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Du bist Berlin: Erik Spiekermann – der Schriftenentwerfer

Erik SpiekermannGerade hat er eine Broschüre für einen größeren Auftraggeber erstellt. Das ist ganz gut. Doch so richtig zufrieden ist er nicht. Sein Haarschnitt gefällt ihm nicht. Er fährt sich mit der Hand über den fast kahlen Kopf. Eine neue Haarschneidemaschine ist schuld an dem glänzenden Ergebnis. Das ist eher schlecht.

Erik Spiekermann, der Star-Designer und Schriftentwerfer, ist gänzlich unprätentiös. Und das passt auch zu seinem Job. „Ich mache gerne Sachen, die öffentlich sind, aber von denen keiner weiß, dass ich sie gemacht habe. Ich bin kein Künstler,und entsprechend gehört unser Design auch nicht ins Museum, sondern in den Alltag. Wenn einer merkt, dass etwas designt ist, funktioniert es nicht.“ Und so weiß kaum jemand, dass das komplette Leitsystem der BVG (darunter auch der Netzplan für U- und S-Bahn) von Erik Spiekermann entworfen wurde. Auch eine weitere wichtige Orientierungshilfe hat Berlin Spiekermann zu verdanken – die Haltestellennamen an den Bus-Wartehäuschen. „Ich hatte damals in den 80ern Krach mit einem Typen von der BVG, weil der meinte, es wüsste doch jeder, dass die Haltestellen nach der nächsten Querstraße heißen –, ich wusste das natürlich nicht.“

Spiekermann hat auch das Corporate Design für Berlin entwickelt – mit dem stilisierten Brandenburger Tor als Logo. Die Liste seiner Auftraggeber ist ein „Who’s Who“ der internationalen Wirtschaft: Audi und VW sind darunter, die Deutsche Bahn, Nokia, für Apple und Adobe entwickelte er Schriften, und er machte das Redesign für den englischen „Economist“. Spiekermann hat ein schmales Büro in seiner Agentur Edenspiekermann in Mitte, in einer hinteren Ecke hängt der Bun­desdesign-Preis. Man entdeckt ihn höchstens zufällig. Und das ist wohl auch Absicht.

Spiekermanns Preise und Auszeichnungen sind Legion. Er wurde 2007 in die European Designers Hall of Fame aufgenommen und von der britischen Queen zum Royal Designer for Industry ausgezeichnet. In diesem Jahr ist er für die Europäische Kommission als Kreativ- und Innovationsbotschafter unterwegs. „Die sind bestimmt nur auf mich aufmerksam geworden, weil ich immer gemeckert habe, aber wer meckert, muss auch bereit sein, was zu tun.“ Vor allem die öffentlichen Ausschreibungen gehen ihm auf die Nerven: „Allein, wie die beschrieben sind, ist eine Ka­tastrophe. Das wird wie im Einkauf gemacht: Ich hätte gerne drei Stück Entwurf. So kauft man auch Panzerketten oder Kinderschuhe. Deshalb formuliere ich jetzt mit, wie Ausschreibungen für Design aussehen könnten.“

Spiekermann spricht schnell. Und er wird sehr deutlich, wenn ihm etwas gegen den Strich geht. Dass geistig unbewegliche Bürokraten nicht mit ihm klarkommen, glaubt man sofort. Trotzdem arbeitet er immer wieder mit öffentlichen Auftraggebern zusammen. Zurzeit entwickelt er in London ein Fußgängerleitsystem – und bringt die Kartografen gegen sich auf. Denn auf den neuen Schildern sind nicht nur Sehenswürdigkeiten, sondern auch Straßen aufgezeichnet – aber in Blickrichtung und nicht wie auf einem Stadtplan nach Himmelsrichtungen.

Vermutlich wird Spiekermann auch dafür einen Preis bekommen, der ihn nicht wirklich interessiert. „Ich habe ganz viele Titel und Auszeichnungen, aber ich finde die Urkunden alle nicht mehr.“ Und eine Sekretärin hat er nicht: „Das wäre mir peinlich.“

Erik SpiekermannAnders verhält es sich mit seinen Büchern. „Die weiß ich auswendig.“ Sie sind alle klein und rot, weil der ehemalige Drucker Spiekermann findet, dass Bücher „klein und rot“ sein müssen. Gerade hat er sich wieder eine Druckmaschine für zu Hause gekauft – „aus nos­talgischen Gründen“. Seine erste Druckmaschine bekam er mit zwölf Jahren von einem benachbarten Drucker geschenkt. „Während und nach meinem Studium habe ich ein paar Jahre davon gelebt.“ Sogar nach England hat er die Maschinen in zwei Sattelschleppern mitgenommen. Grafiker wurde er erst, nachdem 1977 seine Druckerei abbrannte.

Zurzeit werkelt Spiekermann an einem neuen Buch. Zusammen mit Create Berlin soll ein Nachschlagewerk über die Berliner Designszene entstehen. „Von den ca. 70 Eingaben, die ich mir bisher angeschaut habe, haben 80 Prozent der Kollegen mal bei mir gearbeitet.“ Und darauf ist Spiekermann wirklich stolz, dass er nicht nur der Gründer der Schriftszene, sondern auch der Paterfamilias der Grafikerszene ist: „Die Leute sind mir wichtiger als irgendwelche Preise, die ich von irgendwelchen Gremien bekommen habe, an die ich mich nicht mehr erinnern kann.“

Text: Britta Geithe

Fotos: Jens Berger

www.edenspiekermann.com

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