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Du bist Berlin: Gerald Uhlig-Romero – Der Cafй-Künstler

HoffmannDiese Auswahl muss man erst mal haben. Seine liebsten Gäste sind nicht Spitzenpolitiker wie Angela Merkel oder Joschka Fischer. Es sind auch nicht die Künstler wie Wim Wenders, Bruce Willis oder Udo Lindenberg. Nein, am liebsten sind Gerald Uhlig-Romero die Nobelpreisträger. Da gerät er ins Schwärmen. „Das Einstein ist meine Privatuniversität. Hier kann ich mit ihnen sitzen und über ihre Entdeckungen reden.“ Eine der Ausstellungen in der Galerie des Cafй Einstein hat dafür gesorgt, dass hier von allen Orten Berlins die höchsten Chancen bestehen, auf einen Nobelpreisträger zu treffen. Als Uhlig-Romero sich fragte, welchen Beitrag sein Kaffeehaus zum Einsteinjahr 2007 leisten könne, kam die Antwort zur Tür hineinspaziert: Der Fotograf Peter Badge hatte viele Jahre lang Nobelpreisträger porträtiert und bot seine Arbeiten für eine Ausstellung an. Seitdem ist das Cafй bei diesem Wissenschaftlerkreis bekannt.

Einen „Bienenstock“ nennt Gerald Uhlig-Romero, geboren 1953, sein Kaffeehaus, und „eine soziale Skulptur im Sinne von Beuys“. Er sagt: „Ich bin kein Gastronom, sondern ich wollte ein Kunstwerk schaffen, das ein Ort ist, wo alle Gesellschaftsgruppen aufeinanderstoßen.“ Man kann sich über solche Sätze wundern. Man kann sie überdreht finden. Doch der Erfolg gibt ihm recht. Uhlig-Romero ist Inhaber des womöglich berühmtesten Kaffeehauses der Republik. Dass er das Wesen eines Kaffeehauses so gut versteht, hat mit seiner Ausbildung zu tun. In Wien, am Max-Reinhardt-Seminar, hat der gebürtige Heidelberger Schauspiel und Regie studiert und viel Zeit zwischen Me­lange und Einspänner verbracht. Er hat einen „geistigen Ort“ geschaffen. Und er weiß um die Überzeugungskraft guten Essens. „Wir haben hier so viele prominente Gäste, die in der ganzen Welt herumkommen und Vergleiche ziehen können, da müssen wir erstklassige Qualität bieten.“ Erst spielte Uhlig-Romero Theater, dann setzte er raumgreifende Performances in Museen in Szene. Auf dem Kulturforum machte er eine Corrida für Pablo Picasso. In der neuen Nationalgalerie inszenierte er zu den Bildern von Otto Dix „Das Lied des Karpfen“ mit einer ganzen Flotte von Schauspielern, von denen einer einen 80 Kilo schweren Hai durch die Halle schleppte. 60 Bühnenstücke hat er als Autor geschrieben und gemeinsam mit Yoko Ono ein Musical inszeniert.

Trotzdem hat er erst mit dem Kaffeehaus sein Multitalent voll ausgeschöpft. Eines seiner Einpersonenstücke hatte ihn in das Cafй Einstein in der Kurfürstenstraße gebracht, wo dessen verstorbene Gründerin Uschi Bachauer ein Kulturprogramm veranstaltete. 1996 eröffnete er mit ihr das zweite Einstein Unter den Linden. Dem Cafй schloss er eine Galerie an, und er schaffte es, berühmte Fotografen anzuziehen. Helmut Newton, die Schauspieler Dennis Hopper und Joel Grey, Wim Wenders, Andrй Rival. Der größte Coup war die Schau mit Sam Shaws unveröffentlichten Aufnahmen von Marilyn Monroe. 100?000 Besucher. Einer von ihnen war Bill Clinton. „Man, it’s so clever“, habe er immer wieder gesagt, erinnert sich Uhlig-Romero. Im letzten Oktober war dann wieder einer der Nobelpreisträger da, Aaron Ciechanover. Mit Annette Schavan eröffnete der Biochemiker die Ausstellung „seltenes alphabet“. Aus 25 Olivenbäumen leuchteten in Neon-Buchstaben die Namen seltener Krankheiten. Die begehbare Installation hat Gerald Uhlig-Romero geschaffen. Er ist selbst von so einer seltenen Krankheit betroffen.
Das erste, was auffällt, wenn man Gerald Uhlig-Romero begegnet: Dieser große Mann ist dünn. Sehr dünn sogar. Er hat Morbus Fabry, einen genetisch verursachten Stoffwechseldefekt. 53 Jahre hat es gedauert, bis ein Arzt das herausfand. Die tödliche Krankheit zerstört alle Organe. Seit 2006 lebt er mit der gespendeten Niere seiner Frau, der Künstlerin Mara Romero.

Auch sie kam eines Tages durch die Tür seines Kaffeehauses. Sie haben eine Tochter. Damals wusste er noch nicht, warum seine Hände ständig brannten, er einen Hörsturz nach dem anderen hatte. Als er die Diagnose erfuhr, sagte er sich: „Kein Rückzug, genau das Gegenteil“. Obwohl jetzt auch sein Herz betroffen ist. „Das Herz wird zum Schuster gebracht, vielleicht kann man es noch einmal neu besohlen“, sagt er. Die Krankheit raubt eine Menge Kraft. Er gibt Aufgaben ab. „So spare ich Energie.“ Energie, die er an anderer Stelle wieder einsetzt. Sein „seltenes Alphabet“ würde er am liebsten in allen europäischen Großstädten installieren.

Text: Stefanie Dörre

Foto: Oliver Wolff

Cafй Einstein Unter den Linden Unter den Linden 42, Mitte; Die Ausstellung „15 Jahre Einstein Unter den Linden“ ist vom 22.3.–30.4. tgl. von 7 bis 22 Uhr geöffnet.

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