Christopher Street Day

„Divers“ statt „anders“!

Beim diesjährigen CSD ist Intersexualität ein großes Thema. Damit kehrt die Parade zurück zu ihren radikalen Wurzeln. Ein Gespräch mit Menschenrechtsexpert_in Lucie Veith.

Foto: Lena Meyer

CSD Berlin 2018. Alles nur noch Spaßparade? Mitnichten. In seiner 40. Ausgabe findet der Christopher Street Day zur Radikalität zurück, aus der er geboren wurde, als im Sommer 1969 bei den New Yorker Stonewall Riots nicht-weiße trans* Frauen gegen die Gewalt von Polizisten aufbegehrten. Der 40. CSD Berlin trägt unter dem Motto „Mein Körper – meine Identität – mein Leben!“ elf politische Forderungen vor. Und gleich die zweite hat es in sich: Gefordert wird „eine strafrechtliche Verfolgung fremdbestimmter, geschlechtsverändernder und medizinisch nicht notwendiger OPs an intergeschlechtlichen Kindern, Minderjährigen und Erwachsenen“.
Lucie Veith, 62 Jahre alt, selbst intersexuell, arbeitet als Inter*-Expert_in und organisiert bundesweit Aufklärungs- und Bildungsarbeit. 2004 gründete Veith den Verein Intersexuelle Menschen, ist dort im Vorstand und wurde 2017 von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes für dieses Engagement geehrt.

Lucie Veith, was zeichnet intersexuelle Menschen eigentlich biologisch aus?
Lucie Veith Viele intergeschlechtliche Menschen haben ein ungewöhnliches Genital – wenn man das aus der Sicht zweigeschlechtlicher Menschen sieht. Oder eine Mixtur von Geschlechtsmerkmalen – seien es die Chromosomen, seien es die Hormone, sei es das ­Innere oder das Äußere der Genitalien. Es gibt Menschen, die äußerlich weiblich aussehen, aber trotzdem Hoden haben statt Eierstöcken.

Paradox, dass Intersexualität im Alltag solch ein Tabu darstellt und von der Medizin traditionell bekämpft wird. Denn im Grunde weiß die Menschheit schon lange, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt: Von Berlin aus sorgte der Sexualwissenschafler Magnus Hirschfeld Anfang des 20. Jahrhunderts für Furore mit seiner Theorie vom „dritten Geschlecht“ und der Lehre von den „Zwischenstufen“, bevor die Nazis Hirschfelds Institut zerstörten, das nicht in ihr Weltbild passte. Mittlerweile ist bundesweit von 160.000 intergeschlechtlichen Menschen die Rede, das sind 0,2 Prozent der Bevölkerung. Eine konservative Schätzung, wie Lucie Veith glaubt. Dazu kommt, dass längst nicht alle intersexuellen Menschen auch geoutet sind: Lucie Veith vermutet, im engeren Umfeld seien es 30 oder 40 Prozent, aber im Job keine zehn Prozent.

Merken Sie bei jüngeren Leuten im Verein, dass deren Umfeld mit dem Thema sensibler umgeht als eine Generation zuvor?
Das Internet war und ist ein sehr starker Faktor: Wenn ich heute als Eltern eine Diagnose zu meinem Kind bekomme und dann im Internet sofort an die Selbsthilfeangebote des Vereins gelange, bekomme ich dort eine ordentliche Beratung. Es ist die Kunst, die Eltern aus der Trauer über ein intergeschlechtliches Kind herauszuholen, das nicht erwartungsgemäß ist; zu verstehen, dass dieses Kind vollkommen in Ordnung ist. Die meisten Kontakte haben wir allerdings zu Eltern, die schon Entscheidungen getroffen haben; die auf ärztliches Anraten Interventionen an ihren Kindern zugelassen haben. Oft kommen Eltern erst zu uns, wenn sich ihre Kinder dann nicht so verhalten, wie es den Eltern versprochen worden ist. Das heißt, dass Probleme auftreten, von denen vorher nichts gesagt wurde.

Wenn Lucie Veith von „Interventionen“ spricht, sind geschlechtsangleichende Operationen gemeint – chirurgische Eingriffe an den Geschlechtsorganen. Zu den geschlechtsangleichenden Maßnahmen zählen aber auch hormonblockierende Medikamente. Seit den 1960er-Jahren werden in Deutschland in größerem Umfang Operationen an intersexuellen Kindern durchgeführt, um sie eindeutig männlich oder weiblich zu „machen“, oft auf Eigeninitiative der Ärzt*innen hin – und das zumeist ohne medizinische Notwendigkeit, sondern aus rein „kosmetischen“ Gründen. Heutzutage wird die Entscheidung darüber meist von den Eltern für ihre intersexuellen Kleinkinder getroffen. Wenn diese dann eine eigene (sexuelle) Identität entwickeln, ist es schon zu spät.

Welche Probleme können nach Eingriffen bei intersexuellen Kindern auftreten?
Wenn Säuglinge oder Kleinkinder einem medizinischen Prototyp angepasst werden, dann werden neben den äußeren Genitalien auch die hormonproduzierenden Organe entfernt. Werden diese Kinder neun, zehn Jahre alt, setzt die Pubertät nicht ein. Manchmal werden ein oder zwei Eingriffe mit den Eltern besprochen, und dann werden weitere Eingriffe nötig. Manchmal führen die Interventionen zu unerwarteten körperlichen Reaktionen. Und manchmal entwickeln die Kinder ein geschlechtliches Erleben, das nicht zur „gemachten“ körperlichen Geschlechtlichkeit passt. Man kann ein Geschlecht, eine Geschlechtlichkeit nicht diktieren. Und dann wird dieser Körper auf einmal für krank erklärt.

Foto: privat

Dann wird operiert, damit das behauptete Geschlecht scheinbar korrekt bleibt.
Nach unserer Auffassung ist das rechtswidrig. Wir teilen da die Meinung des Bundesverfassungsgerichtes. Wir bedauern es sehr, dass das Innenministerium nicht den Mut hat, einem Vorschlag zu folgen, der vom Verfassungsgericht kommt, nämlich: Kinder mit einem Namen und einem Geburtsdatum und den Namen der Eltern einzutragen, aber auf einen Geschlechtseintrag zu verzichten.

8. November 2017: Das Bundesverfassunsgericht fordert den Gesetzgeber dazu auf, im Geburtenregister neben „weiblich“ und „männlich“ ein drittes Geschlecht zu ermöglichen. Bis Ende 2018 muss die Regierung dazu alle Details ausgearbeitet und ein Gesetz durchs Parlament gebracht haben. Deutschland wäre dann das erste Land in Europa mit einem dritten Geschlecht vor dem Gesetz. Doch auch ein Gericht in den Niederlanden hat Ende Mai zu einer entsprechenden Gesetzesänderung dortzulande aufgefordert. Und der Bürgermeister von New York feilt ebenfalls gerade an einem solchen Gesetz. Seit 2013 ist es in Deutschland zwar möglich, den Geschlechtseintrag im Geburtenregister offen zu lassen; nun aber fordert das Verfassungsgericht, dass eine „positive Bezeichnung des Geschlechts“ möglich wird.
Das Verfassungsgericht hat sich mit dem Thema beschäftigt, weil Vanja, ein intersexueller Mensch, dort Beschwerde eingelegt hat. Vanja ist vor dem Gesetz eine Frau, laut Chromosomenanalyse aber inter, denn Vanja hat nur ein X-Chromosomen. Jetzt steht die Politik unter Zugzwang – doch nicht einmal die Regierungskoalition kommt auf einen grünen Zweig: Das Innenministerium unter Horst Seehofer (CSU) hat Anfang Juni einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der ein drittes Geschlecht namens „anders“ vorsieht – zu negativ, wie Inter-Aktivist*innen, aber auch Familienministerin Franziska Giffey (SPD) und Justizministerin Katarina Barley (SPD) befinden, die für „inter“ oder „divers“ plädieren. Details, könnte man meinen. Aber es hängt eben alles von der Sprache ab, mit der wir aussprechen, dass Menschen so okay sind, wie sie sind – oder eben nicht, weil „anders“.

Gerade gibt es zur „dritten Option“ einen ersten Referentenentwurf des Innenministeriums. Wie bewerten Sie diesen?
Der Entwurf zielt darauf ab, dass man ein ­Papier mitbringt, welches auf die Körperlichkeit abzielt. Im Entwurf steht, dass die Eltern einen Antrag auf Änderung des Personenstandes stellen dürfen, wenn ein Kind noch nicht 14 Jahre alt ist. Nur die Eltern dürfen das. Der Witz ist, dass Eltern, die ein intergeschlechtliches Kind haben, trotzdem beantragen können, dass es einen Personenstand kriegt, der männlich oder weiblich ist.

Eine Chance auf Sichtbarkeit ist nun der CSD. Doch von trans* Frauen hört man oft, dass sie sich auf dem CSD nicht wohl, nicht repräsentiert fühlen. Kennen Sie dieses Dilemma bei intergeschlechtlichen Menschen auch?
Wir haben mit einem ganz anderen Dilemma zu tun. Manche Menschen werden als Kind einem Prototyp – männlich oder weiblich – zugewiesen, möchten mit diesem Prototyp aber gar nicht leben, sondern entwickeln ein Begehren, das komplett anders verläuft. Oft haben diese Menschen nicht mal die Gelegenheit, in die Transition zu gehen, weil im Kleinkindalter amputierte oder veränderte Körperteile sich nicht wiederherstellen lassen. Wer so viel Gewalt erlebt hat, besitzt oft gar keine eigene gelebte Sexualität mehr. Und bekommt dann eher Angst, wenn er diese offene Lebensfreude beim CSD erlebt: Menschen, die stolz ihren Lebensentwurf leben können.

Diese Möglichkeit haben viele intergeschlechtliche Menschen gar nicht.
Und deswegen freue ich mich so sehr, dass eine Solidarisierung nach außen getragen und tatsächlich gelebt wird in der LSBTI-Community. Wenn jemand sagt: „Na klar kann ich mir vorstellen, in einer Partnerschaft mit einem intersexuellen Menschen zu sein“, frage ich: „Hast du denn schon mal Sex mit einem intersexuellen Menschen gehabt? Begehrst du den? Wie kannst du behaupten, dass das überhaupt kein Problem ist?“ Ein bisschen Nachdenklichkeit finde ich schon gut. Auf der anderen Seite finde ich auch, dass man ein bestimmtes Selbstverständnis, einen Stolz haben muss, um überhaupt rauszugehen. Sich zu trauen, sich zu verlieben, zu begehren. Und dieses große Glück, selbst begehrt zu werden und begehren zu können – das ist ein Privileg, das viele intergeschlechtliche Menschen nie erleben. Dass wir diese stolze Party mitfeiern dürfen, ist für mich auch eine Hoffnung.

CSD 2018
Sa 28.7., Demo 12 Uhr ab Kurfürstendamm, Finale 14 Uhr am Brandenburger Tor

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