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Du bist Berlin: Abbas Khider – Der Versucher

Abbas_SerkaiDer letzte Blick der Mutter, als sie ihn abholen, zwei Zivilpolizisten und sieben oder acht Soldaten, im Bagdader Stadtteil Saddam City, früher Revolution City, jetzt Sadr City. Diese Angst in ihren Augen. Den Blick, sagt Abbas Khider, werde er niemals vergessen.Dann: knapp zwei Jahre im „Reich hinter der Sonne“. So nannten die Iraker die Regime-Kerker. Dort, wo kein Tageslicht hindrang. Alles wegen Flugblättern, die Khider an der Universität verteilt hatte, 1993, da war er 20, „harmlos“, findet er. Auf einem stand „Nieder mit Saddam“. Es ist ein kalter Dienstagabend in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg, als der stellvertretende „Zeit“-Feuilleton-Chef Ijoma Mangold ihn bittet, mal seine Stationen aufzuzählen, die ihn nach Deutschland führten. Da sitzt Khider zwischen zwei Autorinnen. Er grinst: „Soll ich wirklich die ganze Geschichte …?“ Mangold nickt.

Als Khider rauskam aus dem Knast, die Uni war ihm versperrt, er sollte zur Armee, wollte er nur noch weg aus dem Irak. In den Westen. Er machte sich auf die Flucht. Vier Jahre als Illegaler. Sein erster, preisgekrönter Roman „Der falsche Inder“ von 2008 handelt davon. Eine Odyssee. In der Literaturwerkstatt gibt es an diesem Abend eine Lesung mit Trägern des Chamisso-Förderpreises für Autoren nichtdeutscher Herkunft, deren Werk einen wichtigen Beitrag zur deutschsprachigen Kultur bildet. Khider ist einer davon. Er legt also los mit der Liste. Jordanien, Ägypten, Libyen, Tschad, „ich wollte weit weg vom irakischen Geheimdienst“, Tunesien, wieder Libyen, Griechenland, „versteckt auf einem Lastwagen nach Italien, dann versteckt im Zug nach Deutschland …“ In Bayern als Asyberechtigter anerkannt, studierte er Philosophie und Literaturwissenschaften. Ab 2008 dann: Neukölln, Hinterhofwohnung. Da schreibt er, der mit 14 Jahren schon Poesie dichtete, zum Unwillen das Vaters, eines Dattelhändlers und Analphabeten, oft acht Stunden am Stück.

Einen Tag nach der Literaturwerkstatt-Lesung, ein Cafй am Kottbusser Tor, man darf dort rauchen, das behagt Khider. Er sitzt auf einem Ledersofa, kritzelt im Gespräch immer wieder mit einem Bleistift auf einem Blatt herum, als er von seinem leichten Erstaunen erzählt, wie gefragt er plötzlich ist. Deutsche Welle, Stern, Tagesspiegel. Zum einen liegt es daran, dass er gerade in Kairo war. Sein Buchprojekt von desillusionierten arabischen Intellektuellen bekommt nun eine neue Richtung. Die Jugend von Kairo. Wo das passiert, was ihm ein schier ewiger Traum war: eine arabische Revolution. Khider war doch aufgewachsen unter einem Diktator, der vielen Irakern unsterblich erschien, wie er erzählt. Wo Männer auf offener Straße hingerichtet wurden, weil sie nicht zur Armee wollten. Sein Heimatland hatten die Alliierten unter amerikanischer Führung von Saddam Hussein befreit. Nicht vom Leid. Dabei, sagt er, sei der Irak bis vor Kurzem das einzige arabische Land gewesen, das so viel gegen die Diktatur gekämpft habe. „Und am Ende haben die Amerikaner alle irakischen Träume gestohlen.“

Zum anderen liegt das plötzliche Interesse an Khider natürlich an seinem neuen, zweiten Roman „Die Orangen des Präsidenten“. Der ist, anders als sein bei allem Leid luftiger, grotesk humorvoller Erstling, deutlich schonungsloser. Wenn er seine Gefängnisjahre literarisiert, von der Hoffnung in tiefster Finsternis erzählt, vom Humor als Überlebenselixier, von Freunden im Knast. Aber eben auch von Leidensgenossen, die gefoltert wurden, wie er. Die aber auch hingerichtet wurden. Oder selbst den Tod suchten. Khider sagt, er wolle vor allem unterhalten. Humor gibt es für ihn auch in größter Finsternis. Sogar Schönheit. Und Rettung. Manchmal findet Abbas Khider es komisch, wenn seine deutschen Freunde sagen, sie wollten etwas ausprobieren. „Da liegt keine Gefahr drin“, findet er. „Aber etwas versuchen, das ist anders.“ Mutiger. Versuche können scheitern. Er sagt: „Ich bin eher der Versucher als der Ausprobierer.“ Als Khider 1996 am Ende seiner Flucht in Bayern im Zug verhaftet wurde, kannte er genau drei deutsche Wörter: Hitler, Scheiße, Lufthansa. Jetzt sieht seine Mutter im Irak manchmal Fotos von ihm in der Zeitung. Dann sagt sie ihm: „Du lächelst. Das ist gut. Dann geht es mir auch gut.“

Text: Erik Heier

Foto: Benjamin Pritzkuleit

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