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Drogen in Berlin: „Magenblutungen? Egal. Die nächste Party steht an“

tip_drogen_3Wie muss man sich die Zusammensetzung der Patientenschaft bei Ihnen vorstellen?
Da die meistverbreitete Sucht Alkohol ist, haben wir es zu 70 Prozent mit Alkoholikern zu tun. Heroin hat in den letzten beiden Jahren signifikant abgenommen, die Tendenz geht weiter nach unten. Der Rest setzt sich aus medikamentenabhängigen Patienten, etwa von Benzodiazepinen – wahrscheinlich eher bekannt als Diazepam, Rohypnol, Tavor und so weiter – und Konsumenten von Opiaten, Ketamin und Crystal Meth zusammen. In der Minderzahl kommen Cannabis-Abhängige, Speed- oder Ecstasy-Opfer. Letztere auch nur, wenn sie bewusstlos geworden sind oder die von Patienten beschriebenen Horrortrips durchgemacht haben. Kokain-Konsumenten haben wir eher selten. Hierher kommen die meisten per richterlichen Beschluss, weil sie straffällig geworden sind.

Welche sind die gefährlichsten Drogen?
Crystal Meth macht gravierende Probleme. Der Entzug dauert sehr lange und ist ein harter Weg. Ebenfalls sehr hart und sehr langwierig ist der Entzug von Benzos und Opiaten. Ketamin macht eher psychisch abhängig, hat aber viel mehr Begleitschäden. Körperlich bedeutet das: zeitweise Bewegungs­unfähigkeit, Übelkeit, Herzrasen, erhöhte Unfallgefahr, Desorientierung. Psychisch sind es Halluzinationen, Ich-Entgrenzungen – das Gefühl, den eigenen Körper zu verlassen. Die Symptome können der einer Schizophrenie ähneln. Bei hohen Dosierungen haben manche Patienten sogar Nahtoderfahrungen.

Sind die neuen Drogenarten wie etwa die Badesalze auch in Berlin angekommen?
Es kommen ständig neue Drogen an. Für uns ist es ist schwierig, da wir mittlerweile 450 Substanzen haben, die nicht im Drogentest zu finden sind. Hier sprechen wir von den sogenannten Research Chemicals. Diese werden aus Abfällen der Pharmaindustrie verarbeitet und meist in der Partyszene in Tablettenform oder als Pulver konsumiert. Das macht diese Substanzen unberechenbar und sehr gefährlich. Wenn wir keine Nachweisbarkeit haben, ist es viel schwerer, einzuschätzen, ob eventuell Organschäden und andere Erkrankungen bereits vorhanden sind. Auch der psychische Zustand kann schwer diagnostiziert werden, im Gegensatz zu bekannten Drogen. Zu den oben genannten Drogen gehören auch die sogenannten Badesalze, von denen Sie sprachen: ein weißlich bis gelbes Pulver oder in Kapseln. In der Szene werden diese „Raumluftverbesserer“ oder „Pflanzendünger“ genannt.

Wie sehen die Ausfallerscheinungen bei den „neuen“ Drogen wie den Badesalzen aus?  
Badesalze sind sehr gefährlich, sie wirken nur kurz und sind billig, ein bis zwei Gramm kosten rund 30 Euro. Schon nach wenigen Einnahmen haben wir es zu tun mit Verfolgungswahn, Panikattacken, Amnesie, Halluzinationen, Sprachproblemen, Herzrasen, Brustschmerzen, Muskelzucken, Bluthochdruck, Austrocknung.

Und bei GHB, das auch als Liquid Ecstasy bekannt ist?
GHB ist leider immer noch nicht illegal. Hier droht bei Überdosierung Atemnot bis Atemstillstand, auch Inkontinenz ist eine unschöne Begleiterscheinung. Natürlich kommen diese Nebenwirkungen unterschiedlich vor, da jeder Mensch anders auf die Stoffe, die er konsumiert, reagiert.

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Haben Sie in der Klinik auch mit sogenannten Neuroenhancern zu tun?
Es ist ein Randthema, das hier auf der Station fast keine Rolle spielt. Neuroenhancer ist ein Oberbegriff für alle antriebs- und leistungssteigernden Substanzen wie Ritalin, Speed, Antidepressiva ohne dämpfende Wirkung. Das ist eine Grauzone, da viele Meds legal sind. Ausfallerscheinungen gibt es meist bei Überdosierungen und eventuellen Wechselwirkungen – aber keinen körperlichen Entzug. Allerdings: Wenn man sich dann beispielsweise nach Ritalin Downer gibt, kann es zu Epilepsie respektive zum Herzstillstand kommen.

Gibt es Situationen, die selbst für Sie als Ärztin schockierend sind?
Ich bin schon teilweise verwundert, wie wenig respektvoll die Leute mit sich selbst umgehen. Wenn wir über den Entzug sprechen, stellt man fest, dass viele keinerlei Interesse daran haben, sehr weit von sich selbst entfernt sind. Sie sprechen auch immer in der dritten Person von sich, benutzen nie das Wort „ich“: „Es ist egal, was morgen ist, es ist mir scheißegal, von wem ich schwanger bin, früh aufstehen, nee …“ Auch erzählen Konsumenten, dass sie seit einiger Zeit Magenblutungen haben – was sie dennoch nicht veranlasst, sich untersuchen zu lassen. Denn die nächste Party steht an, und es wird weiter konsumiert.

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Wenn jemand mit Drogen nicht klarkommt, was sollte er tun?
Es gibt zwei Möglichkeiten. Akut: Wenn es einem nicht gut geht, man Angst bekommt, sich schlecht fühlt, körperliche Entzugs­erscheinungen spürt, sollte man schnellstmöglich den Rettungsdienst kontaktieren über die Telefonnummer 112. Man wird zunächst medizinisch grundversorgt und kommt dann über die Rettungsstelle auf die Suchtstation. Möglichkeit zwei: Du bist dir über deine Sucht bewusst und hast dich bewusst entschieden, einen Entzug zu machen. Dann kannst du dir selbst die Klinik aussuchen und dort anrufen. Dir wird mitgeteilt, wann ein Bett frei wird. Bis dahin solltest du keine eigenmächtigen Handlungen durchführen und auch die Substanz, um die es geht, nicht einfach absetzen.

Interview: Rock Davis

Foto: tip Berlin

SUCHT UND ENTWÖHNUNG
Es gibt in Berliner Krankenhäusern mehr als zwölf Suchtstationen und eine Drogenentwöhnungsklinik. Alle Kliniken sind Akutkliniken: Dort werden 24 Stunden am Tag Patienten mit Drogen-, Alkohol- und Medikamentenproblemen aufgenommen. Etwa 40 Prozent der Patienten kommen nicht freiwillig her, sondern per richterlicher Einweisung oder mit der Polizei, weil sie im Rausch straffällig geworden sind, gewalttätig beziehungsweise desorientiert sind oder ihr Zustand andere oder sie selbst gefährdet.

Hilfe für Menschen mit Suchtproblematik bietet u.a. der Berliner Drogennotdienst: www.drogennotdienst.org

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