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Du bist Berlin: Greg Cohen – Der Saiteneinsteiger

Greg CohenBassisten spielen sich nicht gern in den Vordergrund. Deshalb haben sie sich ja irgendwann für den Kontrabass entschieden. Auch Greg Cohen ist eher eine stille Natur, doch wenn er in die Saiten greift, hat jeder Ton die Legitimation der ganzen Jazzgeschichte. Nichts kann ihn aus der Ruhe bringen. Wie fast alle Musiker ist auch er ein ständiger Wanderer. Flugzeuge, Kleinbusse und Backstage-Bereiche wurden sein zweites Zuhause.
Die Sehnsucht nach etwas mehr Bodenhaftung hat ihn nun ans Jazz-Institut Berlin verschlagen, wo er mit stoischer Gelassenheit die String-Sektion leitet. Greg Cohen könnte der aufstrebenden Jazzszene von Berlin jenen Mittelpunkt geben, der ihr bisher fehlte. Für einen begnadeten Improvisator wie ihn war es nur folgerichtig, sich von einem Zufall an die Spree führen zu lassen. „Ein Leben lang ist man von Ort zu Ort unterwegs. Auf einem Gig oder am Flughafen trifft man Menschen, ohne zu realisieren, dass diese zufällige Begegnung grundsätzliche Entscheidungen fürs Leben zur Folge haben kann.“
In diesem Fall kam die Verlockung von Schlagzeuger John Hollenbeck, der schon seit einigen Jahren am JIB lehrt.
Zunächst reizte Cohen die Zurückgezogenheit der Lehrtätigkeit. Der Zeitpunkt schien günstig, denn der Jazz der deutschen Hauptstadt erfreut sich zurzeit unter Kennern eines ähnlichen Rufes wie der von New York vor 20 Jahren. Doch Cohen reagiert auf die Stadt vorerst wie auf seine Bands. Er hält sich im Hintergrund. „Meistens stecke ich ja in meinem Büro. Da ich die Sprache nicht spreche, wird es noch eine Weile dauern, bis ich die Stadt verstehe. In New York weiß ich immer, was um mich herum passiert. Das beeinflusst mein Verhältnis zum musikalischen Puls der Stadt.
Für Klassik und experimentelles Theater gäbe es keinen besseren Ort auf der Welt als Berlin, erzählt Cohen. Aber er habe hier noch keine Erfahrungen gemacht, die sich mit einem Konzert von Art Blakey in New York vergleichen ließen. „In jeder Stadt gibt es jedoch Türen und Fenster, um die richtigen Dinge zu finden.“
Greg CohenBleibt der scheue Magier also vorerst ein New Yorker in Berlin? Oder ist er schon ein Berliner aus New York? Diese Frage stellt sich für ihn gar nicht, denn er fühlte sich auch nie als New Yorker. Ursprünglich kommt er aus Los Angeles. Dass er sich an sein Leben als Nomade längst gewöhnt hat, führt er auf seine jüdischen Vorfahren zurück. „Mein Großvater und seine Ahnen sind mit einer Pferdekutsche den ganzen Weg von New York nach Mississippi runtergefahren, um Seife, Werkzeuge und ähnlichen Kram zu verkaufen. Seit 2000 Jahren ziehen jüdische Familien von einem Ort zum anderen und bringen ihre Sachen mit. Vielleicht ist es mit mir genauso. Ich frage mich nur immer, was ich persönlich zu geben habe.“
Cohen sucht nach der gemeinsamen Resonanz mit anderen Musikern, egal ob es sich dabei um routinierte Kollegen oder Studenten handelt. In seinem verkramten Büro am Einsteinufer steht ein Pappkarton voll alter Audio-Kassetten, wie ein Sinnbild für die akkumulierte Klangerinnerung der letzten hundert Jahre. Cohen braucht nicht viele Worte, um Erfahrungen mitzuteilen. Allerdings bleibt er als Lehrer auch immer noch praktizierender Musiker und die meisten seiner musikalischen Gespielen leben nach wie vor in New York. Ein Spagat, der ihn nicht anficht. „Die Musiker, mit denen ich in New York spiele, sind sowieso ununterbrochen in Europa auf Tournee. Es macht Spaß, mit diesen Jungs in New York zu spielen, aber es kann ebenso gut Rom oder Seoul sein. Mit wem man zusammenspielt, ist doch viel wichtiger, als wo das passiert.“
Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das Gravitationszentrum Cohen weitere New Yorker nach Berlin zieht. Angst, den Big Apple zu vermissen, hat er nicht. Jede Stadt beschreibe hinsichtlich Kunst und Kultur ihre eigene Lebenskurve, lautet seine Maxime. „Menschen kommen und gehen. Viele meiner Freunde in New York werden dort bis an ihr Lebensende bleiben. Schon deshalb werde ich immer wieder zurückkehren.“
Doch erst einmal bleibt er in Berlin. Immer häufiger ist er auch in den Clubs der Stadt zu sehen. Anfangs löste seine Anwesenheit noch aufgeregtes Geraune aus, doch langsam gehört seine hünenhafte Gestalt zur Berliner Normalität. Der ewige Wanderer kommt zur Ruhe und drückt auch dieser Stadt seinen Stempel auf.

Text: Wolf Kampmann

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