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Du bist Berlin: Jeanette Klemmt – Die Dogworkerin

Jeanette-KlemmtWenn Jeanette Klemmt in ihr Diktiergerät spricht, dann wirkt das so routiniert, als würde ein Fernseh-Anwalt an einem brisanten Fall arbeiten: „Dörte hat eine Wurmkur bekommen, Troll wurde gechippt. Krawall an den Impfausweis erinnern.“ Jeanette Klemmt ist Tierärztin. Mit einer Praxis, deren Fläche rund sieben Quadratmeter beträgt – und die vier Räder hat. Es ist ein umgebauter Rettungswagen. In großen Buchstaben steht auf seinen Türen „HundeDoc“. Wismarplatz in Friedrichshain. Es ist HundeDoc-Sprechstunde. Ausschließlich die Tiere von obdachlosen Jugendlichen, meist Punkern, werden von Jeanette Klemmt behandelt. „Oft geht es um Routinebehandlungen wie Impfungen oder Parasitenentfernung“, sagt sie und säubert die Wände sorgfältig von Schlammspritzern. „Aber auch Bisswunden sind dabei und Kastrationen.“ Klemmt zeigt stolz auf ihr kleines Reich, wringt dann den Lappen über einem kleinen Waschbecken aus. In ihrer rollenden Praxis muss alles sauber sein für die nächste zottelige Promenadenmischung, von der bis zu 700 pro Jahr in den Wagen steigen.

Ins Leben gerufen wurde das Projekt vor elf Jahren vom Arbeitskreis City-Bahnhöfe. Man suchte eine Möglichkeit, mit den jungen Obdachlosen Kontakt aufzunehmen, die mit ihren Hunden vor S- und U-Bahnhöfen ihre Tage verbrachten. Jeanette Klemmt bekam den Job als Tierärztin angeboten – und nahm an. Obwohl die Klientel Neuland für sie war: „Ich komme aus einem ganz bürgerlichen Haushalt in Wilmersdorf. Mit Straßenkids hatte ich mich vorher noch nie unterhalten.“ Schnell wich ihre Scheu einem Umgangston, der zwischen Kumpel und Lehrer changiert. Als ein junger Hundehalter mit gelben Haaren und Lederkutte ungelenk zu einer Frage ansetzt, unterbricht ihn die Ärztin: „Ich will DICH etwas fragen, nicht DIR. AKKUSATIV!“
Doch nicht nur bei falscher Grammatik zeigt die 42-Jährige Strenge. Auch, wenn die Jugendlichen den Impfausweis für ihr Tier vergessen haben, gibt es mahnende Worte. Das Projekt HundeDoc soll auch dazu dienen, Verantwortungsgefühl zu vermitteln. „Man ist hier schon so etwas wie ein Sozialarbeiter“, sagt die Ärztin. „Obwohl ich davon eigentlich keine Ahnung habe.“

Muss sie auch nicht. Denn den sozialpädagogischen Part übernehmen Einrichtungen wie Karuna e.V., das Wagendorf Wuhlheide oder die Kontakt- und Beratungsstelle „Zoobaracke“. Nur Jugendliche, die derart betreut werden, dürfen den Tierarzt-Dienst in Anspruch nehmen. Das erwartet der Projektträger des über Spenden finanzierten HundeDocs, die Stiftung Sozialpädagogisches Institut Berlin. „Wer sich vorher nicht bei einer der Organisationen in eine Liste einträgt, dessen Hund darf ich nicht behandeln“, erklärt Klemmt die Regelung knapp. Geht es allerdings um „ihre Punks“, wird ihr Tonfall weicher: „Einige der Kids und ihre Hunde kenne ich schon seit Jahren. Wobei – die Tiere überleben oft ihre Besitzer.“ Viele der jungen Obdachlosen sterben an ihrer Sucht oder kommen immer wieder ins Gefängnis.

Trotzdem gilt das Konzept des HundeDocs als erfolgreich. Wegen ihrer Sorge um die Hunde, oft die wichtigsten Gefährten der jungen Obdachlosen, nehmen viele Trebegänger häufig erstmals Kontakt mit Streetworkern auf. 2006 wurde Jeanette Klemmt für ihre Arbeit mit der Bundesverdienstmedaille ausgezeichnet. Trotzdem drohte das Projekt vor zwei Jahren an der fehlenden Feinstaubplakette für den Rettungswagen zu scheitern: Fahrten in die Innenstadt zu den Sprechstundenterminen durften mit dem alten Wagen nicht mehr gemacht werden. Jeanette Klemmt gab kurzerhand selbst die Spendensammlerin. 30?000 Euro kamen zusammen. Genug für einen neueren Wagen. Ist „HundeDoc“ Jeanette Klemmts Traumberuf? Trotz einer befristeten 60-Prozent-Stelle, der Abhängigkeit von Spenden oder einer Klientel, deren Verhalten das Leben auf der Straße geprägt hat? „Das vielleicht nicht“, lacht die Tierärztin und wirkt zum ersten Mal unsicher. „Ich finde es aber gut, in seinem Leben etwas für andere zu tun. Sowohl für Tiere als auch für Menschen.“ Doch als hätte sie zu viel von sich verraten, schiebt sie gleich hinterher: „Als Angestellte in einer regulären Praxis hätte ich außerdem weniger Eigenständigkeit.“

Text: Cosima Grohmann

Foto: Oliver Wolff

Hundedoc
www.stiftung-spi.de/hundedoc

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