• Stadtleben
  • Du bist Berlin: Andrey Voronin – Die Tormaschine

Stadtleben

Du bist Berlin: Andrey Voronin – Die Tormaschine

Für viele Berliner Fußballfans begann dieses so interessante Jahr von Hertha BSC mit einem echten Leckerbissen. Im letzten Sommer, mitten in der Vorbereitung auf die Saison, kam der FC Liverpool ins Olympiastadion, eines der be­rühm­testen Teams der Welt. Stars wie Steven Gerrard und Fernando Torres spielen für die „Reds“. In Berlin aber traten, wie das bei Freundschaftsspielen im Sommer so üblich ist, viele Kräfte aus der zweiten Reihe an. Einer dieser Liverpooler Spieler, ein wuchtiger Blondschopf mit wirbelndem Zopf, war vielen Zuschauern dabei noch in Erinnerung: Der ukrainische Stürmer Andrey Voronin war erst ein Jahr davor von den Bundesliga-Konkurrenten von Bayer 04 Leverkusen nach Liverpool gewechselt. Dort war ihm aber der Durchbruch nicht so recht geglückt, und auch bei seinem Auftritt im Olympiastadion konnte er kaum überzeugen. Er vergab einen Elfmeter gegen Christian Fiedler, das Spiel endete torlos.

An diesem Nachmittag wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, dass dieser Andrey Voronin schon wenige Wochen später das Trikot der Hertha tragen würde und zu einem der wichtigsten Leis­tungsträger in der aktuellen Mannschaft von Lucien Favre werden sollte. Aber noch im August verletzte sich der frisch erworbene Tunesier Amine Chermiti, plötzlich brauchte die Hertha noch einen Stürmer, und so kam es zu einem Leihgeschäft mit dem FC Liverpool, der gegenwärtig noch immer die Hälfte des Gehalts von Andrey Voronin bezahlt, obwohl alle seine Tore voll für Hertha zählen. Elf Tore sind es mittlerweile, darunter so wichtige wie die zwei gegen Leverkusen (je eines im Auswärts- und im Heimspiel) oder die zwei beim Sieg gegen den FC Bayern München.

Andrey_VoroninVoronin trifft mit dem Kopf, mit dem Fuß, mit der Schulter – nur mit dem Zopf trifft er nicht. Dennoch ist der Zopf ein Signal, denn er hängt selten einfach nach unten, sondern er weht im Wind. Andrey Voro­nin ist nämlich ein lauffreudiger Typ. Wer seine spektakuläre Mus­kulatur sieht, wird das erstaunlich finden, denn eigentlich sieht der ukrainische Stürmer eher nach anderen Sportarten aus. Kampfsportarten. Showsportarten. In Berlin und zumal unter Lucien Favre ist der Fußball aber auch eine Denksportart. Die Spieler müssen intelligent sein, und wahrscheinlich liegt hier einer der Gründe, warum Andrey Voronin so gut in diese Mannschaft passt. Man muss nur seine Interviews nach dem Spiel hören, um zu wissen, dass er zwar auch den Schalk im Nacken hat, aber jederzeit zu einem guten Gespräch in der Lage ist.

Sein Deutsch ist hervorragend, das liegt wohl auch daran, dass er hier seine zweite Heimat gefunden hat. Schon als Teenager kam er aus der Ukraine in den Ruhrpott. Der Junge, der noch zehn Jahre des trostlosen Sowjetkommunismus mitbekommen hatte, dessen Familie sich mit fünf anderen eine Küche teilen musste, der in der Hafenstadt Odessa noch echte Not kennengelernt hatte, muss­te sich ganz allein in Mönchengladbach durch die Nachwuchsmannschaften arbeiten.

Von Gladbach ging er nach Mainz, von Mainz nach Köln, von Köln nach Leverkusen, von Leverkusen nach Liverpool. Er hielt nirgends damit hinter dem Berg, dass er zu leben weiß, die Privilegien eines Fußballstars genießt und den Stil der Modemarke Dolce & Gabbana unmittelbar auf sich bezieht. Auf dem Platz aber ist er ein Arbeiter, ein Wühler, der erste Verteidiger und unermüdliche Antreiber. Mit Marko Pantelic, den er in den letzten Wochen in den Schatten gestellt hat, teilt er diese Spielanlage. Unter anderem deswegen läuft es nicht so gut, wenn sie nebeneinander auf dem Platz stehen.

Am Samstag wird Andrey Vo­ro­nin gegen Borussia Dortmund wieder die Berliner Sturmspitze bilden. Er spielt dabei auch um seine Zukunft. Denn für die sparsam gewordene Hertha ist der Wandervogel von der Krim deutlich zu teuer. Voronin wird bald 30, mit dem nächs­ten Vertrag muss er richtig zulangen. Das wird anderswo leichter sein als in Berlin, aber der Vater dreier Kinder, der in zweiter Ehe mit Yuliya verheiratet ist, beteuert, dass er gern in der Stadt bleiben möchte: „Ich will nicht mehr so oft umziehen.“ Das hat freilich auch Marko Pantelic schon einmal gesagt, und für den Serben ist der Abschied mehr oder weniger beschlossene Sache. Andrey Vo­ro­nin aber wird alles tun, um dieses Jahr, das so überraschend begann, mit einer noch viel größeren Überraschung zu krönen.

Text: Bert Rebhandl
www.herthabsc.de

Weitere Portraits:

 

Mehr über Cookies erfahren