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Du bist Berlin: Ansgar Oberholz – Der Beobachter

oberholzEr ist ein Mann, der seinen Namen verloren hat. „Oberholz“, das ist schon lange nicht mehr er, Ansgar Oberholz, 38 Jahre alt, klein, schmal, rötlich-blondes Haar an den Schläfen. „Oberholz“, das ist das Wohnzimmer der digitalen Boheme, so etwas wie das Berliner Pendant zu jenem „Deli“ im Silicon Valley, in dem zahlreiche Erfinder ihre Ideen gehabt haben sollen. Als er 2005 das Cafй St. Oberholz aufmachte, sollte es ein Ort werden, an dem man seinen Laptop auspacken kann, um zu arbeiten. Ansgar Oberholz ließ viele Steckdosen einbauen und stellte Tische und Stühle so auf, dass man an ihnen gut zum Schreiben sitzen kann. Dort – wo direkt nach der Wende der erste Burger King in Ost-Berlin eröffnete, dann ein Schwulenclub, dann ein Tabledance-Schuppen –war Anfang des 20. Jahrhunderts eine Bierhallen-Filiale von Aschinger. Alfred Döblin ließ hier Szenen aus Berlin Alexanderplatz spielen – und soll hier auch geschrieben haben.

Auch heute werden hier wieder Bücher geschrieben. Und wieder ist das Cafй die Kulisse. Ein Buch war es dann auch, das aussprach, dass das St. Oberholz zum Symbol geworden war. Holm Friebe und Sascha Lobo lieferten mit „Wir nennen es Arbeit“ eine Abhandlung über die digitale Boheme. Und wo spielt ihr Buch, wo wurde es geschrieben? Im St. Oberholz. Natürlich. Viel mehr aber noch als Schreibzimmer ist das Cafй heute zur Firmenzentrale von kleinen Start-ups geworden, die hier ihre Meetings abhalten, ihre Programme entwickeln und vom großen Geld träumen. Ansgar Oberholz wollte vor allem, dass man in sein Cafй hineinflüchten kann, Tür auf, Tür zu, und dann den Rosenthaler Platz beobachten, wie eine Fernsehsendung. Dieser Platz, eine Kreuzung unweit der Nahtstellen von Mitte, Wedding und Prenzlauer Berg, Schnittpunkt von je vier Fahrspuren, zwei Tramlinien, untendrunter eine U-Bahnlinie, die nicht nur Touristen in die Kastanienallee spült und Werber in ihre Agenturen – wie auch Ansgar Oberholz einer war, nachdem er Mathematik, Physik, Informatik und Philosophie studierte, nichts davon zu Ende –, sondern auch Junkies in die Häusereingänge.

Als im Weinbergspark die Büsche gekappt wurden, um den Dealern dort das Geschäft zu vermiesen, zog die Szene quasi direkt vor das Cafй. Eine Zeit lang waren Ansgar Oberholz und seine Mitarbeiter damit beschäftigt, stundenlang gegen verschlossene Klotüren zu schlagen, auch mal die Polizei zu rufen, bis es sich rumsprach, dass man hier doch nicht so entspannt seine Crackpfeife rauchen kann. Ansgar Oberholz beobachtet all das nicht so sehr mit den Augen eines Unternehmers, sowieso würden Gastronomen meist nur mit dem Kopf schütteln, wenn sie sein Cafй sehen: „Mensch, wie viel Geld du verschenkst!“ Sie meinen all die Gäste, die sich stundenlang an einem Espresso festhalten, denen Ansgar Oberholz manchmal versucht, das Grundprinzip von Gastronomie zu erklären: Ich gebe euch etwas, den Ort, das WLAN, dafür konsumiert ihr bei mir. Nur um dann zu hören: „Ich würde ja gerne, aber ich habe gerade wirklich kein Geld.“ Ansgar Oberholz seufzt, und denkt an das, was er wiederum bekommt, was unbezahlbar ist, die Beobachtungen nämlich, die er in nüchterne, fast in Bürokratendeutsch geschriebene Texte verpackt, die urkomisch sind – die er dann, auch da ist er sehr verschmolzen mit dem Symbol „Oberholz“, bloggt. Schreiben ist seine eigentliche Leidenschaft.

Bis heute ist Ansgar Oberholz fasziniert vom Rosenthaler Platz, den Neuankömmlinge laut und dreckig finden, er aber sauber und leise, denn er weiß, wie es hier einmal war, bevor Hotel- und Bäckerketten sich breitmachten. Man versteht das, wenn man an einem Spätsommerabend über die Kreuzung läuft. Und ahnt dann auch, warum die Torstraße gerade einen Aufschwung erlebt, sodass man hier gar ein Festival veranstalten kann, Anfang September, Ansgar Oberholz stellt sein Cafй dafür als Zentrale zur Verfügung. Man kann den Rosenthaler Platz fast schön finden, wenn das Abendlicht durch die Häuserfluchten fällt, die abgasschwangere Luft flirrt und die Gäste draußen auf dem Bürgersteig sitzen, Weißwein trinken und Bücher (ja, Bücher!) lesen. Das „St.“ im Namen des Cafйs ist mittlerweile verschluckt worden. Längst heißt es nur noch: „Ich gehe ins Oberholz.“ Und Ansgar Oberholz schreckt beim Arzt im Wartezimmer zusammen, wenn die Sprechstundenhilfe ihn aufruft. „Oberholz?“ Stimmt. Das ist ja auch sein Name.

Text: Anne Lena Mösken

Foto: David von Becker

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