Stadtleben

Du bist Berlin: Frank Lukas

Es sind gut ein halbes Dutzend, meist leer getrunkener Ein-Liter-Cola-Zero-Flaschen, die sich auf dem Schreib­tisch von Frank Lukas drängen. Der 39-jährige Geschäftsführer und Programmmacher von TIMM, dem ersten, frei empfangbaren schwulen Fernsehsender Deutschlands, hatte in den vergangenen Tagen offenbar einen erhöhten Koffeinbedarf. Bei der Produktionsgesellschaft des Homo-Senders, herrschte kurz vor der Ausstrahlungspremiere am 1. November Arbeitseinsatz total. Dass dann wenige Zeit vor Sendestart die Technik zu streiken begann, machte die Sache nicht einfacher. Frank Lukas: „Es lief einfach nicht richtig rund. Ständig hatten wir kleine Pannen.“ Doch um 13.15 Uhr, pünktlich zum geplanten TIMM-Auftakt, flimmerte die schwule US-Fernsehserie „Noah’s Arc“, eine in Deutschland zuvor noch nicht ausgestrahlte Soap um junge, homosexuelle Afro-Amerikaner in L.A., dann endlich über den Bildschirm.
Wie er beim Gespräch in seinen schwarzen Ledersessel hineinsinkt, wirkt Frank Lukas immer noch etwas erschöpft. Nur die Anspannung ist aus seinem Gesicht gewichen und hat einem Ausdruck von erster Zufriedenheit Platz gemacht. Nach 15 Jahren Fernsehmachen, davon knapp zehn Jahre als selbstständiger Produzent, der mit seiner Firma South & Browse für Sender wie RTL oder Pro7 Magazinformate oder Doku-Soaps erdachte und realisierte, erfüllt sich Lukas gerade einen Lebenstraum.

Der in Braunschweig geborene Fernsehmacher, der 1990 zum Studium nach Berlin kam, ist überzeugt, dass ein Sender wie TIMM in der deutschen TV-Landschaft fehlt. Zwar sei etwa „Sex and the City“ eine Serie gewesen, die Schwule mögen, weil dort offen, humorvoll und manchmal etwas derb über Männer gesprochen wird. Doch wenn es um realitätsnah dargebrachte homosexuelle Lebensformen ginge, suche man bei den großen Sendern vergeblich. Frank Lukas: „Die wenigen Schwulen im aktuellen Fernsehen spiegeln die sehr he­terogene homosexuelle Szene nicht wider.“ Und das einzige bundesweit ausgestrahlte Homo-Magazin, das nur viermal jährlich gesendete „anders TREND“von RTL – eine Produktion von Frank Lukas -, war in dem Wust von Programmen kaum zu entdecken. Und wurde wieder eingestellt.
Frank-LukasDass Frank Lukas auf die Darstellung von Klischeeschwulen nicht gut zu sprechen ist, mag mit seiner eigenen Erscheinung zusammenhängen. In seinem abgewetzten dunkelbraunen Cord-Jackett entspricht er weder dem Bild des exaltierten Medienmachers noch dem des Homo-Szenegängers. Im Gegensatz zu seinen Berliner Anfangsjahren habe er inzwischen ohnehin fast keine Zeit mehr für ein intensives Privatleben. „Die Entwicklung von TIMM stellte meine Beziehung unter eine hohe Belas­tungsprobe, und selbst meinen Hund musste ich übergangsweise zu meinen Eltern geben.“ Als Entschädigung dient ihm, dass er nun, unabhängig von einengenden Vorgaben der großen Sender, ein Programm gestalten darf, in dem Schwulsein nicht jedes Mal neu erklärt werden muss. Neben Spielfilmen sendet TIMM Dokumentationen, Serien oder Sitcoms. Besonders stolz ist Frank Lukas auf die Eigenproduktionen: „Homecheck“ etwa ist eine schwule Dating-Show, „Timmtoday“ ein tägliches Abendmagazin, das über aktuelle Themen aus Politik, Wirtschaft oder der Szene informiert.

Doch obwohl – oder gerade weil – Frank Lukas über große Erfahrung in Sachen Fernsehmachen verfügt, will er sich bei der Programmgestaltung nicht alleine auf seine eigene Intuition verlassen. Ein wichtiger Teil von TIMM sei auch die Internet-Community, die sich auf der eigenen Homepage zahlreich zu Wort melde. Für Lukas ist sie ein Seismograf von Stimmungen und aufkommenden Bedürfnissen. Dass das Thema schwules Coming-out in der Szene immer noch ein Dauerbrenner ist, weiß Frank Lukas aber auch aus eigener Erfahrung. Als er Ende der 1980er Jahre nach einer Liaison mit dem damals noch unbekannten Peter Plate von Rosenstolz seine Eltern über seine sexuelle Orientierung aufklärte, sei für die eine Welt zusammengebrochen.

Längst aber haben sich die Wogen wieder geglättet. So reisten Lukas’ Eltern nicht nur zur Auftaktparty mit Klaus Wowereit kurz vor dem TIMM-Sendestart an. Sie hätten, so Frank Lukas, auch ein stolzes Leuchten in ihren Augen gehabt.

Text: Eva Apraku
Foto: Jens Berger

TIMM sendet via Satellit (Astra digital) täglich ab 17.15 Uhr bis Mitternacht und ist in den meisten Kabelnetzen digital verfügbar. Empfangen werden kann TIMM aber auch im Internet über www.zattoo.com. Über das Programm des schwulen Senders informiert www.timm.de, wo sich auch die Community trifft.

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