirateten Männer als Clubhaus. Die männlichen Chiefs jedes Dorfes hatten ihr eigenes „Häuptlings“-bai als Versammlungs-Haus. Die eigentlichen Machthaber waren aber die Frauen auf Palau, sie wählten die Chiefs und setzten sie auch wieder ab. In Palau gilt auch heute noch die matrilineare Vererbung von Land und Tarofeldern und damit Macht & Geld. Fruchtbares Land ist (v.a. auf Inseln) die elementare Lebensgrundlage und hat eine große Bedeutung für die Identität der Insulaner und ihrer Verbundenheit mit ihren Ahnen..

palau-bai, foto: bsd

Ledige Frauen durften aber nur die bais der Männer in anderen Dörfern besuchen, nicht die bais im eigenen Dorf. Unverheiratete Frauen lebten zeitweise auch in den bais der Nachbardörfer um einen Ehepartner zu finden. Dabei war es üblich die Frauen Palaugeld für den vorehelichen Sex mit den ledigen Männern zu entlohnen. Dies diente der Status-Verbesserung einer Frau und ihres Clans und war wiederum Teil eines komplexen Geld-& Tauschsystems, das die Macht und Eigentum-Verhältnisse auf Palau regelte. Die deutschen Missionare verboten Anfang des 20. Jahrhunderts diese sog. Mengil-System in der verblendeten Meinung, dies wäre Prostitution gewesen.

palau, foto: bsd

Dies ist das letzte bai auf Palau  und steht vor dem Palau-Museum in Koror.

Vor hundert Jahren griff die deutsche Verwaltung ansonsten mit lediglich acht Beamten dort wenig in die traditionellen Strukturen ein. Sie führten aber damals schon eine Arbeitspflicht (!) ein – typisch deutsch – jeder Mann musste pro Jahr 8 Kokospalmen pflanzen und ernten…..Die Deutschen waren nicht die einzelne Kolonialmacht. Palau und die anderen mikronesischen Inseln waren davor spanische Kolonie (1995-1899, aber nur durch ein paar Priester vertreten), danach japanische Kolonie (1914-1945) und wurde nach heftigen Schlachten mit den USA – noch immer finden sich Panzerreste im Dschungel – von diesen von 1945 – 1994 verwaltet, war aber de facto eine US-Kolonie (in Form des UN-TTPI, des United Nations Trust Territory of The Pacific Islands).

koror, foto: bsd

Koror (1992 Hauptstadt von Palau)

Palau ist seit 1994 zwar selbstständig und auch in der UNO vertreten. Außen-und Sicherheitspolitik bestimmen aber weiterhin die USA (ein „Compact of Free Association“). Deswegen hat Palau seither als fast einziger Staat alle Vetos der USA unter George Bush in der UNO stets unterstützt..

In den 80er Jahren gelang es den USA, die atomfreie Klausel in der palauischen Verfassung mit enormem politischen Druck, mindestens acht Abstimmungen und rechtlichen Verbiegungen wieder abzuschaffen. Das gewaltsame Aufdrücken einer“demokratischen“ Abstimmung, bis sie den USA passte, hat auch zu sozialen Verwerfungen geführt. Der „Demokratie“-Import durch die USA hatte hier einen sehr bitteren Beigeschmack. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen kam es auch zu Mord und Selbstmord zweier palauischer Präsidenten. Die USA wollen dort weiterhin ihre Option für einen atomwaffengestützen U-Boot-Hafen erhalten, meines Wissens hat dies auch Barak Obama bisher nicht in Frage gestellt.

palau, foto: bsd

1992 war ich selbst für drei Monate auf den Palau-Inseln und führte mit zwei anderen Studenten eine interdisziplinäre Studie zu den Möglichkeiten eines sanften, alternativen Tourismus durch. Davor hatte ich an der FU in Berlin meine Magisterarbeit über Palau geschrieben (s. Quellen unten). Auf dem Foto ist meine Gastfamilie zu sehen mit Bill, einem Amerikaner, der seit den 60er Jahren dort lebt und seiner palauischen Frau Bernie (!) Keldermans. Die Palauer sind sehr gastfreundliche Menschen.

Tourismus ist die Haupteinnahmequelle des kleinen Inselstaates. Palau wurde wiederholt zum schönsten Taucherparadies des Planeten gewählt – mit einer ganz fantastischen Unterwasserwelt mit 1500 tropischen Fischarten und über 450 Arten von Korallen, einem zwei km abfallenden Riff, dem einzigen Inland-Salzwassersee, uva. Das Meer geht hier bis zu 9000 m in die Tiefe – eine Verlängerung des Marianengrabens. Palau hat kürzlich seine 200-Meilen-Zone zur ersten weltweite Haifischschutzzone erreichtet, aber eine zu kleine Flotte um das flächendeckend zu kontrollieren.

südseeboote, foto:bsd

Im Ethnologischen Museum gibt es auch eine Sammlung von etwa zwölf Südseebooten, allerdings keins aus Palau, die natürlich auch ihre Boote hatten.

Das größte Boot (hier im Bild), ein hochseetüchtiges Segelboot mit Ausleger für bis zu 50 Personen stammt von der Insel Luf wurde 1890 gebaut und 1907 nach Berlin gebracht.

südseeboote, foto:bsd

Dieses Hochseeboot mit Ausleger und „Krebsscheren-Segel“ stammt von der Insel Taumaho (Santa-CruzInseln). Es wurde 1967 nach Berlin überführt und ist das Letzte seiner Art.

Die Polynesier waren die besten Seefahrer aller Zeiten. Sie fanden um 1000 n. Chr. alle diese weit über tausend Inseln im riesigen Meer zwischen Hawaii, Neuseeland und der Osterinsel mit ihren Auslegerbooten und orientierten sich dabei nach den Wellen, den Wolken und dem Wetter. In Mikronesien gab es auch Seekarten aus Schnüren. Der Pazifik bedeckt übrigens ein Drittel der Erdoberfläche.

südseeboote, foto:bsd

Dieses Boot darf auch betreten werden! Es ist der Nachbau eines Doppelbootes für Fernfahrten von den Tonga-Inseln, Die Rekonstruktion des sogenannten tongiaki-Typs, der seit Jahrhunderten nicht mehr gebaut wird, erfolgte gemäß den von James Cook (1777) überlieferten Zeichnungen. Die Boote waren damals bis zu 20 Meter lang, konnten im Nahverkehr bis zu 200 Personen transportieren und im Fernverkehr bis zu 50 Personen zu den ca. 800 Seemeilen entfernten Tuvalu-Inseln bringen.

foto: harry vetter

Foto: Harry Vetter

Das Ethnologische Museum wird ja eines Tages in das Humboldt-Forum nach Mitte umziehen. Die Ausstellung „Das Humboldt-Forum im Schloss – Ein Werkstattblick“ zeigt u.a. 3 Nachbauten von Südseebooten aus dem Ethnologischen Museum in der Abteilung „Welten in Bewegung – Perspektiven“ -. noch bis zum 17. Januar 2010 im Alten Museum.

Im Lindenmuseum in Stuttgart findet z.Zt. die spannende Ausstellung „südsee-oasen“ – leben und überleben im Pazifikküste“ statt, die ich Anfang Februar besuchen werde.

palau itb, foto: bsd

Palau ist seit 2009 auch auf der ITB (Internationale Tourismus Börse) in Berlin vertreten und wird vom 13.3.-14.3.2010 auch wieder dabei sein, ebenso wie die meisten anderen pazifischen Staaten.

ALLE FOTOS (außer anderst angegeben): Bernd Sauer-Diete (bsd)

NACHTRAG:

palau storyboard, foto: norbert kern

Künstler: Carloz Nasisang, Foto: Norbert Kern  

Souvenir aus Palau: Ein „Storyboard“, das ein palauisches Sprichwort zeigt. Ein Fischer aus Ngerchemai sprang aus seinem Boot, um eine Schildkröte zu fangen. Dabei trioeb das Boot davon und er hatte sowohl die Schildkröte , als auch das Boot verloren. Das Sprichwort zeigt, dass diejenigen, die zwei Jobs gleichzeitig machen wollen, mit beiden scheitern können.

Storyboards werden seit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts auf Initiative des japanischen Ethnologen Hijikata hergestellt und sind verkleinerte Ausgaben der geschnitzen und bemalten Planken der bais (siehe oben). Die besten Storyboards werden übrigens im Gefängis in Koror hergestellt (!). Auch dieses Board habe ich dort erworben.

Schildkröten sind eine besondere Delikatesse auf Palau, werden aber nur nachhaltig gefangen. Ihr Fleisch isst übrigens nicht jeder Palauer, mir hat es aber geschmeckt – ist mit grober Mettwurst zu vergleichen.

palau, foto: bsd
Souvenir aus Palau: zwei Modelle von Schreinen, die je einer Gottheit gewidmet und wie ein kleines bai konstruiert waren.

LINKS zu Palau und Pazifik:

www.kurier.at/nachrichten/1964177.php (nachrichten vom klimagipfel)

www.berlin.de/orte/museum/ethnologisches-museum/

www.pazifik-netzwerk.org

www.visit-palau.de

www.lindenmuseum.de/html/deutsch/ausstellungen/sonderausstellungen/sonderausstellung/sonderausstellung_vorlage2.php (ausstellung in stuttgart)

www.flickr.com/photos/basspunk/sets/72157622502965992 (fotos aus palau)

weitere Quellen:

Expeditionen in die Südsee – Begleitbuch zur Ausstellung und Geschichte der Südsee-Sammlung des Ethnologischen Museums (Berlin, 2007).

Bernd Sauer-Diete – Magisterarbeit in Ethnologie: „Veränderungen des individuellen, von der Verwandtschaftsfunktion bestimmten Status infolge der Kolonialeinflüsse im Bereich der Palau-Inseln / Belau“. (FU Berlin, 1990). Die Magisterarbeit liegt inzwischen auch digital vor (allerdings ohne Fußnoten), bei Interesse bitte melden unter [email protected]

 

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