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Long Covid

Diese Berliner hatten Covid-19: Endlich gesund – oder?

Unter dem Hashtag #LongCovid tauschen sich Menschen aus, die nach einer Infektion mit dem neuartigen SARS-CoV-2-Virus an Covid-19 erkrankt waren. Die die Krankheit durchlitten haben. Aus der Quarantäne entlassen wurden. Oder aus dem Krankenhaus. Und die in der Statistik als gesund gelten.

Diese drei Berliner haben eine Covid-19-Erkrankung durchgemacht. Sind sie wieder gesund? Oder haben sie Covid-Spätfolgen?

Welche Corona-Spätfolgen gibt es? Eine Palette mit Corona-Tests. Foto: Imago Images/Action Pictures

Musiker Adam Byczowski alias Better Person, 30: „Wird es jemals aufhören?“

Adam Byczkowski aka Better Person. Foto: Tess Roby

Meine Freundin und ich waren im März auf Tournee durch Deutschland, als der erste Lockdown kam. Ich hab Bass gespielt für die Band meiner Freundin. Die Tour sollte uns auch in die USA führen. Wir kamen dort an, kurz bevor die Grenzen dichtmachten. Als Trump den Reisestopp bekannt gab, konnten wir noch schnell nach Kanada, wo meine Partnerin herkommt. Unsere Wohnung in Berlin hatten wir schon für Monate untervermietet, weil wir dachten, dass wir so lang auf Tour sind. Nach dem Nachtflug nach Montreal ging es uns direkt sehr schlecht: Wir waren extrem müde, hatten Schmerzen am ganzen Körper und Probleme beim Atmen. In den Tagen darauf schwand unser Geschmacks- und Geruchssinn. Und die Erschöpfung wurde abermals schlimmer.

Während der ersten beiden Monate hatte ich mit Atemproblemen, Müdigkeit und geistiger Umnebelung zu kämpfen. Die Atemprobleme verschwanden dann im vierten Monat. Stattdessen bekam ich Herzrasen und andere Herzrhythmusstörungen. In den letzten beiden Monaten hat die Erschöpfung dann alles in Beschlag genommen.

Mein Herz rast immer noch, aber wirklich verrückt ist diese abnormale Müdigkeit. Fast nichts an mir funktioniert noch. Die meiste Zeit verbringe ich im Bett. Ich bin außerstande, spazieren zu gehen oder einen Einkauf zu machen. Dabei ist der Supermarkt direkt auf der anderen Straßenseite. Aber die Müdigkeit und Erschöpfung nimmt bizarre Ausmaße an: Ich kann mich kaum bewegen, kann kaum denken. Der exzessive Haarverlust ist nur die Spitze des Eisbergs.

Wegen der Müdigkeit kann ich oft keine Gespräche mehr führen oder auch nur aufrecht im Bett sitzen. All das bringt zwangsläufig eine Reihe geistiger Probleme mit sich. Ich grübele: Wird all das jemals aufhören? Was kann ich noch mit meinem Leben anfangen? Ich fühle mich bezwungen und auch depressiv.

„Ich wünsche mir, dass meine Freundin und ich wieder ein normales Leben führen können“

Letzte Woche war ich bei einem Hausarzt und er hat mir ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Erschöpfungssyndrom) diagnostiziert – was schlimm ist, weil es bei vielen Menschen niemals eine Heilung dafür gibt. Mein Hausarzt hat mir den Rat gegeben, mich an die Charité zu wenden. Ich würde für mein Leben gern an einer Studie teilnehmen. Oder zumindest einen Arzt sehen, der sich mit Covid-ausgelösten ME/CFS-Fällen beschäftigt. Nichts anderes wünsche ich mir gerade mehr. Das würde mir die Welt bedeuten.

Wenn Leute Corona leugnen oder sagen, dass es ungefährlich sei für junge Leute – ehrlich gesagt ist mir all das inzwischen so egal. Ich wünsche mir nur so sehr, dass meine Freundin und ich wieder ein Leben führen können wie normale Menschen. In aller Welt gibt es Idioten, nicht bloß in Deutschland. Wenn jemand intellektuell nicht fähig ist, die Tragweite der Lage zu erkennen und eine Maske über seinen Mund und, verdammt noch mal, auch seine Nase zu ziehen – was soll man da noch diskutieren? Ich glaube, dass das, was immer wir tun müssen, um das Virus zu stoppen, die richtige Sache ist. Die Leute sollten sich, statt gegen die Maßnahmen der Regierung zu protestieren, lieber tiefer­gehend fragen: Was hindert sie daran, ihrer Arbeit fernzubleiben und die notwendigen Opfer zu bringen, um die Krankheit zu stoppen?

Sinnvoll ist natürlich, wenn die Leute vom Staat die nötige Unterstützung einfordern, um diese schweren Zeiten durchzustehen. Alle haben eine Meinung und niemand will im besten Sinne der Gemeinschaft handeln. Ich bin nicht sicher, ob meine Meinung irgendwie von Belang ist. Es fällt mir eh schon schwer, über all das hier nachzudenken – in einer Zeit, wenn die größte Leistung meines Tages darin besteht, mich selbst unter die Dusche zu schleppen.

Was mir am meisten Angst macht: Letzte Woche war ich beim Bluttest für Covid-Anti­körper. Das Resultat war, dass ich keine Antikörper mehr habe. Ich könnte erneut infiziert werden. Und dann wahrscheinlich sterben.

Protokoll: Stefan Hochgesand


Studentin Luisa Bona, 27: „Der Druck auf der Lunge ist manchmal noch da“

Studentin Luisa Bona: „Es hätte schlimmer kommen können“. Foto: Xenia Balzereit

Während ich Covid-19 hatte, waren bei mir die körperlichen Beschwerden eigentlich nicht allzu schlimm. Die psychische Belastung war fast schlimmer. Bei mir hat es damit angefangen, dass ich leichte Halsschmerzen hatte und mich schlapp gefühlt habe. Den nächsten Tag hatte ich die ganze Zeit richtig starke Kopfschmerzen. Das war der Tag, an dem ich mich habe testen lassen.

In der Nacht darauf hatte ich erhöhte Temperatur. In den nächsten zwei Tagen ging es mir aber schon besser. Mehr als 48 Stunden nach dem Test habe ich dann das Ergebnis bekommen: positiv. Ich hatte mich bei einer Freundin angesteckt, die mich am Wochenende besucht hatte. Obwohl ich nur mit wenigen Leuten Kontakt hatte, als ich ansteckend war, haben meine Gedanken zu rasen begonnen, nachdem ich erfahren hatte, dass ich positiv bin. Es bildet sich so eine endlose Kette.

Ich hatte wirklich Angst, dass ich bei der Arbeit jemanden angesteckt habe und derjenige womöglich einen schweren Verlauf hat. Ich habe auch an meine Mitbewohnerinnen gedacht, oder Freundinnen und Freunde von ihnen oder von mir, die zu Besuch waren. Eigentlich haben mich diese Gedanken am meisten belastet. Vor einem schweren Verlauf bei mir selbst hatte ich eigentlich nicht so viel Angst. Vielleicht, weil es mir schon wieder besser ging, als ich das Ergebnis bekommen habe. Es hat sich natürlich komisch angefühlt, dieses Virus zu haben, worüber man seit acht Monaten immer wieder liest.

„Ich schlafe mehr als vorher“

Mit der Zeit kamen auch die typischen Symptome, von denen alle erzählen. Ich hatte immer mal wieder Druck auf der Lunge. Das ist ein ganz komisches Gefühl, man spürt dann einfach seine Lunge. Außerdem habe ich mich schlapp gefühlt und viel geschlafen. Und dann sind nach und nach mein Geschmacks- und Geruchssinn verschwunden. Bis heute rieche ich fast nichts, der Geschmack kommt langsam wieder. Der war auch während der Krankheit nicht komplett weg, ein bisschen habe ich noch geschmeckt, vor allem salzig. Ich schlafe auch mehr als vorher. Und der Druck auf der Lunge ist manchmal immer noch da, vor allem wenn ich Maske trage und zum Beispiel etwas schneller zur Bahn gehe. Neulich kam er aber auch wieder, als ich einfach nur im Bett lag.

Außerdem fühle ich mich, als wäre ich die ganze Zeit etwas neben der Spur. Ich habe schon ein bisschen Angst, dass diese Spätfolgen einfach bleiben. Keiner kennt dieses Virus richtig, also kann mir auch keiner Prognosen geben. Vorher habe ich manchmal geraucht, wenn ich Alkohol getrunken habe. Jetzt will ich erstmal für lange Zeit keine Zigaretten anrühren.
Trotzdem bin ich echt froh, dass ich so einen milden Verlauf hatte, es hätte schlimmer kommen können. Und ich bin echt dankbar dafür, dass mir so viele so liebe Nachrichten geschrieben haben und angerufen haben. Manche sind auch vorbeigekommen und haben Päckchen vor die Tür gelegt oder waren für mich einkaufen.

Ich glaube, das hat auch dazu beigetragen, dass es mir schnell wieder besser ging.

Protokoll: Xenia Balzereit


Henrik Tidefjärd, 45, Inhaber der ­Erlebnisagentur Berlinagenten: „Ich hatte zu früh gejubelt“

Henrik Tidefjaerd: „Warum soll ich mein Leben einschränken“. Foto: Luxusagentur Berlinagenten

Anfang März war ich in Ischgl, dem Skiort in Österreich, der das Drehkreuz der frühen Corona-Pandemie-Phase in Europa war. Ich ging auf Partys, es war rappelvoll, Halligalli. Niemand dachte an Corona. Zurück kam ich am Sonntagabend, 8. März. Am Montag hatte ich mehrere Meetings, habe mehrere Leute angesteckt, wie ich später erfuhr. Am Dienstagmorgen bekam ich wahnsinnige Gliederschmerzen, hatte leichtes Fieber, fühlte mich erschöpft. Am Mittwoch ging ich zum Test, abends kam das Ergebnis: „Du bist positiv.“ Und ich dachte: Yes, yes, yes! Wenn die Symp­tome nicht schlimmer werden als diese, dann ist es nicht schlimmer als eine Grippe.

Aber ich hatte zu früh gejubelt.

Damals schrieb ich an Lokaljournalisten in meiner Heimatstadt Eskilstuna. Corona war noch völlig neu, ich wollte die Leute über Symp­tome und das Leben in Quarantäne informieren. Der Artikel kam raus. Am nächsten Tag riefen die großen Zeitungen und Sender aus Schweden an. Ich verbrachte die zwei ersten Wochen Quarantäne mit Interviews. Dann machte ich einen zweiten Corona-Test. Ich wollte sicher sein, dass ich gesund war. Dass zwei Wochen Quarantäne ausreichten, um meine Familie, meine Freunde wiedersehen zu können. Aber der Test war wieder positiv. Wo ich doch nur zwei oder drei Tage Symptome hatte! Das Gesundheitsamt sagte, ich hätte diesen Test nicht machen sollen. Dann schickte es mich nochmal zwei Wochen in Quarantäne. In Schweden durften die Leute schon nach 48 Stunden Symptomfreiheit wieder raus und zur Arbeit gehen. Das habe ich in Interviews dort in Frage gestellt. So wurde ich zum „Corona-Mann von Schweden“.

„Nach dem Antikörpertest habe ich gewusst: Ich muss hier raus!“

Anfang April habe ich direkt beim Medizinischen Infektionszentrum Berlin einen Antikörpertest gemacht, im Labor, sehr aufwändig, aber zuverlässig. Er war positiv. Ich wäre immun für unbestimmte Zeit, haben die Ärzte gesagt. Da habe ich gewusst: Ich muss hier raus! Am nächsten Tag bin ich nach Stockholm geflogen. Schweden ist bis heute fast das einzige Land ohne Lockdown. Da hat man noch dieses Freiheitsgefühl, das es in Berlin jetzt einfach nicht mehr gibt.

Vier Wochen war alles okay. Dann begann es. Atemschwierigkeiten. Wie ein Stein auf der Brust, starker Druck. Wenn es ganz schlimm wurde, währte der bis zwölf Stunden. Was war das in meinem Körper? Mitte Mai flog ich zurück nach Deutschland, ging zu verschiedenen Ärzten. Ende Mai war es am schlimmsten. Taubheit, wahnsinniges Kribbeln in den Armen, extreme Atemprobleme nachts, unregelmäßiger Herzschlag. Es fühlte sich an wie ein Herzinfarkt. Manche Nacht habe ich im Bett geheult. Ich dachte, ich stehe nie wieder auf.

Es war die Zeit, in der die ersten wissenschaftlichen Berichte rauskamen, dass Corona keine bloße Lungenentzündung sei, sondern dass das Virus viele Organe und das Nervensystem befällt und immer mehr junge Leute durch Blut-Gerinnung in Herz und Lungen sterben. Ich dachte, ich sei als Nächster dran!

Ich bin ein sturer Kerl, ich will immer alles herausfinden. Ich war bei Kardiologen, Lungen­ärzten, Gastrologen. Herz, Lunge: alles okay, sogar bestens. Immer wenn neue Infos aus der Corona-Forschung kamen, war ich dabei. Weil ich so früh ein Covid-19-Fall war. Die Ärzte sagten: Du bist leider unser Experiment, weil wir wenig wissen. Unschönes Gefühl.

„Wir haben alle eine Verantwortung

Anfang Juli, als die Hotels wieder für Touristen aufmachten, fuhr ich an die Ostsee, ich dachte, dass die frische Meeresluft mir gut tun würde. Nachts bekam ich keine Luft. Zurück nach Berlin! Im Zug kam dieser Druck im Hals, Panik, ich musste plötzlich aufstoßen, ein Megarülpser.

Und jetzt fand ich die ersten Berichte über neue Forschungen: Corona könne ein Reflux verursachen. Als Corona-Überlebender hat man auch ein Super-Netzwerk in der Welt. Viele entwickelten ein paar Wochen nach den ersten Symptomen dieses stille Reflux-Syndrom. Es fühlt sich an, wie eine Kartoffel hinter dem Kehlkopf.

Wenn man diesen Druck nicht los wird, mit Übungen, beginnt das Herz zu rasen. Man ist komplett ausgeknockt. Mittlerweile haben Untersuchungen bei mir einen „stillen Reflux“ bestätigt. Jetzt muss ich mit meinem Hausarzt besprechen, wie es weitergeht. Meine Antikörperwerte sind beim zweiten Test Mitte September noch mal gestiegen, ich bin also immer noch immun.

Aber ich muss vorsichtig sein, darf mich nicht überanstrengen. Ich war oft bei Partys. In Berlin, auch im Ausland. Einmal konnte ich nur ein paar Minuten tanzen. Dann kam wieder dieser Druck. Ich musste mich setzen.

Wir haben alle eine Verantwortung, ich nehme sie wahr. Aber in Deutschland suchen die Leute oft nach Sündenböcken. Jetzt sind es die Partypeople. Doch warum soll ich mein Leben einschränken, wenn ich noch viele Antikörper habe?

Jetzt bin ich wieder in Schweden, für eine gewisse Zeit. Am Anfang war ich der größte Gegner des schwedischen Sonderwegs, jetzt bin ich da extrem liberal. Ich schätze die Freiheit und die eigene Verantwortung sehr, ohne Autorität von den Behörden oder vom Staat. In Schweden muss ich mich dafür vor niemandem rechtfertigen.

Protokoll: Erik Heier


Titelseite des aktuellen tipBerlin. Coverfoto: F. Anthea Schaap

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