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Du bist Berlin: Dillon – Die Selbsttherapeutin

dillonAls Dillon mit elf Jahren erstmals nach Berlin kam, wusste sie, dass sie irgendwann hier leben würde. „Ich hab in der Stadt eine Pause von meinem realen Leben bekommen“, sagt die 23-jährige Sängerin mit dem Faible für schwarze Kleidung und schwarzem, kreisrunden Kajalstrich um die Augen. „Das war damals eine unglaublich schwere Zeit für mich.“

Gut möglich, dass das mit ihrer ungewöhnlichen Biografie zusammenhängt. Geboren und aufgewachsen ist sie, die eigentlich Dominique Dillon de Byington heißt, in Sao Paulo. Als sie vier Jahre alt war, verliebte sich ihre Mutter in einen deutschen Mann und zog mit ihm nach Köln. Als Kind sei ihr dieser Bruch mit der Heimat kaum zur Last gefallen. „Aber je älter ich wurde, desto mehr war ich durcheinander“, sagt sie. Es gebe da eine schmerzhafte Stelle in ihr, die sie immer wieder zum Schreiben bringe. Das sei ein natürlicher, völlig intuitiver Prozess – „wie wenn man ein Parfüm riecht und sich in einer Sekunde wieder an ganz viele Sachen erinnert“, sagt sie.

Den Drang, dann ihre Gedanken aufzuschreiben, verglich sie in einem Interview einmal mit dem Kotzen. Ein vielleicht irreführendes Bild, wenn man ihre Texte hört, die meist subtil, metaphorisch und bewusst fragmentarisch bleiben: „Das sind Notizen für mich selbst.“ Mit ihrer unverwechselbar kehligen, wie von einer Patina aus Zigarettenrauch überzogenen Stimme erzählt sie dann von Robotern auf der Suche nach Kristallen oder ihren Beinen, die plötzlich zu Spaghetti werden. Manchmal wirken diese Stücke naiv oder sogar banal. Dillon kümmert das nicht, genauso wenig wie die Meinung einiger Kritiker, sie kopiere Joanna Newsom oder Lykke Li. „Wenn ich bewusst etwas geklaut hätte, dann würde ich mich schämen, aber so ist es nicht.“

Dillon macht die Musik in erster Linie für sich selbst, vielleicht auch um sich ein Stück weit selbst zu therapieren. „This Silence Kills“ – zu deutsch „Diese Stille tötet“ –, ist der Titel ihres nun auf Bpitch Control erschienenen Albumdebüts. Und diesen Satz meint sie „todernst“, wie sie sagt. Viele der Stücke stammen noch aus ihrer Anfangszeit als Musikerin. Damals, vor fast fünf Jahren, habe sie sich bewusst isoliert und mit Stille umgeben. „Irgendwann musste ich aber aus dieser Situation wieder heraus“, sagt sie. „Mein Ausweg war die Musik.“

Richtig gelernt hat sie aber weder ein Ins­trument noch den Gesang, sie ist Autodidaktin. Zu Hause in Köln begann sie 2007 am Klavier ihre ersten eigenen Stücke zu spielen und nahm sich dabei auf Video auf. Die Ergebnisse stellte sie auf Youtube ins Netz und schon nach kurzer Zeit wurde sie mit Lob überhäuft. Dillon sah für sich jetzt die Möglichkeit, professionelle Musikerin zu werden und zog nach Berlin. Kurze Zeit später veröffentlichte sie ihre erste Single und war mit Tocotronic auf Tour. Ihr Gig am 17. Dezember im ://about blank war so schnell ausverkauft, dass es nun ein Zusatzkonzert gibt.

Den ursprünglichen Reiz übt Berlin immer noch auf sie aus. Die Stadt laufe für sie wie in Zeitlupe ab, sagt sie. Dass dieser träge Rhythmus nicht allen gut tue, habe sie in ihrem Umfeld schon miterlebt. „Viele Leute kommen mit großen Plänen nach Berlin und verlieren sich hier dann schnell.“ Bei ihr sei das nicht so gewesen, denn sie habe von Anfang an ihr Ziel gehabt. Ausschweifendes Nachtleben und Clubs seien sowieso nicht ihr Ding, an Berlin reize sie vielmehr das „echte Leben“, wie sie sagt. „Mich interessiert das Zwischenmenschliche.“

Stundenlang lässt sie sich durch die Stadt treiben, setzt sich in die Ringbahn, „weil man da nicht wieder aussteigen muss“, oder fährt lange Strecken mit ihrem Klapprad „Herr Klein“. Sie beobachtet und dosiert die harten Kontraste zwischen Charlottenburg und Marzahn wie Gift und Gegengift. „Du kannst es hier süß oder auch eiskalt haben“, sagt sie. Manchmal, wenn sie zu viel von der rauen Seite Berlins gesehen hat, dann geht sie auch mal den Ku’damm rauf und runter – „drei Stunden lang und dann wieder woanders hin“, sagt sie und lacht.

Als sie sich die Haare aus dem Gesicht streift, sieht man für einen Augenblick ihr tätowiertes Handgelenk: ein Blitz und eine Krone. Das sind Motive ihres Lieblingskünstlers Jean-Michel Basquiat, der seine Charaktere vor allem mit der Krone adelte. Manchmal aber auch benutzte er sie als Symbol dafür, dass er sich für den besten Straßenkünstler der Stadt hielt. Was das Tattoo für sie bedeutet, lässt Dillon unbeantwortet – sie geht jetzt erst mal ihr Klapprad suchen, das sie irgendwo in Mitte vor zwei Wochen abgestellt hat.

Text: Lucas Negron

Foto: Benjamin Pritzkuleit

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