• Stadtleben
  • Du bist Berlin: Bert Neumann – Der Volksbühnenbildner

Stadtleben

Du bist Berlin: Bert Neumann – Der Volksbühnenbildner

Bert NeumannNatürlich wäre er ohne die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz nicht das, was er heute ist, aber umgekehrt gilt: Auch die Volksbühne wäre ohne Bert Neumann nicht das, was sie heute ist. Seit er hier 1992 als Chefausstatter und Bühnenbildner anfing, hat er sie in einem unglaublichen Maße nach außen wie nach innen prägt. Das fängt mit dem Logo an und hört mit den markanten Leuchtbuchstaben „OST“ auf dem Dach nicht auf. Denn Bert Neumann hat besonders in seiner Zusammenarbeit mit dem Intendanten Frank Castorf Theatererfindungen gemacht, die sich ebenso stilbildend wie die Inszenierungen seines Chefs erweisen sollten.

Vor allem, weil er als Erster das Prinzip der partiellen Sichtbarkeit auf die Bühne übertragen hat. Ähnlich wie im richtigen Leben konnte speziell bei Castorfs Dostojewski-Adaptionen niemand alles sehen, weil die Schauspieler sich in mehr oder weniger geschlossenen Containern oder hinter blick­dichten Wänden aufhielten. Was sie dort trieben, übertrugen Live-Kameras selektiv nach draußen.

Bert NeumannIm Theater ungewöhnlich wie diese vermittelte und gebrochene Welterfahrung sind zudem die Materialien von Neumanns Bühnenbildern – scheinbar direkt vom Floh- oder aus dem Baumarkt um die Ecke. Unter Verwendung originaler billiger Versatzstücke hat er eine eigene Ästhetik und neue, realistisch überhöhte Wirklichkeiten geschaffen. Den Zuschauern gibt er die Möglichkeit der raschen Wiedererkennung, damit sie, auf diese Art sanft abgeholt, vielleicht über die gezeigten künstlichen Sachlagen ins Grübeln kommen. Neumann hat das Publikum in der Volksbühne auf einer fahrbaren Tribüne durch seine „Neustadt“ gedreht oder im Prater auf Bürostühlen im Zentrum einer Zimmerflucht platziert, durch die Renй Pollesch den Wahnsinn des Neoliberalismus toben ließ. Außerdem schickte er die „Rollende Road Show“ in die Randbezirke, um deren Bewohner mit Volksbühnen-Kleinkunst zu erfreuen.

Da konnte man den unverdrossenen Kettenraucher zum Beispiel in Neukölln unter einem Zeltdach stehen sehen, wo er allen, die dies wünschten, das Volksbühnen-Logo auf die T-Shirts bügelte: Gratisdienstleistung gerade am Nichtstammkunden. Für Neumann, vor bald 50 Jahren in Magdeburg geboren, keine ungewohnte Übung, hat er doch zu DDR-Zeiten nach eigenen Entwürfen aus einheimischen Industriestoffen westlich orientierte Mode hergestellt und eigenhändig verkauft.

Bert NeumannMit der Attitüde des abgehobenen Künstlers weiß er bis heute nichts anzufangen und zählt im wechselhaften Volksbühnenklima als gleichermaßen unkomplizierter wie höflicher Ansprechpartner zu den Ausnahmen. Beim Bad in der Menge etwa während einer Premierenfeier wirkt er immer ein bisschen so, als wären ihm das Schulterklopfen und die Lobhudeleien zwar nicht ganz unangenehm, aber auch nicht das reins­te Vergnügen. Bert Neumann macht den Eindruck, als gäbe es zwischen ihm und seiner Arbeit keinerlei Entfremdung – egal, was andere davon halten. In dieser lässigen Selbstsicherheit und entspannten Selbstachtung liegt wohl die Kraftquelle seiner künstlerischen Authentizität.
Neben den famosen Neuschöpfungen hat Bert Neumann, dessen radikale Fantasie Peter Kon­witsch­ny oder Jossi Wieler für ihre Operninszenierungen nutzten, mit tollem Gespür überdies gern die Theatergeschichte zitiert – wie beim Globe Theatre im Prater. Nun ist die Volksbühne wegen Baumaßnahmen geschlossen, jedoch nicht stillgelegt: Denn auf den Stufen und dem Gelände vor dem Gebäude wird eine Agora entstehen, wie die alten Griechen ihre Marktplätze nannten. Rund 400 Besucher pro Abend werden in diesem temporären Amphitheater bis Juli antike Tragödien erleben können. Vermischt mit der Sinfonie der Großstadt, in der natürlichen Abenddämmerung und offen gegenüber Himmel samt Wetter wird das Theater so wieder, was es einst gewesen ist: eine im wahrsten Sinne öffentliche Angelegenheit.

Text: Irene Bazinger

Fotos: William Minke

Agora ab 20. Mai, www.volksbuehne-berlin.de, siehe auch Volksbühne open air: Agora

Weitere Portraits:

Mehr über Cookies erfahren