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Du bist Berlin: Frank Wolf – Der Lokal-Patriot

Frank Wolf

Ein Internet-Spätkauf-Shop, ein türkischer Herrenfriseur, ein Elektronikteile-Laden: Die Emdener Straße, eine Abzweigung der Turmstraße, ist tiefstes Moabit und galt bis vor Kurzem vor allem als Gegend zum Wegziehen. Auch die Hausnummer 55, ein Gebäude aus den 1960er-Jahren, verströmt diesen Hauch von Tristesse: Neben einer Fahrschule ist ein Laden, durch dessen Fenster man durcheinander gestelltes Mobiliar erspäht: abgewetzte Second-Hand-Sessel, alte Kneipenstühle, abgeschabte Wohnzimmertische.
Trotzdem bleiben immer wieder Passanten, türkische Opas, gebeugte Ur-Berlinerinnen, düstere Halbstarke sowie geschäftige Studentinnen stehen. Sie winken in den Laden hinein oder öffnen gar die Tür, um mit dem neuen Inhaber ein Schwätzchen zu halten. Denn wenn Frank Wolf nicht gerade mit seinem BMX-Rad auf einer Gala irgendwo in Deutschland auftritt, Bühnenprogramme konzipiert oder am Schneidetisch Filmaufzeichnungen bearbeitet, dann werkelt er an der Einrichtung seines jüngsten Projektes, dem Cafй Moabit herum. Eine kleine Bühne steht schon, die Wände sind nun dunkelrot und gold gestrichen, im Schaufenster erstaunt eine Sammlung alter Kaffeemühlen.
Frank WolfObwohl das Lokal erst am 21. Februar eröffnet, fanden bereits Poetry-Slam-Events, Kiez-Bingo-Veranstaltungen, Runde Tische zur Zukunft Moabits – auch hier ist Gentrifizierung ein Thema – und natürlich Auftritte von Käpt’n Kiez, dem selbsternannten, inoffiziellen Bürgermeister von Moabit, statt. Der Käpt’n ist ein überzeugter Vorkämpfer für die Sache des Bezirks. Denn in diesem Stadtteil erlebte Frank Wolf, der hinter der Maskerade aus weißer Uniform, Kapitänsmütze, Pilotenbrille und Kaiser-Wilhelm-Bart steckt, seine prägenden Jahre. Als DOA21 (= Diamond of Art + alte Postbezirksbezeichnung Moabits) sprühte er hier ab Ende der 1980er-Jahre Graffitis, übte BMX-Kunststücke ein und veranstaltete später in Moabiter Clubs und Kaschemmen Hip-Hop-Parties, bei denen er auch selber rappte.
Der 38-Jährige mit der Stoppel-Frisur ist ein erstaunliches Multitalent, dem jede seiner Fähigkeiten scheinbar mühelos zuzufliegen scheinen. Auf seinem BMX-Rad turnt und tanzt er herum, wie andere es nicht einmal auf festem Untergrund vermögen. Weil das seit rund zwanzig Jahren so viele Leute sehen wollen, konnte er sich schon als Twen ein Musikstudio, das Artikulabor, leisten, eigene Hip-Hop-Stücke entwickeln oder die Songs anderer „Spreepatienten“ produzieren, so der Name der von ihm einst zusammengehaltenen Berliner Rapper-Vereinigung. Wirklich Geld brachte das zwar nicht, dafür aber viel Spaß, Kontakte zu Hinz und Kunz, darunter auch machohaften Jung-Rappern aus arabischen Clans, die ihre mangelnden Perspektiven mitunter mit kriminellen Aktivitäten auszugleichen suchen. „Moabit ist nach der Bezirkszusammenlegung komplett durch das Raster gefallen“, sagt Frank Wolf. „Die Jugendeinrichtungen müssen für jeden Kleckerbetrag kämpfen und auch das Freibad am Poststadion, früher wichtigster Sommertreffpunkt der Moabiter Jugend, soll nicht mehr geöffnet werden.
In seiner Käpt’n-Kiez-Aufmachung platzte Frank Wolf deswegen protestierend in eine Stadtteilkonferenz herein oder organisierte mit dem von ihm initiierten Verein „Moabit ist Beste“ eine Demonstration in Badebekleidung. Als leicht lächerliche, maritime Kunstfigur – „Kapitän deshalb, weil Moabit eine von Wasserkanälen umschlossene Insel ist“ – will der Kiez-Aktivist Berühungsängste abbauen, die ihm selber eher fremd sind. Denn ganz gleich, ob Mitte-Bürgermeister Christian Hanke um die Ecke biegt oder ein türkischer LKW-Fahrer beim Cafй die Teppichfliesen anliefert – auch in Zivil scherzt und berlinert Frank Wolf mit jedem lustvoll und mit hoher Wortfrequenz.
Trotzdem lässt er auch andere mal reden. Etwa als Gastgeber des Talk-Formates von Moabit TV, eine von ihm kreierte Internetsendung auf Youtube, von der seit 2009 rund ein Dutzend Folgen abgedreht wurden. Gitarre Moabit, ein Straßenmusiker und Kiez-Original, kommt darin genauso vor wie der Moabiter Bäckermeister Andreas Zandonai, der nicht nur nach althergebrachter Art Brote und Brötchen backt, sondern auch soziales Engagement zeigt. Frank Wolf kennt sie alle, die Moabiter Helden des Alltags. Und erwartet sie demnächst in seinem Cafй Moabit, wo seine Talk-Show künftig aufgezeichnet wird. Schon ruckelt er zwei alte rote Sessel zurecht – das Lokal kriegt langsam Konturen.

Text: Eva Apraku

Fotos: Oliver Wolff

Cafй Moabit, Emdener Straße 55, Moabit, Eröffnung: 21.2., 15–22 Uhr, www.facebook.com/cafemoabit

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