Stadtleben

Druckwellen am Kotti Berlin

Kotti

Es ist kein guter Tag, um sich ein Bild vom Kottbusser Tor zu machen. Der Regen fällt fast waagerecht im zugigen Wind. Freitagmorgen um zehn ist es verhältnismäßig ruhig rund um das Neue Kreuzberger Zentrum (NKZ). Der Mann vom Fotoautomaten kickt mit dem Fuß Papiermüll aus der Kabine. Vor dem Kaiser’s unterhalten sich zwei ältere Männer mit Bierflaschen in der Hand über die SS. So richtig kann man sie nicht verstehen.
Ein paar Meter weiter, wo der Kreisverkehr in die Adalbertstraße mündet, begrüßt ein Kameramann mit seinem Re­dakteur einen Mann und eine Frau mit Handschlag. Die beiden sehen ein wenig aus, wie man sich Streetworker vorstellt. Zusammen geht das Quartett in Richtung NKZ. An die Arbeit.

Nachdem Anwohner und Gewerbetreibende Ende vergangenen Jahres einen offenen Brief an den Bezirksbürgermeister Franz Schulz schickten, in dem sie die öffent­liche Drogen­szene am Platz beklagten, ist der Kotti mal wieder in den Schlagzeilen. Seit mehr als 20 Jahren treffen sich hier Alkoholiker, Heroinsüchtige, Polytoxe und deren Dealer. Einige sind wohnungslos, manche in einem Substitutionsprogramm. Nun ziehen die Journalisten mit Politi­kern, Anwohnern oder Geschäftsleuten durch das Quartier. Wieder und wieder.

Um elf Uhr hat ein zweites Fernsehteam in einem türkischen Cafй im hinteren Teil des Neuen Kreuzberger Zentrums Position bezogen. Auch dort ist es noch leer, von Junkies und Dealern keine Spur. Obwohl, was ist mit dem jungen Kerl, der eilig von der Dresdener Straße in Richtung U-Bahn läuft? Sehen so die Dealer aus? Irgendwo schreit jemand: „Hau ab!“ Aber bis auf die Passanten, die unbeeindruckt ihrer Wege gehen, ist niemand zu sehen. Unter dem Kottbusser Tor, am Umsteigebahnhof, stehen vereinzelt Menschen, die für den momentanen Ärger hier sorgen. Man erkennt sie an Alkoholflaschen in der Hand, an roten oder ganz und gar blassen Gesichtern, an dem wankenden Körper oder einfach da­ran, dass sie hier stehen und nicht weiterlaufen. Die Anwohner fühlen sich von ihnen bedroht, sagen sie. Sie haben Angst um ihre Kinder, um sich selbst, um ihre Geschäfte. Eine junge Frau mit breitem Gesicht und großen Augen steht vor den Sicherheitsleuten und dem Schäferhund mit dem Metallmaulkorb und guckt böse. Zwei junge Männer kommen vom Gleis der U8. „Hier sollte man einfach mal ordentlich durchkärchern“, sagt der eine. Der andere nickt ihm zustimmend zu.


Oben an der Luft regnet es noch immer. Von den 60 bis 80 Zugehörigen der Drogenszene, von denen die Polizei hier ausgeht, ist nichts zu sehen. Die umliegenden Spielplätze sind leer. Auf einigen liegen Plastiktüten und Silberpapier von Dönern, andere sehen aus wie frisch geharkt. Spritzen, Bleche, Blutflecken, solche Details sind nicht zu finden. Die Eingänge zu den oberen Etagen des NKZ sind mit schweren Türen verschlossen. Metallspitzen schützen vor Tauben oder vor Junkies.

Auf dem Weg zum Parkhaus, dessen Eingänge der Vermieter im letzten Jahr verschlossen hat, weil dort Drogen konsumiert und verkauft wurden, liegt das Café Sehnsucht. Uringeruch brennt in der Nase. Über eine kleine Treppe gelangt man in die Räume der Christlichen Lebenshilfe. Die Tür ist offen. An den hellen Holztischen sitzt eng nebeneinander ein Pärchen. Beide tragen Camou­f­lage-Outfits, die Caps werden von Deutschlandfahnen verziert. Vor ihnen stehen Kannen mit Tee und Kaffee, ein Becher mit kleinen Löffeln davor. Alle Löffel haben Löcher.
„Wir verteilen hier keine Spritzen oder Kondome“, sagt Thommy.

…Lesen Sie weiter in tip 07/09 auf Seite 14/15

Text: Laura Ewert

Fotos: Bernd Sauer-Diete (oben), Carolin Saage (unten)

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