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Du bist Berlin: Jenny Wolf – Der Kurvenstar

JennyWolfDer 16. Februar 2010 könnte ein wichtiger Tag im Leben der Sportlerin Jenny Wolf werden. Kurz vor Mitternacht mitteleuropäischer Zeit steht im Richmond Olympic Oval, unweit der gastgebenden kanadischen Stadt Vancouver, der zweite Lauf über 500 Meter im Eisschnelllauf auf der Olympia-Agenda, der – neben den nicht-olympischen 100 Metern – Spezialdisziplin der Marzahnerin.

Jenny Wolf will Gold – auch dafür dreht die Berlinerin seit über 20 Jahren ihre Runden am Olympiastützpunkt in Hohenschönhausen. Einst fand die kleine Jenny während eines ähnlich kalten Winters wie in diesem Jahr „meine ersten Schlittschuhe unter dem Weih­nachtsbaum“. Fortan trieb sie sich auf Kufen auf jeder größeren, gefrorenen Pfütze rum. Da sie mit ihren damals acht Jahren aber schon zu alt für den Eiskunstlauf war, wo Talente üblicherweise bereits kurz nach den ersten Geh-Erfolgen einsteigen, entschied sich Wolf für den „zu DDR-Zeiten sehr populären Eisschnelllauf“, als Christa Luding-Rothenburger Gold in Calgary holte. Die Ausnahme-Athletin wurde zum Vorbild der kleinen Marzahnerin.

Wobei Christa Luding-Rothenburger allerdings nie so schnell war, wie Jenny Wolf heute ist. Niemand war das: Jenny Wolf hält seit den Weltmeisterschaften 2007 den Weltrekord über 500 Meter und übertrumpfte die Kanadierin Catriona LeMay Doan, die den Rekord über zehn Jahre verteidigen konnte. Jenny Wolf war „an einem meiner großen Vorbilder vorbeigelaufen“, wie sie sagt. Direkt nach dem entscheidenden Lauf verspürte sie aber nicht nur pure Freude, sondern hatte „fast ein schlechtes Gewissen, den Superstar geschlagen zu haben.“ Eine Reaktion, die den Menschen Jenny Wolf charakterisiert, der sich deutlich von der Athletin auf dem Eis unterscheidet. Während die Eislaufsprinterin ihre Strecke äußerst aggressiv angeht, ist Jenny Wolf privat „eher ruhig und gemütlich und mag keinen Stress“ um sich herum. Von ihrem eher schüchternen Auftreten außerhalb der Eisbahn sollte sich die Konkurrenz allerdings nicht auf’s Glatteis führen lassen. „Wenn man es rational betrachtet, kann bei Olympia nichts anderes herauskommen als Gold. Ich müsste schon eine Menge falsch machen“, lächelt erst die zurückhaltende Jenny verlegen, ehe die selbstbewusste Sportlerin Wolf nachlegt: „Auf dem Eis weiß ich genau: Da bin ich die Beste, das hab ich wirklich drauf.“

JennyWolf Kein Wunder also, dass Wolf für ihr nebenberufliches Germanistik- und Soziologiestudium an der Humboldt-Universität fast zehn Jahre brauchte, ehe sie das Kapitel mit einer Abschluss­arbeit über Kinder- und Jugendliteratur abschließen konnte. Der Sport war immer das Wichtigste. Um diesen herum pflegt sie aber auch andere Hobbys. So nutzt sie die zahlreichen Wettkampf-Reisen und schaut sich auch jenseits des Eis-Ovals an den Zielorten vor allem in Museen um. Wie auch in Berlin, wo sie die freie Zeit neben den rund fünf Stunden Training täglich am liebsten mit Kultur verbringt. Als Stammgast besucht sie regelmäßig die Wechselausstellungen des Deutschen His­torischen Museums, interessiert sich für Fotografie und für Kino und zieht „Arthouse dem Mainstream vor“, wobei sie es für einen Moment zu bedauern scheint, wegen der Olympischen Spiele „die tollen Filmen der Berlinale“ zu verpassen.

Doch läuft am 16. Februar alles nach Plan, und Jenny Wolf hält ihr erstes olympisches Gold nach dem zehnten Platz in Salt Lake City (2002) und dem sechsten Platz in Turin (2006) in den Händen, wäre das ja auch etwas: ganz, ganz großes Kino.

Text: Denis Demmerle

Foto: Judith Triebel

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