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Du bist Berlin: Jan Bredack – Der Vorkoster

Jan_BredackEs ist eine Geschichte, die sich liest wie aus einem Selbsthilfebuch. Noch vor vier Jahren war Jan Bredack der Prototyp eines Karrieremenschen. Mitte 30, Betriebswirtschaftler, in der Geschäftsführung eines internationalen Automobilkonzerns. Er ist weltweit unterwegs, jettet von Kontinent zu Kontinent. Sein Hobby: Triathlon. 80 Kilometer laufen jede Woche, dazu 200 Kilometer Rad fahren und ein dizipliniertes Schwimmprogramm. Seine Prioritäten: „Erst kam die Arbeit, dann der Sport, dann schnelle Autos, dann lange nichts.“ Heute lässt kaum etwas vermuten, dass hinter dem genügsamen Enddreißiger ein Vertriebsdirektor aus der Automobilbranche steckt. Jan Bredack sitzt auf einer Couch aus braunem Kunstleder, er trägt ein rotes T-Shirt, eine schwarze Schürze, Leinenschuhe. Er schlürft an einem grünen Smoothie. Die Zutaten: Salat, Banane, Ananas, Mango. Er erzählt von seinem Leben vor vier Jahren, als rede er von einer anderen Person.

Ein Burn-out riss ihn raus, aus seiner Ehe, aus dem Sport. Der Lebenswandel kommt fast über Nacht. Er lernt eine neue Frau kennen, seit 14 Jahren Vegetarierin. Er taucht in die Szene ein, merkt, dass er sich besser fühlt mit vegetarischer Nahrung. Aus dem Menschen, der früher Fleisch fast roh verschlang, wird ein Veganer. Vor knapp einem Monat eröffnete Jan Bredack in der Schivelbeiner Straße 34 den ersten veganen Supermarkt in Deutschland. Supermarkt heißt Vollsortiment mit 6000 verschiedenen Produkten. Nicht nur Gemüse und Reiscracker, sondern auch Waschmittel, Hundefutter, Haarfärbemittel und ein Dutzend Sorten veganer Milch. „Weil der Milchverzicht so viel schwieriger ist als Fleischverzicht“, erklärt Bredack. Es gibt vegane Kondome aus Naturkautschuk und Gleitmittel, Wurstersatz, Pizza und Chips. Er möchte nicht nur die Hardliner erreichen.

„Die Vegetarier und Veganer kommen sowieso.“ Sie wussten vom Geschäft durch
einschlägige Foren im Internet schon lange vor der Eröffnung. Bredack interessiert auch die wachsende Schicht derer, die sich bewusst ernähren, selbst kochen, auf Herkunft und Zusammenstellung der Produkte achten. Auch Allergiker. Da habe es zum Beispiel diesen Kunden gegeben, der fast geweint habe, als er eine glutenfreie Pizza im Gefrierfach entdeckte. Importiert aus den USA. Zwei Jahre Recherche benötigte er mit seiner Frau, um das Sortiment zusammenzubekommen. Die Idee zu Veganz, so heißt der Supermarkt, kam Jan Bredack, als er vegan wurde und im Supermarktkorb nicht mehr viel übrig blieb, was er kaufen konnte. Nun will er zeigen, dass vegan nicht gleich Verzicht bedeutet. „Wir sitzen nicht mit der Mohrrübe in der Ecke und sind unterernährt.“ Nebenan soll noch ein zweiter Laden eröffnen, für Seminarräume und eine Showküche. Bredack reagiert nicht mit Ablehnung auf Fleischesser, sondern reicht ihnen die Hand und vielleicht einen Brotaufstrich.

„Probier doch mal.“ Er greift zu einem Rohkostkäse aus Cashewkernen dazu Crackern aus Leinsamen. „Mich schreckt es ab, wenn sich Leute zum Demonstrieren in rote Töpfe schmeißen. Das bezweckt nichts, außer dass die Leute ein schlechtes Gewissen kriegen.“ Der 39-Jährige selbst ist keiner dieser Hardliner, so wie auch viele seiner Mitarbeiter. Bredack bezeichnet sich selbst als Rohkostler. Nur im Stress der Eröffnung habe er ab und an einen Bagel von der Backtheke gegessen. Sonst ist alles tabu, was über 45 Grad erhitzt wurde. Er isst Gemüse, Obst, Getreide, aber kein Brot. Kein Kaffee. Keine Suppe. „Der Mixer wird zum besten Freund“, sagt er und zeigt einen Kasten voller Wildkräuter und dann doch noch ein paar Essblüten. „Früher haben wir die selbst von der Wiese gepflückt.“ Die aus seinem Supermarkt sammelt ein Bauer aus dem Umland, der regelmäßig, noch in Gummistiefeln, die Kräuter in den Laden liefere. Dass sein Geschäft ein Erfolg wird, daran hegt Bredack keinen Zweifel. Zu sehr habe so ein Konzept in Berlin gefehlt, sagt er. Und der Geschäftsmann besitzt, was den Idealisten und Weltverbesserern der veganen Szene oft fehlt: Kenntnisse von BWL, Unternehmensführung, Finanzen. Bredack denkt sogar schon an weitere Läden. 18 Filialen plant er. „In Deutschland“, fügt er rasch hinzu und deutet damit an, dass eine internationale Expansion nicht auszuschließen ist. Das Denken in kleinen Dimensionen ist nicht sein Ding, dafür war er zu lange Global Player. Und dann, zwischen Rohkostkäse und Salatsmoothie, scheint er doch ein wenig durch, der Vertriebsdirektor aus dem Automobilkonzern.

Text: Antje Binder

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