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Du bist Berlin: Andy Fetscher – Der Verstörer

andy_fetscherWie stellt man sich die Wohnung eines Horror­filmregisseurs im Jahr 2011 vor? Vollgestellt mit Horrorutensilien, die den Besucher schockieren, die Wände mit Plakaten von Klassikern bedeckt, vielleicht noch ein paar dekorative (Kunst-)Blutflecken? Bei Andy Fetscher ist nichts davon der Fall. Die kleine Altbauwohnung in Neukölln macht einen ganz normalen Eindruck, ein Plakat von Amos Kolleks „Fast Food, Fast Women“ im Flur, das einer Franz-Marc-Ausstellung in der Küche, wo unser Gespräch stattfindet. Zwei Wochen vor dem Kinostart seines Films „Urban Explorer“ genießt der Regisseur die eigenen vier Wände, in denen er derzeit nicht allzu häufig anzutreffen ist. Denn sein Film, der seine deutsche Premiere beim Fantasy Filmfest im August hatte, macht derzeit weltweit die Festivalrunde: Brüssel, Montreal, Austin/Texas, demnächst Pusan in Korea. Zumeist handelt es sich um auf Horrorfilme spezialisierte Festivals, aber das geht für Fetscher in Ordnung: Da trifft man die Fans, und schließlich mache er seine Filme ja für das Publikum.

So war es ihm auch eine Genugtuung, dass die Hofer Jugend seinen Film „Bukarest Fleisch“ zu schätzen wusste, als der beim dortigen Festival 2007 seine Premiere erlebte. Die Jugendlichen traf er danach bei McDonald’s, erinnert er sich, die Meinungen der Kritiker waren eher gespalten. Einige ältere Zuschauer verließen während der Vorführung den Saal, einer rief Fetscher, der währenddessen persönlich den Ton regelte, beim Hinausgehen „Fahr zur Hölle!“ zu. Bei der Berlinale hatte man den Film, Fetschers Abschlussarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg, zuvor abgelehnt, aber damit hatte er sowieso gerechnet, er war eigentlich nur gespannt auf die Begründung. Man habe den Film nach 18 Minuten abgebrochen, teilte man ihm mit, „da wurde es uns zu eklig“.

Das hinderte Andy Fetscher nicht daran, im selben Jahr nach Berlin überzusiedeln. Damals wurde auch die Idee an ihn herangetragen, einen Film über „Urban Explorers“ zu drehen, junge Touristen, die ihren Adrenalinkick daraus ziehen, die geheimen Seiten einer Stadt zu erkunden. Und welche Stadt könnte sich dafür besser eignen als die deutsche Hauptstadt mit ihrer Geschichte. „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet“, zitiert Fetscher Hans Magnus Enzensberger aus einem Text im aktuellen „Spiegel“, „in unserem Film zerstört das Gefundene den Touristen – vielleicht ist das für alle Berliner, die sich über die Touristen aufregen, ein Stück poetische Gerechtigkeit.“

Bevor er bei der Filmakademie angenommen wurde, hat der 1980 in München geborene Fetscher als Fotograf gearbeitet. Von anderen Filmschulen abgelehnt, drehte er schließlich eine Komödie, „damit wurde ich in Ludwigsburg genommen“. Aber eigentlich „hatte ich schon immer einen Hang zum Düsteren, denn ich finde das sehr reinigend – Horror ist die archaischste Form des Geschichtenerzählens, es gibt nichts Schöneres als durchgeschüttelt zu werden, weil man am Ende mit einer gereinigten Seele da rauskommt, irgendwie wacher ist und im allerbesten Fall mehr am Leben“. Gab es ein Schlüsselerlebnis für diese Erkenntnis? „Mit sechs Jahren wurde ich von meinem älteren Bruder gezwungen, ‚Alien‘ anzuschauen. Das ist hängen geblieben. Ich weiß, dass ich mich panisch in die Sofaecke gedrückt habe. Aber dann kam die Stelle, wo der Android mit einem Feuerlöscher zerfetzt wird und das weiße, dickflüssige Blut durch die Gegend spritzt – und ich weiß, dass ich mir das immer wieder in Zeitlupe angeguckt habe.“

Doch der Weg zum Horrorfilm war kein gradliniger: „In Irland habe ich mit einem Freund am Strand von Dublin einen Film über Obdachlose gedreht, ‚A Place to Be‘.“ Der Titel „Der Hunger zwischen meinen Beinen“ lässt hingegen auf ein ganz anderes Genre schließen: „Da geht es um eine Pornodarstellerin, ich bin ein paar Tage durch das Stuttgarter Rotlichtviertel spaziert auf der Suche nach Damen, mit denen ich gewisse Einstellungen, die ich unbedingt brauchte, drehen konnte. Der Film war schon ziemlich verstörend, der Direktor der Filmhochschule mochte ihn jedenfalls nicht.“

Vier Jahre seines Lebens hat er nun investiert in „Urban Explorer“, der gänzlich mit privatem Geld finanziert wurde – ein schöner Zufall ist es, dass einiges davon von der Rialto Film kam, von Felix Wendlandt, dessen Großvater Horst Wendlandt den Deutschen in den sechziger Jahren mit Edgar Wallace und Winnetou das Genrekino made in Germany nahegebracht hat. Da schließt sich ein Kreis.

Text: Frank Arnold

Foto: Oliver Wolff

Urban Explorer Kinostart: 20. Oktober

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Urban Explorer“ im Kino in Berlin

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