Stadtleben

Du bist Berlin: Helene Hegemann

Helene HegemannAls Helene Hegemann aus dem Dämmergrau eines Berliner Novembersonntags in das Cafй am Wasserturm kommt, sieht sie etwas verwuschelt aus, Katzen-T-Shirt, kurzer Rock, Turnschuhe. Sie ist gerade in der Tram beim Schwarzfahren erwischt worden. Wir treffen uns, um über ihren ersten Film „Torpedo„zu sprechen, der kürzlich auf dem Festival in Hof Premiere hatte. Außerdem schreibt sie fürs Radio und das Theater, arbeitet an ihrem ersten Roman und ihrem zweiten Film. Helene Hegemann ist 16. Und irgendwie wissen wir beide, dass das wohl der Hauptgrund ist, warum wir hier sitzen. „Es lässt mich an mir selbst zweifeln, dass mein Alter ein prominenteres Thema ist als mein Film. Aber ich kokettiere ja auch damit – oder ich kokettiere sogar damit, dass ich damit kokettiere.“

Für „Torpedo“, eine intensive Studie über die 15-jährige Mia, die nach dem Tod ihrer Mutter aus dem Ruhrgebiet zu ihrer Tante nach Berlin zieht und so ins absonderliche Biotop der progressiven Theaterszene gerät, was der psychischen Stabilisierung nur bedingt zuträglich ist, hat der mediale Klassifizierungswahn sie zum „Regie-Wunderkind„stilisiert. Doch an dieser jungen Frau ist nichts Wunderkindliches: kein bisschen altklug, kein bisschen vor der Zeit gereift. Oft klug und reflektiert, manchmal überschwänglich begeistert, und manchmal auch ratlos über das, was das Leben so mit ihr angestellt hat. Und umgekehrt, denn Helene Hegemann ist keine, die ruhig abwartet.

Helene HegemannAndere schreiben in ihrem Alter Tagebuch oder Gedichte für die Schublade oder bloggen sich allenfalls in eine beschränkte Öffentlichkeit – dagegen ist ein Film eine sowohl aufwendige als auch exhibitionistische Angelegenheit. Warum es diese Form sein musste, kann sie im Nachhinein nicht mehr genau sagen: „Das war etwas, das aus dem Innen­nebel meines Bewusstseins heraus einfach so entstanden ist. Jetzt, wo dieser Film fertig ist, weiß ich erst, wo ich hin wollte. Er entspricht mir total.“Der erste Entwurf entstand, als sie einige Tage krank zu Hause im Bett lag, und was da aus dem eigenen Erleben kam und nach außen strebte, konnte sie sich nur als Film vorstellen – und sah sich folglich mit der geschäftigen Eigendynamik eines kapitalintensiven Mediums konfrontiert. Auch hier war die Jugend eher Vorteil denn Hindernis, „das musste ich auch ausnutzen, diesen Jugendbonus, den ich als Teenager habe, und ich würde sicher irgendeine sensationsgeile Produktionsfirma finden – was auch der Fall war“.

Sie sagt Teenager, eine Vokabel, die schon etwas Staub angesetzt hat und ihr vielleicht gerade deshalb gefällt, weil sie nicht richtig passen will. Sie hat einige Erfahrung mit der Selbstentfremdung, denn die Geschichte der Mia ist ein Stück weit auch ihre eigene. Und die musste raus aus dem System: „Sein eigenes Elend kreativ zu verwalten, da hat ja jeder irgendwie Lust drauf, und jeder hat ja mal irgendwann den Ehrgeiz, ein Buch zu schreiben.“Spätes­tens hier wird klar, dass die Welt der Helene Hegemann nicht das Gymnasium in Steglitz ist, sondern der spezielle Kosmos der Volksbühne. Ihr Vater Carl Hegemann war dort bis vor zwei Jahren Dramaturg. Durch ihn kam sie mit der Theaterszene in Berührung, die Kontakte im Filmbereich hat sie sich ganz unabhängig erschlossen – Tom Tykwer ihr Drehbuch geschickt, Nicolette Krebitz auf MySpace kennen­gelernt. Und der Supernanny Katharina Saalfrank einfach einen Brief geschrieben und sie für einen skurrilen Auftritt als Jugendtherapeutin in „Torpedo“gewonnen.Helene Hegemann

Sie nennt es „den größten Glücksfall meines Lebens“, dass sie vor zwei Jahren nach dem Tod ihrer Mutter von Bochum nach Berlin gezogen ist. Hier führt sie nun das Leben der kreativen Bohиme. Vom Schulalltag hat sie sich verabschiedet, will ihr Fernabitur in eineinhalb Jahren geschafft haben. Auf die Frage nach neuen Projekten erzählt sie begeistert von der Internet-Sitcom torstrasse-intim.de, die Freunde von ihr mit viel Professionalität und wenig Geld gedreht haben. Mit einer der Autorinnen arbeitet sie jetzt an einem neuen Film zum Medea-Komplex – wobei sie den Namen Medea nicht mehr gerne erwähnt, „sonst kommt es sofort so an, als vergreife sich hier eine 16-Jährige an einem Klassiker“. Wenn sie es erzählt, passen Dinge zusammen, die aus verschiedenen Welten zu kommen scheinen. Es gibt viele Gründe, mit Helene Hegemann zu reden. Ihr Alter zählt nicht dazu.

Text: Stella Donata Haag

Fotos: Jens Berger

Torpedo (42 Min.) ist am Do 4.12. um 21.15 Uhr beim Festival Around The World in 14 Films in Babylon Mitte zu sehen (Whg. am Sa 6.12., 22.30 Uhr)

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