Stadtleben

Die Theorie zur Performance

Wenn die Performance, viel mehr noch als das text- und literaturgebundene und durch die literarische Vorlage zumindest bei Klassiker-Inszenierungen immer auch an Geschichte angedockte Theater, die Kunst des Augenblicks ist, der gerade vergehenden Zeit, stellt sich die Frage nach den Verlusten an Geschichtsbewusstsein und historischem Resonanzboden. Dieser Verlust führt zwangsläufig zu einer gewissen Verflachung, Verarmung, Banalisierung des Genres: Die Performance als Angriff der Gegenwart auf die ganze übrige Zeit. Vielleicht ist sie gerade wegen ihres Desinteresses an Geschichte und historischer Tiefendimension so popaffin und beliebt im narzisstischen Hipster-Milieu, das sich selbst mit der Welt verwechselt und den eigenen Augenblick für die einzig gültige Zeitdimension hält.

Der Dramaturg Frank M. Raddatz, vor vielen
Jahren bekannt geworden durch seine vielschichtigen Endlos-Interviews mit Heiner Müller, widmet sich in einem klugen Essay in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Lettre International“ diesem Verhältnis oder Nicht-Verhältnis zwischen Performance-Augenblick und Geschichte
, wobei er Geschichte in der Denktradition Heiner Müllers in die Utopie und den Dialog mit dem Totenreich vergrößert. Dabei entwickelt Raddatz schlüssig den Gedanken, die Performance radikalisiere eine Verschiebung weg vom literarischen Text und seinen historischen Echoräumen, hin zum Spiel mit den elektronischen Medien: „Die technischen Prothesen gelten als
sakrosankt, während der vieldeutige Text als zu überwindender Anachronismus der implodierenden Gutenberg-Galaxis identifiziert wird.“
Was aus Perspektive von Müller-Lesern, die Theater nicht ohne geschichtsphilosophischen Horizont denken können oder wollen, einem barbarischen Akt gleichkommt. Interessant wird Raddatz’ Essay auch
dadurch, dass er nicht plump gegen die Augenblickskunst der Performance polemisiert, sondern sich dafür interessiert, wie sie, etwa in den großen Arbeiten Christoph Schlingensiefs, jenseits der Spiele der Repräsentation Möglichkeiten der Realpräsenz auf der Bühne und damit auch so etwas wie der Anwesenheit des Todes eröffnet.

Lettre International, Nr. 100,
188 Seiten, 15 Euro

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