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Du bist Berlin: Dieter Rosenkranz – Der Anstifter

Dieter_RosenkranzSo hatte sich Dieter Rosenkranz sein Engagement vermutlich nicht vorgestellt. Mit seiner gemeinnützigen Stiftung Zukunft Berlin hatte der Industrielle, Kunstsammler und Mäzen den ambitionierten Start der Temporären Kunsthalle Berlin gefördert. Er schoss 950.000 Euro für die Kiste am Schlossplatz zu. Damit wollte Rosenkranz auch den Mythos um die Ausstellung „White Cube“, im Dezember 2005 die letzte Kunstschau im ehemaligen Palast der Republik, am Leben erhalten und die Wiederauferstehung einer Berliner Kunsthalle anstoßen. Doch schon ein Dreivierteljahr später schaut die Kunsthalle auf die Trümmer ihrer selbst.
Internen Personalquerelen fielen zuerst die beiden Initiatorinnen des Projekts zum Opfer, zunächst Coco Kühn, dann auch Constanze Kleiner. Und der erst im November nachnominierte Geschäftsführer Thomas Eller gab Ende Juni seinen Posten ab. Zu unguter Letzt trat der Künstlerische Beirat – Katja Blomberg, Dirk Luckow, Julian Heynen, Gerald Matt – geschlossen zurück. Es knirscht im Gebälk einer Kunsthalle, der es bislang weder gelungen ist, dem künstlerischen Experimentierfeld Berlins das versprochene Forum zu bieten, noch, das Gebäude angemessen ortsspezifisch zu bespielen. Rosenkranz sprach dann ein Machtwort. Dass er es mit deutlichen Worten in der Presse tat, trug wohl mit zu den finalen Kommunikationsstörungen bei.

Dieter_RosenkranzDer wirtschaftlichen Leitung des Hauses warf er Unfähigkeit vor, die kuratorische Seite verdross er mit Kritik am Programm und der Forderung nach „Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst, die für jedermann verständlich sind„. 70.000 Besucher empfand er als zu wenig und versprach großzügig, für das zweite Jahr die Eintrittsgelder zu übernehmen. Vom Stifter unversehens zum Anstifter gewandelt, wird Rosenkranz nun auch inhaltlichen Sachverstand zu erkennen geben müssen. Dabei wollte er eigentlich nur Mäzen sein, „das Mäzenatentum wieder stärker in den Vordergrund rücken und andere zur Nachahmung animieren“.
Rosenkranz wurde 1925 in Berlin geboren. Nach Kriegsgefangenschaft, Maschinenbaustudium und gewerblicher Ausbildung stieg er als Partner in die Handelsagentur seines Vaters in Wuppertal ein und baute seit den 1960er Jahren verschiedene Maschinenbaufirmen auf. Heute ist Rosenkranz Inhaber einer Firma für Spritzgusstechnik mit Niederlassungen in Deutschland und den USA. Seit den 1950er Jahren sammeln er und seine Ehefrau Si zeitgenössische Kunst. Bereits während seiner Zeit als Vorstand einer Wuppertaler Textilmaschinenfabrik konnten sich die Mitarbeiter Bilder aus seiner Privatsammlung aussuchen. Für ihre Büros – und ordentlich quittiert, versteht sich. Seit einigen Jahren lebt der Unternehmer nun wieder in seiner Heimatstadt. Hans-Werner Schmidt, Direktor des Museums der bildenden Küns­te Leipzig, preist dessen bürgerschaftliches Engagement für die Kunst, ohne danach „getätschelt“ werden zu wollen. Sein Museum hat freilich auch ein generöses Angebot von Rosenkranz erhalten, nämlich den freien Zugriff auf 500 Stücke seiner Sammlung.

Dieter_RosenkranzDrei wichtige Hauptströmungen des 20. Jahrhunderts bilden das Gerüst der Sammlung Rosenkranz: die abstrakte und geometrische Kunst der europäischen Moderne, experimentelle Konzepte der 1960er Jahre und die Gegenwartskunst der amerikanischen Westküste. Kristallisationspunkt der Sammlung sind aber Christo und Jeanne-Claude. Rosenkranz zählt zu den besten Kennern von Christos Werk. Schon 1958 erwarb er erste „Verpackungsobjekte“ und Zeichnungen des bulgarischen Künstlerpaars, das damals noch weitgehend unbekannt war. Vor sieben Jahren zeigte das Von-der-Heydt-Museum Wuppertal mit knapp 300 Exponaten den bisher größten Einblick in die Sammlung von Dieter und Si Rosenkranz. Wenn man sieht, wie die Staatlichen Museen zu Berlin Privatsammler hofieren, angefangen mit Marx und Flick bis zur jetzigen Präsentation der Kollektion surrealistischer Kunst des Sammler­ehepaars Pietzsch in der Neuen Nationalgalerie, dürfte auch dort ein großes Interesse an der Sammlung Rosenkranz bestehen.

Doch Dieter Rosenkranz setzt momentan noch auf Aktionismus. Mit der Temporären Kunsthalle wollte der Berlin-Heimkehrer seiner Stadt einen Dienst erweisen. Jetzt hat er wohl mit dazu beigetra­gen, eine Tabula rasa zu erschaffen. Ein Jahr unter anhaltend schwierigen finanziellen und kuratorischen Bedingungen bleibt ihm, die Temporäre Kunsthalle doch noch ins kollektive Gedächtnis positiver Erinnerungen zu hieven.

Text: Marcus Woeller
Fotos: Ullstein

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