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Diskurs um Asylbewerberheim in Hellersdorf Berlin

Plakate vor dem Asylheim Hellersdorf

Hakenkreuze und Hitlergrüße: Seit Juli zeigt sich Hellersdorf von seiner hässlichsten Seite. Bei einer Infoveranstaltung über ein geplantes Flüchtlingsheim in der Carola-Neher-Straße war die Stimmung eskaliert. Eigentlich sollten dort die Anwohner sachlich informiert werden, doch Neonazis, die teils extra aus Brandenburg angereist waren, nutzten die Veranstaltung als Plattform für Hass und Rassismus und drohten unter anderem mit einem Aufdruck auf ihren Pullis: 22.–26.8.1992 – der Zeitraum der Ausschreitungen eines wild gewordenen Pöbels gegen Asylheime in Rostock-Lichtenhagen.  
Zu den verbalen Brandstiftern gehörte auch Sebastian Schmidtke, Berliner NPD-Landeschef, der sich als besorgter Anwohner inszenierte – und dem es gelang, viele Hellersdorfer mitzureißen: Vier Anti-Heim-Demos gab es seitdem. Trotzdem sind inzwischen rund 200 Flüchtlinge ins Heim eingezogen. Und mit ihnen nicht nur die Sorge um ihr Wohlergehen, sondern auch die Scham über ihre unwürdigen Lebensumstände in der aufgeladenen Hellersdorfer Atmosphäre.
Daniel, 24, ein Erzieher-Azubi, wollte sich nicht mit der scheinbar dominierenden Fremdenfeindlichkeit abfinden. Gemeinsam mit vielen Mitstreitern des Netzwerks Solidarität besetzte er ein etwa zehn Quadratmeter kleines Stück Wiese an einer Straßenkreuzung in der Nähe des Asylheims, um über das Wohl der Flüchtlinge zu wachen, aber auch, um ein Zeichen gegen Hass und Rassismus zu setzen. Der Bezirk duldet die Wache täglich von 10 bis 18 Uhr – das Mindeste, was er tun kann, um den angeschlagenen Ruf zu retten.  
„Gut, dass ihr hier aufpasst“, freut sich ein Anwohner, der den Mahnwächtern sechs Portionen Currywurst mitgebracht hat – und der beweist, dass nicht alle Hellersdorfer in Sachen Flüchtlinge so vernagelt sind. Er sei auf dem Weg zum Kaffeekränzchen seiner Mutter. Auch von dort sei den Flüchtlingen eher kein Wohlwollen entgegengeschlagen. Der Currywurst-Spender findet das nicht nachvollziehbar: „Eigentlich sollten gerade diese alten Menschen das verstehen. Die meisten von ihnen waren doch selbst einst auf der Flucht.“ 
Aber die Mahnwächter vom Netzwerk Solidarität bekommen nicht nur Zuspruch, sondern auch Gegenwind. Wie brutale Gang-Mitglieder in amerikanischen Ghetto-Krimis fahren immer wieder junge Männer mit Autos betont langsam an dem Camp vorbei, zeigen Stinkefinger, pöbeln rum. „Da müsste man mal ’ne Bombe reinschmeißen“, zischt auch eine Passantin und richtet ihren verächtlichen Blick zum Heim. Sogar ein Kampfhund, hört man, sei auf einen der Asylbewerber beim nahen U-Bahnhof Cottbusser Platz gehetzt worden.  
Woher dieser Hass? Glauben die Anwohner tatsächlich, dass es, wie es auf Flyern der Anti-Asylheim-Bürgerinitiative steht, im Umfeld zu „Prostitution und Drogenhandel“ komme? Glauben Sie diese stereotypen Prophezeiungen, für die es keine Anhaltspunkte gibt? Es seien „Langeweile und Frust“, die bei manchen Anwohnern hochkochten, glaubt Britt, 44, Erzieherin, die in der Nähe wohnt: „Manche Anwohner haben einfach nichts Besseres zu tun, als den langen Tag über rumzuwettern.“ Ein Bekannter habe ihr einen der Anti-Heim-Flyer gezeigt – „dunkelbraun in der Gesinnung“, wie sie sagt. „Da hab ich ihn gefragt: Weißt du, dass ich selbst Flüchtlingskind bin?“ Erst da kam er ins Grübeln.
Das umstrittene Flüchtlingsheim in Hellersdorf BerlinWie wichtig es ist, die fremdenfeindlichen Ausfälle nicht einfach hinzunehmen, sondern mit Präsenz und Argumenten dagegenzuhalten, hat auch Hannes, 25, Jura-Student und ebenfalls Mahnwächter, festgestellt: „Manche Passanten wiederholen erst mal unwissend die üblichen Parolen, sind dann  aber auch zum Umdenken bereit.“ Inzwischen erlebe er deutlich weniger Feindseligkeit als zu Beginn der Mahnwache. Dafür, so findet er, lohnt sich auch die zeitliche Investition für seine Anwesenheit. Denn eigentlich müsste Hannes für sein Abschluss-Examen lernen – das hat er nun vorerst verschoben.  
Hoffnungsvoll stimmt auch die Aktion „Hellersdorf hilft„. Die darin aktiven rund 20 Helfer können inzwischen auf viele hundert Unterstützer zählen, alle ehrenamtlich natürlich. 220 volle Kisten wurden für die Flüchtlinge schon gespendet: Von der Saftpresse über Schulrucksäcke bis zum Fahrrad war vieles dabei, was die Asylbewerber und ihre Familien gebrauchen können. Etwa die Hälfte der Spenden kommt direkt aus Hellersdorf. Grund zur Hoffnung für Michael, 22, und Louisa, 21, zwei der Initiatoren. Geplant sind auch Fahrradkurse oder die Instandsetzung des alten Fußballplatzes am Heim. Inzwischen gibt es einen ganzen Pool aus Helfern: Leute, die Koch- und Spieleabende, aber auch Sprachkurse anbieten möchten. Auch Ärzte, Rechtsanwälte oder Dolmetscher haben sich gemeldet und wollen etwa bei Behördengängen helfen.
Doch man darf sich nicht täuschen lassen: Auch die Anstifter von Fremdenfeindlichkeit und Hass haben einen langen Atem. Einer der Drahtzieher hinter der Anti-Heim-Kampagne der Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf war zwar zunächst für zwei Wochen von der Bildfläche verschwunden, läuft nun aber wieder dicht an dem Mahnwachen-Camp vorbei. Gleich gegenüber, auf der anderen Straßenseite, spricht er mit einer blonden Frau. Wird da gerade etwas ausgeheckt? Bereits am nächsten Tag kommen beim Camp jedenfalls zwei Polizisten vorbei und fragen, ob alles okay sei. „Das haben die vorher noch nie gemacht“, wundern sich die Leute von der Mahnwache. „Wissen die Polizisten etwas, was wir nicht wissen? Sind Aktionen gegen das Heim geplant?“ Noch weiß keiner der Anwesenden, wie lange sie in Hellersdorf buchstäblich Position gegen rechts beziehen werden. Es könnte ein harter Winter werden.

Text und Foto: Stefan Hochgesand

Berlin Wehrt sich – kein Platz für Nazis?, Plakatkampagne gegen Rechts, unterstützt vom tip und vielen anderen Berliner Firmen und Verbänden

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