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Du bist Berlin: Fatmire Bajramaj – Die Hoffnungsträgerin

fatmireFatmire Bajramaj hat fast zweihundert Paar Schuhe im Schrank. Die Fußballschuhe sind da noch gar nicht mitgezählt. Eigentlich muss es niemanden interessieren, wieviel Schuhe jemand hat, aber bei Fatmire Bajramaj ist die Sache anders: Sie ist ein Star in einer Disziplin, von der viele Menschen noch immer nicht so recht wissen, ob es dabei mehr um Athletik oder um Erotik geht, und ob nicht das eine immer nur auf Kosten des anderen möglich ist. Sie spielt Fußball. Am 26.6. eröffnet Deutschland gegen Ni­geria die Weltmeisterschaft der Frauen 2011, und Fatmire Bajramaj wird, wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, dieser Mannschaft angehören. Sie wird wieder bunte Schuhe tragen, die Fans für sie entworfen haben, oder genauer gesagt: die ihr Aus­rüster nach Ideen von Fans herstellt.

Wenn Christiano Ronaldo oder Ronaldinho in rosaroten Tretern zum Kunstschuss antreten, dann sorgt das auch für ein wenig Aufmerksamkeit. Aber bei Fatmire Bajramaj werden die Schuhe zur Hauptsache. „Sie verkörpert mit ihrem extrovertierten Auftreten etwas“, schrieb neulich eine Boulevardzeitung, „was früher dem Frauenfußball abging: Weiblichkeit.“ Beim Stichwort Weiblichkeit denken die meisten Medien nun einmal lieber an Glamourgirls als an, sagen wir es vorsichtig, andere Rollenbilder, die es im Frauenfußball auch gibt, und deswegen hat Fatmire Bajramaj das Zeug zu einem der großen Stars dieses Turniers – so wie im Vorjahr in Südafrika der Stern von Mesut Özil aufging. Im Vergleich ist sie allerdings schon etwas weiter als der männliche Kollege, denn sie ist mit der deutschen Auswahl schon Welt- und Europameisterin, und sie hat auch die Champions League gewonnen, das war 2009 mit dem 1. FFC Turbine Potsdam, für den sie bis zu dieser Saison gespielt hat.

Nun wechselt sie nach Frankfurt, das hat manchen Fans in der Region die Stimmung verdorben. Von Abzocke und „Verfall der Sitten“ war die Rede. Momentan wohnt ­Bajramaj – zwischen zwei Jobs – in Mönchengladbach bei den Eltern, denen sie von ihrem künftigen Arbeitsplatz aus deutlich näher sein wird. Und vielleicht hat sie dann sogar wieder einmal Zeit, nach Dortmund zu fahren, denn sie ist Anhängerin des BVB, und nicht der Gladbacher Borussia, dem Lieblings­club der Fußballromantiker. Nun gibt es aber erst einmal das Turnier. In dieser Zeit darf die Frage nach der Zugehörigkeit zu einem Club keine Rolle spielen. Dass es im Frauenfußball auch einen Transfermarkt gibt wie bei Männern, daran muss sich die deutsche Öffentlichkeit gerade erst gewöhnen, die generell lieber Idealistinnen am Werk sieht als Profis mit verhandelbaren Verträgen.

Fatmire Bajramaj hat viele Verträge. Das hängt wiederum mit ihrer Attraktivität zusammen, die aus vielen Faktoren besteht: ihr Spiel, ihr Aussehen, ihr Auftreten. Ihre Geschichte. Sie wurde 1988 im Kosovo geboren, mit fünf Jahren kam sie nach einer abenteuerlichen Flucht nach Deutschland, wo die Bajmarajs in einem Flüchtlingsheim in Remscheid Aufnahme fanden. In einem Buch kann man diese Geschichte jetzt nachlesen: „Mein Tor ins Leben. Vom Flüchtling zur Weltmeisterin“. Von Lira ­Bajramaj. Lira, das ist der Rufname von Fatmire Bajramaj, die sich in dem Buch auch zu ihrer muslimischen Religion äußert, zu der Frage des Kopftuchs („ist mir nicht so wichtig“) oder des Fastens während des Ramadans: „Lieber Gott, das geht im Moment einfach nicht. Ich werde es aber nachholen, wenn ich mit dem Fußball aufhöre.“ Das Karriereende der heute 23-Jährigen liegt zwar noch in weiter Ferne, sie macht sich aber doch schon den einen oder anderen Gedanken. „Irgendwann mal noch eine Weltreise“, und danach vielleicht „die Kosmetikbranche in Deutschland aufmischen. Da passe ich als Diva genau hin, oder?“ Gehen wir einmal davon aus, dass das nicht das letzte Wort bleiben muss.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Nike Women SU11 Kollektion

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