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Du bist Berlin: Richard Brückner – Der Lebenskünstler

Für einen, dem einst erst die DDR und nach seiner Flucht aus selbiger auch West-Deutschland schnell zu klein wurde, macht Lebenskünstler, Autor und Musiker Richard Brückner einen doch recht entspannten Eindruck. Die Szene, wie er in der kleinen Friedrichshainer Bar gemütlich an seinem Cappuccino nippt, wirkt, als sei er in Berlin angekommen. Hier schrieb er seine Lebensgeschichte als Buch nieder, und hier macht er heute Musik.

Mit der Musik schließt sich auf gewisse Weise sein Kreis. Noch ohne die Mauer im kleinen Genthin aufgewachsen, schnappt die Stasi 1968 seinen Bruder beim Fluchtversuch an der deutsch-deutschen Grenze und verdonnert ihn zu Jugendhaft. Fliehen wollte der ältere Brückner, weil er die Rolling Stones endlich live sehen wollte. Das wunderte den jungen „Richy“, der fortan ebenso ins Visier der Stasi gerät, was runde 120 Seiten Stasi-Akten belegen, von denen er die „lustigsten“, wie er ironisch anmerkt, in seinem Buch abdruckt. Auch er wird für einige Tage verknackt, wo ihm die Stasi das Angebot unterbreitet, für sie zu arbeiten, alle Privilegien genießen zu dürfen „und zweimal die Woche Schokolade und Bananen zu kaufen“, wie er süffisant anmerkt. Doch er verzichtete dankend, er „wollte frei sein und die Welt sehen“, wie seine Mutter vor ihm, die einst als Binnenschifferin unterwegs war.

Brückners Eltern „wussten immer, dass der Tag kommen wird„, erzählt er. Er war vor seiner Flucht Mitte der 1970er Jahre in der oppositionellen Jenaer Szene aktiv. Die Erinnerung daran berührt ihn noch heute so wie die Erinnerung an jährliche Familien- Zusammenkünfte im tschechischen Karlsbad, wo sein später nach Braunschweig geflohener Bruder und er sich mit den Eltern trafen.
Das Leben hat es gut mit Brückner gemeint, schließlich konnte er sich seinen Jugendtraum erfüllen und die Welt sehen. Er war in Afrika, Lateinamerika und den Vereinigten Staaten, lernte fünf Sprachen, lebte lange in Spanien und in Holland, wo er sich sogar einbürgern ließ. Das verstand sein Vater, den er als seinen „besten Kumpel“ bezeichnet, anfangs nicht. Erst als er ihm erklärte, dass er sich überall wegen seines Passes rechtfertigen musste und „in Holland geheult hatte, wenn die mich beleidigten“, verstand der Vater, der im Zweiten Weltkrieg einst eine Hand für sein Land verloren hatte. Um ihn nach dem Tod seiner Mutter zu pflegen, kam Brück­ner nicht nur nach Deutschland, sondern auch nach Genthin zurück, eben jenes verschlafene Nest in der ostdeutschen Provinz, das ihm einst zu klein geworden war.

Es sind die Momente, in denen er über seine Gefühle und Familie spricht, die wahrscheinlich mehr über den alternden, sich ewig jung fühlenden Brück­ner erzählen als die zahlreichen Frauen-, Abenteuer- und Raufgeschichten, von denen er ein beachtliches Repertoire zu bieten hat. Die Momente, in denen er mit seinem schrillen Lachen aufwühlende Worte über weniger coole Passagen seines Lebens weglacht, wenn er gesteht, geheult zu haben, als er „wieder vor dem Haus mit der kleinen Tür stand“ und sich dort nichts verändert hatte, während er die Welt gesehen hatte. Viel leiser als sonst erzählt er von der Erinnerung an die ers­te schlaflose Nacht im alten Kinderzimmer: „Ich war schockiert, ich hatte so viel Schönes gesehen.“
Die Frage, ob sich „El Loco“ – der Verrückte –, wie man ihn einst in Spanien taufte, hier Zuhause fühlt, umgeht er, indem er feststellt: „Ich lebe im Moment – der ist das Wichtigste.“ Heimisch fühle er sich dort, wo seine Freunde sind, denn „so viele Freunde hat man nicht. Ich habe sieben, acht Leute auf der Welt.“ Zurzeit arbeitet der Autor Brückner an der Vermarktung seines Buchs, der Musiker „Richy B.“ an seinem neuen Album und der Lebenskünstler Richard Brückner weiter an seinem Gesamtkunstwerk. Dazu gehört für ihn einmal die Stones zu treffen. Zwar habe er die „1976 in Stuttgart auf LSD gesehen, während die Jungs im Osten die Puhdys feierten“, doch näher als an Jagger-Tochter Jade, mit der er auf Ibiza einige Runden in seinem Auto drehte, kam er noch nicht heran an den Ober-Stone, der auch heute noch von der Bühne „Satisfaction“ einfordert.

Text: Denis Demmerle
Fotos: Jens Berger/tip

Richard Brückner „Blumenkind“, 248 S., Books on Demand, 2005, 16,80 Ђ;
Richy B. & Melodia „In The City“

 

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