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Drogen in Berlin: Interview mit dem Drogenfahnder Olaf Schremm

Der Drogenfahnder Olaf Schremm vom Landeskriminalamt Berlin über Kokain für Besserverdienende, den Boom der Partydrogen und die Gefahren von Crystal Meth

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Herr Schremm, kürzlich wurden in mehreren Berliner Aldi-Filialen rund 140 Kilogramm Kokain gefunden, versteckt in Bananenkisten. Wenngleich das Koks fehlgeleitet war: Muss man von Lieferungen nach Berlin in solchen Mengen ausgehen?
In dieser Größenordnung nicht. Was bei der Verteilerkette in Berlin ankommt, sind in der Regel kleinere Mengen höchstens im zweistelligen Kilobereich.

Wie stark wird Kokain in Berlin gehandelt?
Nach unseren Erkenntnissen sind Kokain und Heroin die nach Cannabis hier am häufigsten gehandelten Drogen.

Sehen Sie, ähnlich wie bei Heroin, ein spezifisches Kokain-Milieu, eine Art Szene?
Nein. Die Konsumenten sind von Heroinabhängigen deutlich zu unterscheiden. Kokain ist ja fast schon eine Art Droge für Besserverdienende und wird häufig in Kreisen konsumiert, die über die nötigen finanziellen Mittel verfügen. Der Absatz läuft in vielen Fällen über eine Art Lieferservice, während der Heroinabhängige sich den Stoff meist auf der Straße holt. Die Verkäufer-Konsumenten-Struktur ist also komplett anders.

Wie viel Kokain wird in Berlin konsumiert?
Was die Konsumenten angeht, haben wir, anders als bei Heroin, einfach keine Ahnung, eben weil keine zusammenhängenden Szenen existieren und die Konsumenten ihren Stoff wie eine Pizza geliefert kriegen. Sichergestellt haben wir 2012 jedenfalls rund 6,8 und 2013 rund 24 Kilogramm Kokain. Dieser Anstieg lässt aber keinen Rückschluss darauf zu, dass 2013 mehr konsumiert wurde als im Jahr davor. Sie sehen aber auch, dass der Bananenkistenfund mit seinen 140 Kilogramm schon außergewöhnlich war.

Weiterlesen: Seine Ware: Kokain. Sein Transportmittel: das „Kokstaxi“. Seine Kunden: alle, die seine Telefonnummer haben. tip-Autor Thomas Bellacker
begleitete einen Tag lang einen mobilen Kokain-Dienstleister bei der
Arbeit 

Welche Droge bereitet der Berliner Polizei aktuell die größten Sorgen?
Neben den genannten drei sind das vor allem die Amphetamine, Speed, Ecstasy und MDMA. Gerade bei den Amphetaminen, den Partydrogen, sind die Zunahmen besorgniserregend. Das Problem ist, dass diese Stoffe synthetisch hergestellt werden können. Da muss nichts erst groß eingeführt werden. So fällt für die Dealer das Transportrisiko weg. Das wird uns in den nächsten Jahren zusehends beschäftigen.

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Gibt es bei Heroin unter jungen Leuten noch Neukonsumenten? Oder ist Heroin als Verliererdroge verschrien?
Das können wir in der Tat bestätigen. Unter jungen Leuten haben die synthetischen Drogen die klassischen Drogen – wie Heroin und Kokain – nahezu abgelöst.

Ist die Polizei in der Clubszene aktiv oder wird der Konsum von Partydrogen von der Stadt stillschweigend geduldet?
Die Polizei duldet Straftaten gegen das Betäubungsmittelgesetz nirgends stillschweigend. Nach unseren Erkenntnissen sind in den Clubs aber nicht die großen Händler unterwegs. Dort trifft man eher den Konsumenten, der seinen Bekannten auch mal eine Tablette oder Ähnliches zum Eigenkonsum in die Hand drückt. Der Polizei liegen hierzu aber keine validen Daten vor, die auf einen regen Handel innerhalb der Clubs hindeuten. Die Beschaffung und der Konsum spielen sich in diesem Bereich wohl eher außerhalb der Clubs ab. Um Jugendliche und Heranwachsende zudem nachhaltig vom Drogenkonsum abzuhalten, muss auch weiterhin ein Schwerpunkt auf die Präventionsarbeit gelegt werden. Mit polizeilichen Maßnahmen alleine ist das nicht zu erreichen.

Man hört, dass das berüchtigte Crystal Meth vom Süden aus nach Berlin drängt.
Vor dem geschichtlichen Hintergrund der Etablierung der Droge Crystal in den 30er- und 40er-Jahren in der homosexuellen Community in Kalifornien – aufgrund der stark enthemmenden und stimulierenden Wirkung – befürchten wir, dass sich das Phänomen auch auf Berlin übertragen könnte, zumal die Verfügbarkeit von Crystal durch den Schmuggel aus südosteuropäischen Ländern unkomplizierter zu werden scheint. Das alles bereitet uns große Sorgen, da der körperliche und seelische Verfall bei Methamphetamin verheerender ist als bei allen anderen Drogen. Spätestens die zweite Einnahme führt zur totalen Abhängigkeit.

Was glauben Sie, welche Drogen werden in den nächsten Jahren am meisten florieren?
Das werden weiterhin die Amphetamine sein und wohl leider auch die Methamphetamine.

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Wenn Sie Berlin eine Droge zuordnen müssten, welche wäre das?
Da bringen Sie mich in Schwierigkeiten. Berlin lässt sich nicht auf eine Droge reduzieren. Es gibt ein abstruses, vielfältiges Angebot. In Berlin wird alles konsumiert, Hauptsache, es macht lustig, dumm und hält lange wach. Das geht durch alle Altersstufen und alle sozialen Schichten.

Also ist Berlin, auch was den Drogenkonsum angeht, multikulturell?
(lacht) Das kann man wohl so sagen.

Interview: Christoph David Piorkowski

Foto: tip Berlin

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