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Du bist Berlin: Jessica Weiss – Die Netzwerkerin

Jessica Weiss„Es ist schon anstrengend, 24 Stunden online zu sein. Heute Morgen habe ich noch im Schlafanzug von zu Hause aus einen Beitrag gepostet, dann bin ich in die Redaktion gefahren.“ Jessica Weiss sitzt auf einem bequemen Bürostuhl, die Beine hat sie übereinandergeschlagen, sie wippt mit dem Fuß. Es ist kurz nach 11 Uhr. Auf ihrem Schreibtisch stapeln sich internationale Modemagazine und Einladungskarten zu Modeschauen. „Oft sitze ich bis 23 Uhr am Computer, ob zu Hause oder im Büro“, sagt die 24-Jährige. „Auf meinen Reisen mache ich tagsüber Termine. Nachts schreibe ich dann die Beiträge. Das ist total stressig, aber es ist genau das, was ich machen will.“ Jessica Weiss betreibt das erfolgreichste Modeblog im deutschsprachigen Raum: Les Mads. Sie gehört zu den Pionieren des Modejournalismus im Netz. Etwa 620?000 Leser hat das Online-Magazin nach eigenen Angaben im Monat. 2010 gewann Les Mads beim Lead Awards die Goldmedaille als „Weblog des Jahres“, nominiert waren auch bildblog.de und netzpolitik.org. Neben Weiss berichten sechs weitere Blogger auf Les Mads: Sie informieren über Neuheiten und Hintergründe, sie sind in Berlin, Frankfurt, Zürich, London, Paris, New York und Tel Aviv unterwegs. Sie stellen Läden, Labels, Designer, Kampagnen, Online-Shops und Kleidungsstücke oder Accessoires vor. Sie machen Fotos auf Modeschauen. Sie geben Styling- und Shoppingtipps. Sie verraten ihre Lieblingsrestaurants und posten Partytermine.

„Ich will die Erste sein, die die neuesten Infos veröffentlicht“, sagt Weiss. Ihr Job als Modebloggerin bedeutet nicht, dass sie jeden Tag stundenlang vor dem Spiegel verbringt und durch Geschäfte schlendert. „Dafür habe ich gar keine Zeit“, sagt sie. Über 400 Blogs durchforstet sie beinahe täglich, auch am Wochenende. Sie muss die Themen ihrer Blogger und Praktikanten koordinieren. Dazu kommen Termine auf der ganzen Welt. „2010 bin ich etwa ein Drittel des Jahres gereist, Urlaub hatte ich nur zehn Tage“, sagt sie und blättert in ihrem neuen Terminplaner. „In diesem Jahr soll das anders werden, da will ich mehr Urlaub machen.“ Doch das ist gar nicht so einfach. Bereits in der ersten Januarwoche war sie drei Tage in Florenz auf der Firenze4ever, einem Treffen der 40 weltweit einflussreichsten Modeblogger. In den nächsten Wochen sind Warschau, New York, Kopenhagen und Paris in ihrem Kalender eingetragen. Und die Premiere des Buches „Modestrecke. Unterwegs mit Les Mads“. Das Buch hat Weiss zusammen mit ihrer ehemaligen Kollegin Julia Knolle geschrieben. Knolle und Weiss haben Les Mads, der Name ist eine fiktive Abkürzung von „les Mademoiselles“, vor vier Jahren als eine Art privates Tagebuch gegründet. Damals waren sie noch Studentinnen, Weiss studierte Marketing-Kommunikation in Essen und Knolle BWL in Köln. Schnell wurde der Burda-Verlag auf die beiden aufmerksam, wenig später waren die Studentinnen fest angestellte Redakteurinnen, das private Tagebuch ein professioneller Modeblog, und aus dem Homeoffice in Nordrhein-Westfalen wurde 2009 ein eigenes Büro in Berlin. Vor etwa einem halben Jahr hat Julia Knolle bei Les Mads aufgehört, Jessica Weiss ist seitdem die alleinige Chefin des Blogs. Ihr Buch ist ein Rückblick auf die gemeinsame Zeit. Aber es ist zugleich auch ein detailreiches Porträt der gegenwärtigen Modebranche, das selbstverständlich, wie der Blog, rein subjektiv bleibt.

Das facebookmäßige, tägliche Veröffentlichen dessen, was man mag, wird Les Mads und vielen anderen Modeblogs von gedruckten Magazinen wie etwa der Vogue immer wieder vorgeworfen. Das, was Jessica Weiss morgens anzieht, kann man spätestens nachmittags online begutachten und auf dem Blog diskutieren. Auch die Auswahl der Themen richtet sich nach ihren Vorlieben, auf ihrem Blog finden sich ihre Eindrücke, Erfahrungen und Erlebnisse in der Modewelt. Wie kritisch man das auch immer sieht, mit den Modeblogs hat sich ein Modejournalismus etabliert, der sehr zeitnah an den Geschehnissen dran ist, ihnen einen persönlichen Stempel aufdrückt und so den schnelllebigen und auch subjektiven Charakter, den die Mode hat, so adäquat wiedergeben kann wie kein anderes Medium. „Es ist wichtig, als Person präsent zu sein. Das macht einen Modeblog aus“, sagt Weiss dazu. „Mein Geschmack ist das Blog.“

Text: Katharina Wagner

Foto: Benjamin Pritzkuleit

www.lesmads.de

Julia Knolle, Jessica Weiss: „Modestrecke. Unterwegs mit Les Mads“ Berlin Verlag 2011, 222 Seiten, 9,95?Ђ

Buchpremiere: Quartier 206 (Basement), Friedrichstraße 71, Mitte, Sa 22.1., 17-19 Uhr

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